Kultur : Innereien, USA

THOMAS SENNE

Es rumort in den sieben Mägen von Nürnberg, quäkt und rasselt.Videos flimmern, Kabelstränge schlängeln sich allüberall durch das chaotische Allerlei, Handtücher und Handfeuerwaffen sind zu sehen, Papierschnipsel, Cremes und Pornobildchen, verschmutzte Wäsche, Pizzakartons und leuchtende Plastikeimer.Schwer Verdauliches also, ein Konglomerat, mit dem die Innereien zu kämpfen haben, in die der 1964 geborene Kalifornier Jason Rhoades die sieben Räume der Nürnberger Kunsthalle verwandelt hat.Kein Wunder, daß der Besucher angesichts der bis an die Decke mit Krimskrams, Kitsch, Tischen und Klappstühlen, Leuchtstoffröhren und PVC vollgestopften Ausstellungsräume bald ästhetische Verdauungsprobleme bekommt, schlägt doch die geballte Ansammlung von Banalitäten des Alltags schnell auf den Magen und - auf die Augen.Mehrere Wochen lang haben insgesamt 40 Mitarbeiter diese aberwitzige Gerümpel-Kollektion zusammengetragen und die Kunsthalle in einen Readymade-Parcours verwandelt.Er trägt den erwartungsschwangeren Titel "The purple Penis and the Venus, installed in the seven stomachs of Nürnberg", ist der bislang umfassendste Überblick über das Werk des jungen kalifornischen Künstlers, dessen Spielweise und zugleich eine Metapher für heutige Befindlichkeit: eine Retrospektive als musealer Mix aus verschiedenen Arbeiten.

Natürlich ist auch ein lila Penis aus Stoff zu sehen (auf dem Kostüm einer früheren Aktion), auch eine Venus, wenn auch nur eine Replik der berühmten prähistorischen "Venus von Willendorf".Und die steht am Anfang der Installationschau.Schwer findet man sich auch im kunterbunten Materialgemenge des zweiten Raumes zurecht, der so etwas wie die Schaltzentrale, das verkabelte "Gehirn" dieser Ausstellung ist: mit Computer, einem sich drehenden Fernsehgerät, einer Spielzeugeisenbahn, Schneidertisch mit Nähmaschine, Papieren en masse oder huschenden Projektionen an den Wänden.

Nebenan steht eine Axt, die mit Pornos und anderen Bildern beklebte Holzscheite spalten kann, angeblich moralisch in Gut und Böse.Eine zersägte Ikea-Hütte, Schaumgummi und Styropor sowie Relikte früherer Performances von Jason Rhoades sind weitere Belege für diese aus Heimwerkermärkten zusammengebastelten und zusammengeschütteten Trivialmythen des Kunstberserkers, der 1997 bei den Biennalen von Lyon und Venedig vertreten war und zuletzt bei der Wanderausstellung "Deep Storage" am Berliner Kulturforum.

Rhoades liefert eine enervierende Interpretation der heutigen Welt.Nur hat die Interpretation dieses ambitionierten Installateurs den kleinen Nachteil, daß ihr Inhalt im Dschungel der Dinge nicht mehr zu erkennen ist, und damit im Nürnberger Kunstinferno auf der Strecke bleibt."Bei meinen Sachen handelt es sich hauptsächlich um Skulpturen", sagt Rhoades erklärend, "um verschiedene Arbeiten aus verschiedenen Zeiten, die in einen neuen Kontext gestellt wurden und sich auf die Raumsituation der Kunsthalle beziehen, etwa auf die Form der Räume.Ich würde nicht sagen, dies hier ist meine Welt, sondern ich glaube, es ist jedermanns Welt".Endstation dieses Sammelsuriums in der Nürnberger Kunsthalle ist eine Art Bibliothek mit Stichsäge, Bank, Staubsauger und Lexika auf rohen Holzregalen.

Alles gut und schön, könnte man sagen, nur ersetzt ein ästhetischer, ironisch leicht gebrochener Amoklauf noch nicht Kreativität und auf die Spitze getriebener Zivilisationsirrsinn, seine museale Verdoppelung, die monströse Kopie unseres Alltags, darf nicht mit Originalität oder gar zielsicherer Zeitkritik verwechselt werden.Quantität ist nicht gleich Qualität und künstlich aufgeblasene Oberflächlichkeit noch lange keine Kunst.Jason Rhoades private Enzyklopädie langweilt, das ständige Wiederkäuen von Beliebigem ermüdet.Doch die sieben Mägen von Nürnberg verdauen weiter.

Nürnberg, Kunsthalle, bis 20.September; Katalog 39 Mark.

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