Ingeborg Bachmann : Verrat durch die Männer

Mit Ingeborg Bachmanns radikalen Krankheitsnotaten „Male Oscuro“ beginnt die auf 30 Bände angelegte Bachmann-Edition der Verlage Piper und Suhrkamp.

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Traumprotokolle. Ingeborg Bachmann im Jahr 1972. Foto: Barbara Pflaum/Imago
Traumprotokolle. Ingeborg Bachmann im Jahr 1972. Foto: Barbara Pflaum/ImagoFoto: Barbara Pflaum/Imago

Im Oktober 1965 träumte die 39-jährige, in Rom wohnende Ingeborg Bachmann nach einem Besuch ihres Verlegers Klaus Piper sehr bewegt. Sie sieht sich auf einem Schiff, auf dem unter der Regie des Schauspielers Hansjörg Felmy ein Film gedreht wird. Als sie sich für ihren Auftritt zurechtmacht, halb angezogen und mit Lockenwicklern auf dem Kopf, bemerkt sie, dass Felmy sie heimlich filmt. Sie drängt ihn, das Material herauszugeben, doch er widersetzt sich. Da greift sie nach einem Schälchen mit warmer Seifenlauge, wie es für die Maniküre verwendet wird, und schüttet die Lauge in die Kamera: „Es fängt zu dampfen an, ich gehe zurück und sage zu H. J. F., ich hätte ihn gewarnt und ich sei von jetzt an ganz verändert, ich werde jedem wie eben hier ihm, sofort das vergelten, was er mir tut.“

Dieses Traumprotokoll, in dem der spätere Essener „Tatort“-Kommissar zu unerwarteten Ehren kommt, ist eine Prosaperle, die allerdings von der Autorin nicht zur Publikation bestimmt war. Insgesamt 18 Traumnotate präsentiert der Band „Male Oscuro. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit“ als Auftakt der auf 30 Bände angelegten Salzburger Bachmann-Edition nun erstmals in einem Gemeinschaftsprojekt der Verlage Piper und Suhrkamp.

Frisch karikierte Bachmann in "Mein Name sei Gantenbein"

Ingeborg Bachmanns Nachtmahre schwanken zwischen Verzweiflung und grotesker Komik: „Eine ältere Frau, eine Wahrsagerin, leitet das Skifahren.“ Sie hält sie in ihrer großzügigen, nach unten tendierenden Schrift fest und tippt sie später ab. Der darin zentral auftauchende „M. F.“ oder „F.“ für Max Frisch verschwimmt häufig mit der Figur ihres Vaters, was Inzestinterpretationen neuen Auftrieb geben dürfte. Empfänger der Typoskripte war der Baden-Badener Psychotherapeut Dr. Helmut Schulze, den sie als „Caro dottore“ titulierte und der die Texte für die Therapie verwendete. Ein Großteil der Traumprotokolle fand später Eingang in den Roman „Malina“.

In ihrem Schiffstraum hatte Ingeborg Bachmann mit ihrem Akt der Notwehr gegen Indiskretion Erfolg. Tagsüber war ihr das spätestens seit Ende 1962 nicht beschieden: Zu diesem Zeitpunkt trennte sich der Kollege Max Frisch (1911–1991) nach vier Jahren des Zusammenlebens in Zürich und Rom von ihr, um mit der 23-jährigen deutschen Studentin Marianne Oellers zusammenzuleben. 1964 veröffentlichte er außerdem den Roman „Mein Name sei Gantenbein“, in dessen weiblicher Hauptfigur Lila sich Ingeborg Bachmann auf zutiefst verletzende Weise karikiert sah.

Am 10. Dezember 1962 begab sie sich, offenbar nach einem Selbstmordversuch, für drei Wochen in die Zürcher Bircher- Brenner-Klinik, der Beginn der von ihr so titulierten „Misere“. Gut vier Wochen später folgte ein weiterer Klinikaufenthalt. Bei diesem wurde ihr trotz Kinderwunsch, der nicht zuletzt in den Träumen auftaucht, aller Wahrscheinlichkeit nach die Gebärmutter entfernt, was für sie drastische hormonelle und psychische Folgen hatte, wie sie in einer fiktiven Ansprache an die Ärzte ausführte: „Die Operation ist vorbildlich, alles gelungen, der Patient zwar nicht tot, aber in einer irrsinnigen Aufregung, Weinkrämpfe, Schreie, Verzweiflung.“ Dieser Zustand sei von den Ärzten als „übliche Angelegenheit von Mittdreißigerinnen“ verharmlost worden, ganz im Sinne einer seit Jahrhunderten männlich dominierten Gynäkologie, welcher die Gebärmutter lange als – abgesehen von der Reproduktion – überflüssiger Hohlkörper galt.

1954 gewann Bachmann den Preis der Gruppe 47

Am 24. Januar 1963 sprach Ingeborg Bachmann andeutungsweise von „Verrat“ durch den operierenden Chirurgen, wie die Herausgeber im gut 200 Seiten starken, akribischen Kommentarteil ausführen. Bachmanns titellose Rede an die Ärzteschaft bildet neben den Traumprotokollen den zweiten Schwerpunkt des Buches. Diese „Rede“ ist stilistisch an Franz Kafkas „Bericht an eine Akademie“ angelehnt – kühl und beiläufig verhandelt die Patientin im „Hohn auf die eigene Vernünftigkeit“ Ungeheuerlichkeiten: „Es ist das Recht der Gesunden, die Kranken nicht zu verstehen.“ Aber auch ihre von den Herausgebern belegte Beschäftigung mit Michel Foucaults Abhandlung „Wahnsinn und Gesellschaft“ geistert durch die Zeilen: Wahn und Krankheit erscheinen bei beiden Autoren als eine Art Gegenvernunft. Auslösender Faktor für Bachmanns zwei nicht gehaltene, an Psychiater adressierte Reden war Giuseppe Bertos Roman „Il male oscuro“ (Das dunkle Übel) von 1964. Berto beschreibt darin seine siebenjährige Odyssee durch Praxen und Kliniken.

Doch will man das als Leser alles so genau wissen? In der Schlussszene des Romans „Malina“ sagt das Ich, bevor es verschwindet: „Ich möchte etwas hinterlassen, aber ich möchte auch das Briefgeheimnis wahren.“ Ingeborg Bachmanns Briefgeheimnis wird mit der Salzburger Ausgabe nun endgültig verletzt; in vier Jahren soll auch ihre Korrespondenz mit Max Frisch erscheinen, die bislang gesperrt ist. Seit Jahrzehnten wird die Bachmann-Rezeption von zwei Polen bestimmt, worauf bereits 1999 die Germanistin Sigrid Weigel hinwies: einerseits vom Mythos der „reinen Dichterin“, der vergeistigten, hilflosen Frau, der in der chauvinistischen Gruppe 47 kursierte. So hatte auch der „Spiegel“ 1954 die Schriftstellerin auf einem Cover mit dunkelrotem Kussmund abgebildet, nachdem sie den Preis der Gruppe 47 gewonnen hatte. Andererseits agiert die feministische Literaturwissenschaft nicht weniger vereinnahmend: Sie liest Bachmanns Texte vor allem unter dem Aspekt der weiblichen Identität, obwohl es ihr immer gerade darum ging, kollektive Identitäten zu dekonstruieren.

Die von Hans Höller und Irene Fußl verantwortete Salzburger Edition bietet durch die Offenlegung der autobiografischen Quellen die Chance, diese Diskrepanzen zu beenden. Bachmanns bis zum Überdruss zitierter Satz aus ihrer Dankesrede für den Hörspielpreis der Kriegsblinden 1959, wonach die Wahrheit dem Menschen zumutbar sei, erfährt damit eine neue Dimension des Wörtlich-Nehmens. Die Krankheit, egal welcher Art, sei „eine Produktion wie eine künstlerische“, notierte sie während ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Arzt und Psychosomatiker Georg Groddeck: „Sie will etwas sagen, sie sagt es durch eine bestimmte Art zu erscheinen, zu verlaufen und zu vergehen oder tödlich zu enden.“

Ingeborg Bachmann: Male Oscuro. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Hgg. von Isolde Schiffermüller u. Gabriella Pelloni. Suhrkamp und Piper, Berlin/München 2017. 259 S., 34 €.

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