Ingeborg-Bachmann-Wettlesen : Der Reiz des "Du"

Am zweiten Tag des Ingeborg-Bachmann-Wettlesens gab es überraschend doch gute und sehr gute Texte - und sogar eine erste Favoritin für den Bachmann-Preis. Darüber hinaus wurde hemmungslos geduzt.

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Olga Martynova liest aus ihrer Erzählung „Hi - Ich werde sagen“
Olga Martynova liest aus ihrer Erzählung „Hi - Ich werde sagen“Foto: Promo

Es wird doch noch alles gut beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Lesen. Nachdem man am ersten Tag schon befürchtet hatte, sich mal wieder mit einer mittelprächtig bis miesen Ausgabe des Wettbewerbs auseinandersetzen zu müssen und Erinnerungen an das schlechte Jahr 2003 aufgekommen waren, als die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ eine Abschaffung des Wettbewerbes gefordert hatte, gab es am Freitag gute und sehr gute Texte.

Und auch eine erste Favoritin für den Bachmann-Preis: die in Leningrad aufgewachsene und seit 1991 in Frankfurt am Main lebende Russin Olga Martynova. Ihre Erzählung „ Ich werde sagen:,Hi!'“ bestach gleichermaßen durch Literarizität und Leichtigkeit, durch Tiefe, Humor und thematische Fülle. Ein junger Mann namens Moritz ersinnt sich einen Aufenthalt bei seiner Tante Anita und seinem Onkel Robert, wandert oder radelt durch ein Städtchen, imaginiert sich schöne Mädchen, schreibt, erinnert sich und denkt, unter anderem auch an die Geschichte des Städtchens, als hier ein bestimmtes Fachwerkhaus den Bombenkrieg 1945 überstand oder dort von seinen Bürgern im 19. Jahrhundert eine altägyptische Mumie erworben wurde. Mittels Moritz beginnt Martynova immer wieder neue kleine Geschichten, die sich auch um das (Ehe-)Leben von Anita und Robert drehen, mitunter in dialogischer Form. Die Jury zeigte sich durchweg begeistert, wenn gleich ausgerechnet zu diesem Text weder Hildegard Keller noch Burkhard Spinnen etwas sagten (was vermutlich ein zustimmendes Schweigen war und nicht, wie es in den vergangenen Jahren schon der Fall war, eine Form des Protests). 

Nach den anderen vier Lesungen ging es in der Jury etwas dissonanter zu. Dabei konnte man einmal mehr schön verfolgen, wie schwer es ist, gerade bei der Sprache eines Textes auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen (Und selbst wenn dieser schnell gefunden ist, es auf einer inhaltlichen und emotionalen Ebene Probleme gibt). In „Junge Hunde“ von der 25-jährigen Österreicherin Cornelia Travnicek etwa, einem Romauszug über das Ende einer Kindheit, auf zwei Ebenen souverän erzählt, erkannte Meike Feßmann einen „warmen Pragmatismus“.

Auch Hubert Winkels lobte „die wunderbaren Handgriffe und kleinen Tricks“ des Textes. Und Daniela Strigl fand die einfachen sprachlichen Mittel, mit denen Travnicek arbeite, höchst raffiniert. Dagegen kanzelte Paul Jandl die Sprache als „banal und simpel“ ab. Und Corina Caduff monierte, dass hier „die Sprache als Kunstraum nicht erschlossen" sei.  So kann man das alles sehen: Am Ende lässt man sich drauf ein - oder mäkelt und geschmäcklert herum. Die Jury jedenfalls fand sich plötzlich bei grundsätzlichen Aufgaben der Literatur wieder: Soll sie nur irritieren? Oder soll sie auch unterhalten dürfen? (Klar, sie soll beides, so die Einigung). Bei der thematisch ähnlich gelagerten, aber scheinbar härteren Geschichte von Lisa Kränzler wiederum war man sich über die Qualität der Sprache und die gute literarische Gemachtheit einig. Während aber sich Hubert Winkels, der den Text vorgeschlagen hatte, geradezu „angefasst“ und „in den Stuhl gedrückt“ fühlte, hatte Spinnen den Eindruck von einer „dicken Panzerglaswand“, durch die er nicht kommen würde. 

Tatsächlich ist Kränzlers Stoff ein harter, der Einfühlung schwer macht: angedeuteter sexueller Missbrauch, erste gleichgeschlechtliche Zuneigung, die dauernd imaginierte Verwandlung der Protagonisten in Tiere: „Wie zwei Hälften eines Klettverschlusses hafteten wir aneinander und zogen Hand in Hand durchs Dorf, vorbei an ahnungslosen Nachbarn, die uns noch für Mädchen hielten, wo wir uns längst in Pferde, Hunde oder Fabelwesen verwandelt hatten. Oder Kätzchen. Sechs Kätzchen, ein ganzer Wurf, Fellknäuel um Fellknäuel an der Scheunenwand zerschmettert, nur das Siebte nicht.“ Und lange so weiter, bis zu dem Satz: „Du bist ein zutrauliches Katzentier und folgst mir bis ins obere Stockbett.“

Lässt die knapp 30-jährige Freiburgerin Lisa Kränzler ihre Erzählerin ihr einstiges Gegenüber immer mal wieder mit einem „Du“ ansprechen, so hat die 1977 geborene Berlinerin Inger Maria-Mahlke für ihre Erzählung über eine alleinerziehende Mutter, die von einer Backshop-Mitarbeiterin zu einer Domina wird, durchweg die zweite Person gewählt -  aber in der Form einer genauso anklagenden wie mütterlichen Selbstansprache. Die Erzählerin meint mit „Du“ immer sich selbst. Das ist durchaus ein sprachliches Experiment, hier nicht immer geglückt und schon gar nicht besonders elegant.

Es hat aber seinen Reiz und zoomt die Figur nahe an den Leser heran. So war es am Ende dieses Lesetages - gerade im Vergleich zum Vortag, an dem die Frauen enttäuschten -  der einzige Mann, Simon Froehling, der mit seinem bedächtig und etwas plan erzählten Text über eine Nieren-Transplantation nicht wirklich vom Hocker reißen wollte. Immerhin animierte Froehling die Jury dazu, eine kleine Leseliste zu erstellen mit Büchern, in denen es um Transplantationen geht: Sabine Grubers Roman „Über Nacht“, Slavenka Drakulic' autobiografischer Bericht „Leben spenden“ und David Wagners „Für neue Leben“. Was will man mehr?  

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