Kultur : Inka Pareis lokalkoloriertes Debüt, mit großer Liebe zum physischen Detail

Nadine Lange

Eine Frau in ihrem Element: Vom Tiergarten rast sie zum Moritzplatz und von dort zum Fraenkelufer. Sie braucht dafür wenige Sekunden, sie wälzt sich auf einem ausgebreiteten Stadtplan von Berlin herum. Genauso zielsicher und geschmeidig bewegt sie sich auch durch die reale Stadt, in der sie immer gelebt hat. Wachsam geht sie durch die Straßen, immer flucht- und angriffsbereit. Sie sieht Berlin mit dem Blick einer Kämpferin, sie ist die "Schattenboxerin".

Ihr Name ist Hell, sie wohnt in einem maroden Altbau im Osten Berlins. Außer ihr lebt dort nur noch eine Frau, die Dunkel heißt. Beide verbindet nichts außer der gemeinsamen Toilette. Trotzdem beginnt Hell nach ihrer Nachbarin zu forschen, als diese plötzlich verschwindet. Dabei trifft sie einen jungen Mann, der die Dunkel kennt und in seinem Rucksack die Beute aus einem Bankraub herumträgt. Er ist auf der Suche nach seinem Vater. Gemeinsam ziehen die beiden für einige Tage durch die Stadt. Es passiert nicht viel. Was passiert, beschreibt die Debüt-Autorin Inka Parei akribisch genau. Manchmal sind ihre Schilderungen so detailversessen, dass sie ermüden: "Ich schiebe mich in die mit Halteschlaufen bestückte Stellfläche gegenüber dem Ausgang, eingezwängt zwischen einer rollbaren Einkaufstasche aus Wachstuch und dem Kinderwagen eines auf dem Nuckel seiner Teeflasche herumbeißenden, mit erdbeerfarbenem Eis beschmierten Zweijährigen." Über drei Seiten zieht sich diese Busfahrt hin, die weder spannend noch für die Handlung noch die Charakterzeichnung entscheidend ist. Häufig dienen die Wegbeschreibungen nur dem Lokalkolorit. Als schreie Pareis Buch in jedem Kapitel: "Hallo, auch ich bin ein Berlin-Roman!" In der "Schattenboxerin" ist Berlin dreckig und morbide charmant. Zu diesem Eindruck trägt vor allem der zweite Handlungsstrang bei, der Ende der 80er Jahre spielt. Die Szenen einer Mai-Demonstration in Kreuzberg wirken unendlich gestrig, Hells erste Begegnung mit Ostberlinern ist grotesk. In diesem Teil des Romans lernt Hell von zwei Chinesen Kung Fu. Schließlich boxt sie nicht mehr nur gegen Schatten, sondern setzt die Kampfkunst auch gegen Menschen ein. Beiläufig tötet sie einen Mann.

Pareis Buch ist sehr körperbezogen. Fast jedes menschliche Sekret findet darin einen Platz. Den Bewegungsabläufen der Personen wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Zwar lässt die Autorin ihre "Schattenboxerin" aus der Ich-Perspektive erzählen, dennoch bleibt die Heldin seltsam fern. Das liegt daran, dass sie immer nur davon spricht, was sie sieht und tut. Kaum einmal erfährt man, was sie denkt oder fühlt. Das kann nur über ihr Handeln und ihr Sprechen erschlossen werden - als gute Kämpferin muss sie unnahbar und unerschütterlich erscheinen. Die Umsetzung dieser eigentlich interessanten, distanzierten Innnensicht misslingt oft stilistisch: Für die hypergenaue Oberflächen-Beschreibung werden nur Adjektive und Adverbien benutzt. Parei sucht keine Vergleiche oder Bilder, sondern reiht Detail-Beobachtungen aneinander. So wirkt der Wahrnehmungsstrom eintönig und lähmend. Die Handlungsebene dagegen ist abwechslungsreicher: Eine Figur aus dem 80er-Jahre-Erzählstrang bekommt durch ein kleines Requisit Zutritt in die Gegenwart, zu einem spannenden Showdown.Inka Parei: Die Schattenboxerin. Roman. Schöffling & Co, Frankfurt (Main) 1999. 183 Seiten, 34 DM.

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