Ingmar-Bergman-Ausstellung : Lügner mit Engelsflügeln

Das Filmmuseum Berlin öffnet Ingmar Bergmans Nachlass und verwischt in einer Ausstellung die Grenzen von Lüge und Wahrheit und bildet damit ein Vorspiel für die Retrospektive der diesjährigen Berlinale.

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Reise eines Weisen. Ingmar Bergman 1994 bei den Proben zu Shakespeares „Wintermärchen“ am Königlichen Dramatischen Theater Stockholm. Foto: Bengt Wanselius/Katalog
Reise eines Weisen. Ingmar Bergman 1994 bei den Proben zu Shakespeares „Wintermärchen“ am Königlichen Dramatischen Theater...

Im Jahr 1962 plant die deutsche Frauenzeitschrift „Constanze“ eine Themenausgabe: „Trost für Mollige“. Die Redaktion schreibt auch an den damals bereits berühmten schwedischen Regisseur Ingmar Bergman: „Welcher Frauentyp kommt Ihrem eigenen Ideal am nächsten, der füllige Rubenstyp oder der knabenhaft schlanke moderne Typ?“ Die Antwort solle bitte nicht allzu ungünstig für die Fülligen ausfallen. Andere würden eine solche Anfrage als Zumutung zurückweisen. Ingmar Bergman schreibt zurück: „Die Antwort ist: alle.“

Im Filmprolog der Ausstellung, die das Berliner Filmmuseum gemeinsam mit der Academy of Motion Pictures in Los Angeles ausgerichtet hat, sind tatsächlich alle zu sehen, die Frauen des Ingmar Bergman. Schöne, starke Frauen, doch eher knabenhaft als füllig, die ihr Gesicht in die Kamera halten, so nackt, so verletzlich, dass nur großes Vertrauen zu solcher Selbstentblößung führen kann. Bergman selbst hat das gewusst, hat über die erotische Komponente des Filmemachens geschrieben, über die „Intimität, Ergebenheit, Abhängigkeit, Zärtlichkeit, das Vertrauen, Zutrauen zum magischen Auge der Kamera, die warme, möglicherweise illusorische Geborgenheit“, die beim Dreh entsteht. Und die dazu führt, dass er seine Filmfamilie über seine reale Familie stellt – oder sie zu seiner realen macht, in Beziehungen oder Ehen mit den Schauspielerinnen Bibi Andersson und Liv Ullmann. Oder indem er seine kleine Tochter Linn Ullmann mit zum Set genommen hat – in der Ausstellung sind hinreißende Fotos zu sehen, auf denen der sonst so ernste Bergman mit seiner Tochter tollt.

Dass das Arbeiten mit Ingmar Bergman unvergesslich war, bestätigen alle. So erinnert sich Gunnel Lindblom im Kataloginterview an die gemeinsame Zeit am Stadttheater Malmö, als die BergmanKünstlerfamilie in einer großen Villa lebte, sich abends gemeinsam Stummfilme ansah und möglichst nicht das Haus verließ. Dass der Mensch Bergman, nervös, von Magenbeschwerden geplagt, kontrollwütig, cholerisch, weder bei der Arbeit noch im Leben ein einfacher Partner war, das wusste er selbst. In einem Fernsehinterview bekennt er reumütig, dass er sich noch nicht einmal die Geburtsjahre seiner Kinder merken könne – aber zwischen welchen Filmen sie geboren wurden, das weiß er genau.

Den Spagat zwischen Leben und Werk versucht auch die Berliner Ausstellung, die erstmals seit dem Tod des Regisseurs im Sommer 2007 den im Svenska Filminstitutet in Stockholm aufbewahrten künstlerischen Nachlass sichten und erschließen konnte und damit ein wunderbares Vorspiel zur Retrospektive der diesjährigen Berlinale bildet, die Bergman gewidmet ist. Nur bei ihm sei der Wissenschaft der autobiografische Kurzschluss erlaubt, der sonst in künstlerischen Rezeptionen so verpönt ist. Weil Bergman selbst bewusst die Grenzen verwischt hat, sich in seinen Filmen, am deutlichsten im Spätwerk „Fanny und Alexander“, aus dem Leben bedient und gleichzeitig das Leben in seiner Biografie so beschrieben hat, als sei es ein Film.

Mit Grund haben die Kuratoren Nils Warnecke und Kristina Jaspers die Ausstellung unter das Motto „Von Lüge und Wahrheit“ gestellt. Weil Bergman, Pastorensohn, aufgewachsen in einer Atmosphäre von Schuld und Sühne, sein Leben lang mit seinen Lebenslügen, dem schlechten Gewissen haderte – und doch stets auf dem Eigenwert der künstlerischen Phantasie bestanden hat. Die Auseinandersetzung mit Gott, mit dem Glauben – hat sie nicht ihren Ursprung in eben diesem künstlerischen Dilemma, dass die Lüge ein Grundstoff des Lebens ist? Und die Antwort, die der Tod in „Das siebte Siegel“ auf die Frage des sich verzweifelt an den Lebensbaum klammernden Schauspielers Skat gibt, ob für Gaukler nicht besondere Regeln gelten: „Es gibt keine besonderen Regeln für Schauspieler, sagte der Tod, und setzte die Säge an“ – Bergman hat sie in seinem Werk widerlegt.

In Berlin beginnt die Grenzverwischung gleich im Eingang, mit einer Fotowand: Privatbilder, Filmbilder, einem Vexierspiel gleich, Ingmar Bergman und sein Bruder Dag in Matrosenanzügen – daneben Betil Guve als Alexander (auch der Matrosenanzug ist zu sehen). Der junge Ingmar mit seinem Pudel Chips im Ruderboot – und eine Szene aus „Sommer mit Monika“, auch dort im Boot ein Pudel. Monika übrigens, gespielt von Harriet Andersson, wird in der US-Werbung als „Naughty Girl“ vermarktet, mit nackter Rückenansicht, und als Werbeträger für Cocktails und Eisbecher genutzt: verklemmte Fünfziger-Jahre-Welt.

Vor allem aber ist es das Sommerhaus der Großmutter, das den Rahmen für „Fanny und Alexander“ bildet und dem Bergman noch als alter Mann nachträumt: Er habe das Haus nur als Kind gekannt, doch in seiner Erinnerung sei es lebendig geblieben, mit seiner Stille, durchbrochen vom Ticken der Uhren und dem Wind in der Ulme vor der Tür. Und in einer Arbeitsnotiz erdenkt er sich einen Film für Ingrid Bergman, der in eben diesem Sommerhaus spielt, ein Tag nur, draußen fällt Sommerregen, der ganze Film soll nur so lange dauern wie dieser Sommerregen, ein langer Nachmittag voller Nichtstun, Träumen, Telefonieren, Briefeschreiben und der Erinnerung an die alten Zeiten. Spricht da der alte Bergman selbst, der sich auf die Insel Fårö zurückgezogen hat? Er arbeitet und schreibt, sieht oft tagelang niemanden, nur telefonieren tut er noch gern.

Die Arbeitsjournale und Drehbücher sind das Herzstück der Ausstellung. Mehr Tagebuch als Arbeitsmaterial nutzt Bergman freie Seiten, um Gedanken zu notieren, Einfälle, Zitate – und manchmal ziert ein kleines Teufelchen die letzte Seite, wie beim Drehbuch zum letzten Fernsehfilm „Sarabande“. Hier ist er zu erleben, der humorvolle Bergman, der fast aus dem Blick zu geraten droht angesichts so viel Selbst-, Gottes- und Lebenszweifel. Feiner Humor, wie er sich schon im selbstgemalten Comicstrip des 13-Jährigen niederschlägt, der eine Woche des I.B. beschreibt, mit Hausaufgaben, Puppenspiel, Bauchweh, Kino-, Konzert- und Schultheaterbesuch. Am Ende steht ein Lob des „Engelchens“.

Ein Engel steht auch am Ende der Ausstellung, Bergman mit Engelsflügeln bei einer Theaterprobe. Und dazu ist ein Ausschnitt aus einem Fernsehinterview zu sehen, das die Journalistin Marie Nyreröd 2004 geführt hat. Sie sitzen sich gegenüber, am hellen Tisch in Fårö, der Blick geht durchs Fenster ins Grüne, sie fragt nach seinen Dämonen. Und der über Achtzigjährige nestelt umständlich einen Zettel aus der Hosentasche, er kenne so viele Dämonen, er habe sie sich aufschreiben müssen. Und fängt an vorzulesen: Der Dämon der Katastrophen, die Erwartung, dass immer alles schiefginge. Der Dämon der Angst, Angst vor Hunden, Katzen, Insekten, Vögeln, die sich ins Zimmer verirren. Der Dämon des Zorns. Die Dämonen Pünktlichkeit, Ordnung, Kontrolle, Pedanterie, die seiner Umgebung das Leben schwermachen. Nur einen Dämon hat er nie gekannt: den Dämon des Nichts. Die Vorstellung, dass die Phantasie ihn verlassen, dass alles still und dunkel werde. Das sei ihm noch nie passiert, und dafür sei er dankbar.

Ein Leben ohne jene Lüge, die Kunst heißt und Erinnerung? Undenkbar.

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Mai im Museum für Film und Fernsehen in der Potsdamer Staße 2 zu sehen, Dienstag–Sonntag jeweils 10–18 Uhr, am Donnerstag auch bis 20 Uhr. Der Katalog (Bertz + Fischer Verlag) ist für 14,90 € in der Ausstellung, für 17,90 € auch im Buchhandel erhältlich. Auch zur Retrospektive der Berlinale erscheint ein Katalog bei Bertz + Fischer.

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