Ingo Metzmacher und das DSO : Polnischer Eros

Nahes, unbekanntes Polen: Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt Werke von Witold Lutoslawski und Karol Szymanowski.

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Ingo Metzmacher
Ingo MetzmacherFoto: dpa

Den eigenen Nachbarn kennt man oft am wenigsten, gerade Nähe schafft Distanz. Was auch auf Länder zutrifft. Musik aus Polen? Da fällt den meisten höchstens Chopin ein, und selbst der gilt eher als Franzose. Ingo Metzmacher legt bekanntlich gern den Finger in solche Wunden. Bei seinem diesjährigen Gastauftritt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester, dessen Chefdirigent er bis 2010 war, bringt er zwei polnische Komponisten mit in die Philharmonie. Und ein ganzes Jahrhundert Musikgeschichte dazu.

Karol Szymanowskis Konzertouvertüre von 1904 orientiert sich noch sehr an Richard Strauss’ Überwältigungsästhetik: schwelgend, verströmend wie in dessen Symphonischen Dichtungen, auch ein bisschen blenderisch. Krass der Kontrast zu Witold Lutoslawskis 4. Symphonie (1990). Die Streicher, die den ganzen Abend vorzüglich grundieren, weben einen bronzefarbenen Klangteppich, über dem zackige Figurationen der übrigen Instrumente irrlichtern. Lutoslawski hat sein Leben lang künstlerische Konzepte auf ihre Tauglichkeit für seinen eigenen Weg abgeklopft, in der 4. Symphonie fand er zurück zu Haydn. Nicht als Neoklassizist, aber in dem Sinne, dass seine Symphonie ein Gravitationszentrum hat. Das allerdings liegt bei ihm im zweiten Satz. Der Kopfsatz hat dafür die eminent wichtige Funktion, vorzubereiten, einzustimmen.

Ein Sprung zurück, zur „Trauermusik“ (1954). Eine Anverwandlung auch sie: Zwölftonreihen, nur mit fallendem Halbton und Tritonus gestaltet. Und mit prominent platziertem Cello (Mischa Meyer), dessen verwehende Klänge das Stück auch beschließen. Als intellektueller Kopfmusiker ist Lutoslawski verschrien. Aber wenn man seine Musik so forsch und doch gestaltend dirigiert wie Metzmacher, so engagiert und extrem präzise in der Zeichengebung, wird schlagartig deutlich, wie sinnlich, haptisch packend, ja erotisch sie eigentlich ist.

Dann noch mal Szymanowski, sein „Stabat Mater“ (1926). Der Rundfunkchor Berlin darf seine Klasse vor allem im a cappella gesungenen vierten Satz demonstrieren. Dazu ein inbrünstiges Sopran-Alt- Duo (Aleksandra Kurzak, Ewa Wolak) und ein heldischer Bariton (Tomasz Konieczny), der rotgesichtig gegen das Tutti kämpft – um schließlich tatsächlich auf den Klangwellen zu reiten. Szymanowski hat ein quasi nach innen explodierendes Werk geschrieben, deutlich gereift gegenüber dem ersten Stück. Statt beide Komponisten plump hintereinander zu spielen, sind sie sinnfällig verschränkt. Ein echter Metzmacher-Abend.

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