Ingeborg-Bachmann-Preis : Das große Klagenfurter Schaulesen ist bedroht

Am Wörthersee beginnt am Mittwoch der 37. Bachmann-Wettbewerb. Es könnte das letzte große Literatur-Spektakel sein – denn der ORF steigt aus.

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Harte Bandagen.Rainald Goetz betreibt 1983 vor Marcel Reich-Ranicki Selbstverstümmelung.
Harte Bandagen.Rainald Goetz betreibt 1983 vor Marcel Reich-Ranicki Selbstverstümmelung.Foto: Isolde Ohlbaum/laif

Einst pflegte der Österreichische Rundfunk mit den Künsten eine glückliche Symbiose. Am besten zeigte sich das beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, traditionell ausgetragen im olympischen Halbrund des ORF-Landesstudios Kärnten und seit 25 Jahren live übertragen vom Gemeinschaftssender 3sat. „Literatur sollte der Beginn von etwas sein, das wir nicht wussten“, sagte dort einmal der Schriftsteller Burkhard Spinnen, seit einer gefühlten Ewigkeit anekdotenreich dozierender Präsident der Jury.

Das Bonmot hat sich letzte Woche überraschend bewahrheitet. Niemand außer der ORF-Generaldirektion in Wien war darüber informiert, dass eine der wichtigsten deutschsprachigen Literaturveranstaltungen im nächsten Jahr das Aus droht. 80 Millionen Euro sollen insgesamt eingespart werden, da der Sender, dessen Budget 2012 stattliche 900 Millionen Euro betrug (davon 596 Millionen aus Gebühren), in Zukunft keine sogenannte Gebührenrefundierung mehr erhalten soll. Darunter ist laut ORF-Sprecher Martin Biedermann die staatliche Erstattung jener Gebühren zu verstehen, die dem ORF durch Beitragsbefreiungen für sozial Schwache entstehen.

Am 21. Juni hatte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz bekannt gegeben, die Tage der deutschsprachigen Literatur würden 2014 „sicher nicht“ im Landesstudio Kärnten stattfinden. „Beim Bachmann-Preis kommt dazu“, so Martin Biedermann, „dass der ORF nicht nur überträgt, sondern auch Kosten der Veranstaltung übernimmt. Das ist durchaus unüblich und auch nicht unbedingt Aufgabe eines Medienunternehmens.“ Der Sender berichtet über hunderte Kulturereignisse in Österreich, ohne diese zu veranstalten.

350 000 Euro kostet der Bachmann-Wettbewerb den Sender jährlich, hinzu kommen laut ORF-Kärnten-Intendantin Karin Bernhard 400 000 Euro für Empfänge und Sonstiges. Während die Übertragung des Wiener Opernballs bis 2017 gesichert ist, will sich der ORF unter anderem aus der Finanzierung des Musikprotokolls des renommierten Steirischen Herbstes zurückziehen, und auch das Radio-Symphonieorchester bangt um sein Bestehen. Außerdem sind mehrere Reportage-Formate in Gefahr, während die Krimi-Allzweckwaffe „Columbo“ und andere gut abgehangene US-Serien auf den Bildschirm zurückkehren. Der ORF, der seit den 1990er Jahren private Konkurrenz hat, zeigt auch deutlich mehr Werbung als die öffentlich-rechtlichen Anstalten hierzulande.

Die Dichterin Ingeborg Bachmann hatte einst mit einem Kloß im Hals vor der Gruppe 47 ihre Gedichte gelesen. Der nach ihr benannte Wettbewerb in ihrer zeitlebens ungeliebten Geburtsstadt sah sich von Beginn an Anfeindungen aller Art ausgesetzt, was gleichzeitig seine Immunisierung bewirkte. Bereits nach der Premiere 1977 fragte eine österreichische Zeitung unter der Überschrift „Das Windhunderennen ist abgelaufen“: „Wir es weitere Ingeborg-Bachmann-Preise geben?“ Der Schriftsteller Humbert Fink und ORF-Intendant Ernst Willner hatten die „Nachgeburt“ der Gruppe 47 aus der Klagenfurter Woche der Begegnung entwickelt. Dadurch, dass sich die ehedem elitäre Gruppenkritik in den öffentlichen medialen Raum verlagerte, wurde sie erstmals für ein breites Publikum überprüfbar – und zur Unterhaltung.

Peter Wawerzinek, Sieger des Jahres 2010.
Peter Wawerzinek, Sieger des Jahres 2010.Foto: picture alliance / dpa

Im Jahr 2000 strich Landeshauptmann Jörg Haider die Unterstützung Kärntens für die „sterile und totgelaufene Veranstaltung“, woraufhin die Telekom Austria als Sponsorin einsprang. Die Bachmann-Erben entzogen aus Protest vorübergehend den Namen. 2006 enterten mit der späteren Preisträgerin Kathrin Passig die Internetpioniere rund um „Riesenmaschine“ und „Wir höflichen Paparazzi“ das Pressecafé mit seinem grünen Linoleumboden; auch sie wurden friedlich integriert. 2008 wurde das Wettlesen, bei dem ursprünglich mehr als zwanzig Kandidaten und elf Juroren antraten, auf unglückliche Weise aufgemotzt und mit Dieter alias Max Moor als völlig aliterarischem Moderator versehen; im Jahr darauf ruderte man wieder zurück. Doch dass im vergangenen November die überaus kompetente und allseits geschätzte Organisatorin Michaela Monschein nach elf Jahren ihres Postens enthoben wurde, lasen viele Auguren definitiv als schlechtes Zeichen. 2014, so hieß es aus dem ORF-Stiftungsrat, solle alles „fetziger, poppiger, fernsehtauglicher“ werden.

Literatur braucht Aufmerksamkeit - Klagenfurt bietet sie

Und jetzt droht nach der 37. Ausgabe, die am Mittwoch beginnt, das Ende, weil der ORF schlingert. „Literatur braucht Aufmerksamkeit, Klagenfurt bietet sie“, stellt Uwe Tellkamp fest, Ingeborg-Bachmann-Preisträger des Jahres 2008. Ihn hat Klagenfurt bekannt gemacht, wie so viele andere Teilnehmer dieses einzigen Gipfeltreffens der drei deutschsprachigen Literaturen. Ob Rhapsoden wie Wolfgang Hilbig und Hermann Burger, Rebellen wie Rainald Goetz mit blutendem Stirnschnitt vor laufender Kamera und Urs Allemann mit seinem Text „Babyficker“, den eine Feministin mit einer Farbspray-Attacke auf des Autors Kopfhaar ahndete. Ob Katja Lange-Müller, Sibylle Lewitscharoff, Marcel Beyer, Georg Klein, Josef Winkler, Kurt Drawert, Peter Wawerzinek: Die Namen derer, die ihre literarische Öffentlichkeitstaufe am Wörthersee erhielten, ist Legion. Marcel Reich-Ranicki, der bis 1986 als Verfechter der abgeschafften Spontankritik die Kandidaten erzittern ließ, fragte sich: „Aber was hat denn nun eigentlich im Juni 1977 in Klagenfurt stattgefunden? Ein Fest der Literatur? Ein Wettbewerb mit zwei Preisen und einem Stipendium? Ein Dichtermarkt? Eine Art Börse? Wirklich eine Arbeitstagung? Oder gar eine literarische Modenschau? Es war, glaube ich, alles auf einmal – und das ist gut so.“

2012 gewann Olga Martynova.
2012 gewann Olga Martynova.Foto: REUTERS

Nirgendwo sonst ist Literaturkritik so unmittelbar als Verfertigung der Gedanken beim Reden zu erleben wie bei den 3sat-Übertragungen aus dem ORF-Theater. In den 36 Jahren seines Bestehens ist der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb zum durchaus kritisierbaren Produzenten von Legenden und Anekdoten geworden, zu einem summenden Bienenstock der Gegenwartsliteratur, dokumentiert in den „Klagenfurter Texten“. In einem offenen Brief haben die Bachmann-Juroren Meike Fessmann, Hildegard Keller, Daniela Strigl, Paul Jandl, Juri Steiner, Hubert Winkels und Burkhard Spinnen ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz zu einem Gespräch nach Klagenfurt eingeladen. Der Protest aus dem In- und Ausland zeigt allmählich Wirkung.

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