"Innehalten" bei der Langen Nacht der Autoren : Erste Kippe, erster Kuss

Bei der Langen Nacht der Autoren im Deutschen Theater prüft Juror Till Briegleb: Was taugen die Siegerstücke aus 20 Jahren?

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Michael Goldberg und Timo Weisschnur in Rolf Kemnitzers "Die Herzschrittmacherin" bei der Langen Nacht der Autoren.
Michael Goldberg und Timo Weisschnur in Rolf Kemnitzers "Die Herzschrittmacherin" bei der Langen Nacht der Autoren.Foto: Arno Declair

So was nennt man wohl Generationskonflikt. Großmutter Magda reagiert höchst bockig auf den Vorschlag von Enkel Jochen, mal ins Museum zu gehen. „Da kann ich mich selbst besuchen!“ Und auf seinen Vorschlag, Freundschaften zu pflegen: „Da müsst’ ich sie erst auf dem Friedhof ausgraben, die Freundschaften, dass ich se pflegen könnt’.“ Allerdings ist Jochen auch nicht aus purer Nächstenliebe bei der 90-Jährigen aufgekreuzt. Sondern weil er sie im Auftrag seiner Mutter zum Umzug ins Altenheim überreden soll. Womit die beiden aber die Rechnung ohne Magda gemacht haben, die ihr Refugium sogar mit vorgehaltener Waffe gegen minderjährige Sternsänger verteidigt.

„Die Herzschrittmacherin“ heißt das Stück von Rolf Kemnitzer, das Großmutter und Enkel auf groteske Diebestour durchs Kaufhaus schickt und mit einem utopischen Schulterschluss endet. Uraufgeführt 1998 vom Staatsschauspiel Dresden, verschwand das Stück danach vom Spielplan-Radar. Juror Till Briegleb hat es für die Lange Nacht der Autoren am Deutschen Theater wiederentdeckt.

Dieser Marathon, der traditionell das Festival Autorentheatertage beschließt, versammelte stets fünf brandneue Texte, um die sich die Theater reißen mögen – oft allerdings ohne Nachspiel. Deshalb hat Briegleb diesmal das Motto „Innehalten!“ ausgegeben. Statt frische Papierfluten anzufordern, befragt er die 70 Siegerstücke aus 20 Jahren Festivalgeschichte auf ihre Gegenwartstauglichkeit. Farid Nagims „Der Tag der weißen Blume“ war zu Beginn in einer Neuinszenierung von Stephan Kimmig zu sehen. In der Langen Nacht folgte der Rest der Spätlese als Werkstattaufführung oder szenische Lesung.

Der groteske Sprachwitz funkelt

Der Ansatz ist sympathisch. Und zugleich ein Unsicherheitssymptom. Nachdem jahrelang die Überförderung der Nachwuchsdramatiker diskutiert wurde – DT-Intendant Ulrich Khuon nannte die Debatte zuletzt „fast hysterisch“ –, findet zwar langsam ein Umdenken statt. Taugliche Konzepte aber sind nicht in Sicht. Auch der Stückemarkt des Theatertreffens hatte zuletzt statt neuer Texte Performances und Installationen präsentiert, die Künstlerpaten ausgewählt hatten – allerdings durch die Bank belanglos.

Brieglebs „Innehalten“–Konzept nun fragt, ob die Stücke es tatsächlich wert sind, wieder hervorgeholt zu werden. Im Falle der „Herzschrittmacherin“: klares Ja! Die Werkstattaufführung von Regisseurin Jorinde Dröse mit Michael Goldberg als Großmutter und Timo Weisschnur als Enkel lässt den grotesken Sprachwitz von Kemnitzer nur so funkeln. Auch Andri Beyerlers Jugendstück „the killer in me is the killer in you my love“ – erstmals bei den Autorentheatertagen 2002 zu sehen – wirkt kein bisschen veraltet, wobei das Stück ohnehin eine lange Aufführungsgeschichte hat. Regisseur Enrico Stolzenburg findet, schön schlüssig, über den Ausgangspunkt des Autors hinaus, bei dem Erwachsene die Narben von früher betrachteten. Und lässt ein im Seniorenstift versammeltes tolles Ensemble um Ursula Werner, Barbara Schnitzler oder Jürgen Huth noch einmal vom ersten Kuss, ersten Köpper vom Dreier und heimlicher Kippe träumen.

Zum Schluss: Stückezertrümmerung für Anfänger

Ob hingegen der bis heute unaufgeführte „Weichselzopf“ von Simon Werle, ein Waisenmädchendrama aus der deutschen Randlage, seit dem Entstehungsjahr 1995 gewonnen hat? Die Lange-Nacht-Tour, die auf verschiedenen Parcours durch Kammerspiele, Box und Hinterbühne des Deutschen Theaters führt, spart für jeden Besucher eine der vier Stationen aus. „Es muss ein Rest Geheimnis bleiben“, wie Khuon eingangs scherzte.

Gemeinsam erleben am Ende alle im großen Saal Anja Hillings „Protection“ in der Regie von Martin Laberenz. Der zieht mit Sebastian Grünewald, Peter Moltzen und Anita Vulesica einen befremdlichen Pseudo-Castorf in Cowboy-Kostümierung auf – Stückezertrümmerung für Anfänger. Klar, Hillings poetisches Drama über drei derangierte Außenseiter-Paare schrammt gelegentlich den Kitsch, ist aber allemal kraftvoller als Laberenz’ Mätzchen-Theater. Vielleicht ist dies die Lehre aus der Langen Nacht: Stücke, die stark genug sind, setzen sich schon ganz alleine durch.

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