Kultur : Ingvar Wixell: Das Leben, ein Rausch

Ulrich Amling

"Viva il buon vino!" Er kann Genussmenschen auf die Opernbühne zaubern wie kein zweiter. Figuren, denen das sinnliche Erleben zugleich trotzigen Lebenssinn stiftet. Die dunklen Energiequellen des Triebhaften zapft er mit Hingabe an - egal ob sie ihn in den Abgrund der Hölle stürzen oder direkt in den Theaterhimmel katapultieren. Erheben wir das Glas auf Ingvar Wixell. Der schwedische Bariton, die Hälfte seines Lebens Wahlberliner, feierte am 7. Mai seinen 70. Geburtstag. Und kehrt aus diesem Anlass an das Haus zurück, dem er trotz weltweiter Verlockungen 35 Jahre lang die Treue hielt: der Deutschen Oper Berlin. Im Gepäck hat der Berliner Kammersänger ein druckfrisches Buch, das sich der vergnüglichen Aufgabe stellt, sein pralles Künstlerleben in Wort und Bild einzufangen: In "Alles ist Spaß" (hg. von Dieter Burkamp, erschienen im Kerber-Verlag, Bielefeld, 272 Seiten, 46 Mark 90) versuchen langjährige Wixell-Freunde wie Götz Friedrich, Birgit Nilsson und José Carreras sich einen Reim auf schillernden Sängerpersönlichkeit zu machen.

Im Mittelpunkt stehen dabei die Berliner Jahre: von seinem ersten Guglielmo in Mozarts "Cosí fan tutte" 1963 bis hin zum Bühnen-Abschied im November 1998 mit seiner späten Paraderolle, dem Polizeichef Scarpia in Puccinis "Tosca". Wixell porträtiert ihn schneidend scharf als einen Lusterpresser, der die dunklen Gefilde der Seele genau durchmessen hat: kein Monster, aber ein monströser Mensch, von Ausschweifung besessen. Passend seine Rollen: Don Giovanni, Rigoletto, Falstaff.

Bei dem einen oder anderen Glas Wein nannte Götz Friedrich ihn einst "einen göttlichen Faun". Die, die Wixell kennen, nickten dabei wissend. Und erzählten sich die Geschichte, wie der leidenschaftliche Zigarrenraucher den hypochondrischen Star Pavarotti zur Flucht aus dem gemeinsamen Wohnmobil trieb. Zwei ungleiche Stars, zwei geliebte Feinde, die bei "Rigoletto"- und "Tosca"-Verfilmungen vereint vor der Kamera standen. Sicher wird es dem Moderator Klaus Geitel gelingen, dem Bariton noch mehrere solcher Anekdoten zu entlocken. Dazwischen wird Wixell seine noch charakterstarke Stimme erheben. Wie prägend Kammersänger Wixell in der Stadt wirkte, kann erleben, wer es wagt, seine "Falstaff"-Nachfolger in der Oper besucht. Mühsam schieben sie ihre Theaterbäuche umher, drohen aus den Pantoffeln zu fallen, in denen er einst triumphierte. Biedermänner, die sich als das Salz in Bürgers Suppe aufspielen. Unlustspieler. Schnell, noch ein Glas Wein! Lang lebe Ingvar Wixell!

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