Ingo Metzmacher : Konkurrenz verdirbt das Geschäft

Ingo Metzmacher, Chefdirigent des DSO, spricht erstmals über seinen Abschied von Berlin.

Jörg Königsdorf
Metzmacher Foto: dpa
Ingo Metzmacher war Opernchef in Hamburg und Amsterdam, bevor er 2007 das Deutsche Symphonie-Orchester übernahm. -Foto: dpa

Das Ende ist fulminant. Kaum sind die gleißenden Schlussakkorde des „Feuervogels“ verklungen, hält es die Besucher der Warschauer Philharmonie nicht mehr auf ihren Plüschsitzen. Frenetisch feiern sie Ingo Metzmacher und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin für die ebenso klarsichtige wie atmosphärische Wiedergabe der heiklen Strawinsky-Partitur. Die beiden Konzerte beim Warschauer Beethovenfest sind der Schlusspunkt der Tournee, die das DSO in den vergangenen Wochen nach Brüssel, Paris und Wien geführt hat – das Hauptstück, Mahlers Siebte, werden Metzmacher und die Seinen im Sommer noch einmal bei den Londoner Proms spielen.

Solche Termine bedeuten viel im Ranking der europäischen Top-Orchester und zeigen gerade den Berliner Ensembles (daheim immer ein bisschen im Schatten der Philharmoniker), wo sie wirklich stehen. Und wenn einer Zweifel hätte, ob die Marke DSO außerhalb Berlins etwas gilt, dürften ihn diese Konzerte zum Schweigen bringen. Angesichts der musikalischen Harmonie, die das Orchester und sein Chef demonstrieren, käme niemand auf den Gedanken, dass ihnen etwas anderes bevorstehen könnte als eine glänzende Zukunft.

Und doch ist genau das Gegenteil der Fall. Für Metzmacher ist die Tournee der Anfang vom Abschied von seinem Orchester wie von Berlin, und was aus dem DSO ab Sommer ohne Metzmacher werden soll, weiß keiner. Nachdem im Dezember der Versuch gescheitert war, das Orchester handstreichartig mit der direkten Konkurrenz, Marek Janowskis Rundfunksinfonieorchester (RSB), zu fusionieren, soll jetzt eine Kommission ein Gutachten über die Zukunft beider Klangkörper und der mit ihnen zu einer GmbH zusammengeschlossenen Rundfunkchöre erarbeiten. Bis jetzt ist diese Arbeitsgruppe erst einmal zusammengetreten – und klar ist nur, dass gespart werden soll und keiner weiß, wie das ohne Stellenabbau möglich sein soll.

Die Nichtvertragsverlängerung des glücklosen Intendanten Gernot Rehrl ist jedenfalls ein Signal dafür, dass die Tage dieser Notgemeinschaft gezählt sind. Das RSB will ohnehin unter das Dach des Deutschlandradios, das im Gegenzug aus der Gesellschafterrunde aussteigen möchte. Nur: Was wird aus den übrigen drei Ensembles?

„Es wird jetzt noch ein weiteres Gutachten erstellt und damit die Entscheidung darüber verschoben, was aus der ROC werden soll. Dabei muss die Politik sich zuerst einmal darüber klar werden, was sie mit den beiden Orchestern und Chören künstlerisch anfangen will“, fordert Metzmacher. Dem 52-Jährigen sitzt der Frust über seine Berliner Erfahrung tief in den Knochen. „Berlin ist immer mein Traum gewesen“, sagt er, die Ost- West-Polarität der Stadt, die Geschichtsträchtigkeit, das habe ihn schon als Jugendlichen fasziniert. Und eigentlich sah es so aus, als ob dieser Traum in Erfüllung gehen würde, als Metzmacher 2007 beim DSO antrat. Mit einem ganzen Sack voller Projekte rückte er an, polarisierte mit Saisonthemen wie „Von Deutscher Seele“, holte mit seinen Casual Concerts ein neues Publikum in die Philharmonie und spielte Schönberg im Tacheles. „Meine Stärke ist die Entwicklung von Programmen über mehrere Spielzeiten hinweg und die nachhaltige Arbeit an Themen“, erklärt er stolz, so vieles habe er noch für Berlin vorgehabt.

Vor einem Jahr verkündete Metzmacher überraschend, dass er seinen Dreijahresvertrag beim DSO nicht verlängern und das Orchester verlassen werde. Seither hat er es abgelehnt, zu diesen Ereignissen Stellung zu nehmen, und auch jetzt merkt man ihm noch Wut und Enttäuschung an, wenn er darüber spricht. Ein Tiefschlag sei es für ihn gewesen, als ihm am Tag vor der Präsentation seines neuen Spielzeitprogramms mitgeteilt worden sei, dass sein Orchester von der Aufstockung des ROC-Etats nur einen Bruchteil abbekäme und vor allem die momentane Besetzungsstärke von 103 Musikern festgeschrieben werden solle. Und das, nachdem man ihn bei seinen Vertragsverhandlungen monatelang mit Versprechungen hingehalten hatte.

Metzmacher hatte gehofft, bei diesen Verhandlungen einen Teil der elf gesperrten DSO-Stellen freizubekommen – oder zumindest die eine Million Sondermittel, die dem DSO mit dem Weggang seines Vorgängers Kent Nagano verloren gegangen waren. Das ist in der Kunst nicht anders als in der Wirtschaft: Wer erfolgreiche Arbeit leistet, darf bei der nächsten Verhandlungsrunde mehr Geld verlangen. Ein Nullergebnis bedeutet Gesichtsverlust gegenüber den Musikern. Erst recht in Berlin, wo die Konkurrenz der sieben Orchester knallhart ist, und erst recht in der ROC, wo dieses Konkurrenzgefühl noch durch die alten Mentalitätsunterschiede zwischen West- und Ostmusikern genährt wird. „Es war klar, dass ich mit einem solchen Ergebnis unmöglich vor das Orchester treten konnte und keine andere Wahl hatte, als zu gehen. Die Kulturpolitik hat mich erst geholt und dann fallen gelassen“, resümiert er.

Die Kulturpolitik, das sind die Gesellschafter der ROC – neben dem Deutschlandradio vor allem der Bund und das Land Berlin, also in letzter Konsequenz Berlins Auch-Kultursenator Klaus Wowereit und Kulturstaatsminister Bernd Neumann –, denen das Problem nach Metzmachers Abgang auf die Füße gefallen ist. Schien die Zukunft der vier Ensembles noch im März 2009 durch die ansehnliche Subventionserhöhung von sechs Millionen Euro bis auf Weiteres gesichert, wurde dieser Erfolg durch die einseitige Bevorzugung eines Orchesters gleich wieder Makulatur. Dass Janowski die Aufstockung seines Orchesters von 99 auf 103 Musiker gewährt wurde, macht nicht nur Metzmacher, sondern auch die DSO-Musiker wütend. „Das Orchester spielt schon seit Jahren am äußersten Limit“, rechnet der Betriebsrat Ulrich Schneider, Kontrabass, vor: „Manche Konzerte spielen wir mit 20 Prozent Praktikanten und Aushilfen. Weil wir nicht die Arbeitsbedingungen anderer Spitzenorchester bieten können, wechseln immer mehr Musiker zur Konkurrenz.“

Zu den Wiener Philharmonikern oder zum Gewandhausorchester Leipzig beispielsweise, oder nach München, wohin allein in der letzten Saison drei DSOler abgewandert sind. Vor allem beim Wettbewerb um die Besetzung der Bläserpulte könne das DSO schon deshalb kaum mithalten, weil aufgrund der Stellensperrung Instrumente wie Klarinetten und Oboen nur vier- statt wie üblicherweise fünffach besetzt seien. Zum Vorspiel fürs Englischhorn im Dezember sei kein einziger ernst zu nehmender Bewerber erschienen – potenzielle Kandidaten hätten abgewinkt, weil ihnen die Situation beim DSO zu unsicher sei. „Dabei erwirtschaften wir das Geld für diese Stellen sogar selbst – nur fließen unsere Überschüsse an die ROC, die damit das RSB mitfinanziert. Und wenn die Gesellschafter uns dann noch im Regen stehen lassen, wird natürlich der Neidgedanke kräftig geschürt.“

Tatsächlich sprechen schon die Zahlen eine deutliche Sprache, wer das Schwergewicht unter den beiden Klangkörpern ist: Während das DSO im vergangenen Jahr 87 000 Besucher in Berlin erreichte (Einnahmen von 3,1 Millionen Euro), brachte das RSB – trotz der beeindruckenden Qualitätsarbeit Janowskis – im gleichen Zeitraum nur etwa halb so viel auf die Waage: 45 300 Besucher bei Einnahmen von 1,7 Millionen Euro. Da fällt es nicht leicht, eine Entscheidung zu akzeptieren, die ausgerechnet das erfolgreichste und wirtschaftlich stärkste Ensemble in seiner Wettbewerbsfähigkeit bedroht.

Das Wichtigste, beharrt Schneider, sei jetzt ein neuer Chefdirigent. Klar ist allerdings, dass jeder potenzielle Metzmacher-Nachfolger genau die gleichen Fragen stellen wird. Auch der Ossete Tugan Sokhiev, der Wunschkandidat der Musiker, wird nur kommen, wenn diese Bedingungen stimmen. Und Wowereit und Neumann werden um ein klares Bekenntnis zum DSO nicht herumkommen. Man kann nur hoffen, dass sie aus Metzmachers Fall etwas gelernt haben.

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