Kultur : Innovative Verlangsamung

„Chassis“ von Stefan Diez wird gleich als zukünftiger Klassiker gefeiert

Nora Sobich

Wenn es zutrifft, dass sich selbst aus einem profanen Gebrauchsgegenstand wie einem Löffel noch die Gestaltungssprache einer Zeit ablesen ließe, ist man bei Stühlen ziemlich aufgeschmissen. Die Vielfalt an neuen Modellen dieses Alltagsprodukts, dessen Entwürfe im Design seit jeher eine Art Standarddisziplin darstellen, zu der jeder Gestalter irgendwann einmal sein Gesellenstück abliefern muss, grenzt schon an eine babylonische Objektverwirrung. Gegen den Überfluss hat der englische Designer Jasper Morrison inzwischen mit seinem Projekt „Super Normal“-Entwürfe die Notbremse gezogen. Sein neuer Stuhl „Basel Chair“ (Vitra) ist jedoch eine etwas sehr karge und unspektakuläre Fortentwicklung von einem archetypischen Holzstuhl geworden. Andere versuchen dagegen unbeirrt ehrgeizig mit innovativen Fertigungstechnologien und Hightech-Materialien das Sitzobjekt noch mal neu für sich zu erfinden.

Wie auch immer bleibt es ein Kunststück, mit einem Stuhl aus der Flut an Neuheiten herauszustechen. Um dabei nachzuhelfen, greifen Marketingstrategen am liebsten gleich auf die Königsklasse zurück und preisen jede irgendwie ungewöhnliche Sensation aufjubelnd als Klassiker. Bei dem von Konstantin Grcic in diesem Frühjahr präsentierten innovativen Hightech-Kunststoffstuhl „MYTO“ (Plank) wurde die große Zukunft schon im Namen vorweggenommen.

Zu den Neuheiten, denen in Windeseile in höchsten Tönen applaudiert wird, gehört auch der Mehrzweckstuhl „Chassis“ (Wilkhahn) von Stefan Diez. Drei Jahre, wie es heißt, hat der Münchner Designer Stefan Diez, der zu den viel beachteten Nachwuchstalenten der deutschen Designszene gehört, an dem kaum drei Kilogramm schweren Stahlblechstuhl gearbeitet. Die Formensprache wirkt im ersten Moment irgendwie vertraut und im zweiten Moment dann seltsam fremd, ohne dass man sofort erklären könnte, woran das liegt. Bei der Konstruktion griff der Designer auf ein im Karosseriebau der Automobilindustrie verwendetes Hightech-Verfahren zurück, das es erlaubt, Stahlblech aus einem Stück in die Endform zu ziehen. Dem Verfahren verdankt der Stuhl nicht nur seine ergonomische Form und effiziente Materialverarbeitung, sondern auch seinen Namen „Chassis“. Rasant und autoschnell sieht Diez’ Stuhlneuheit allerdings nicht aus. Anders als die frühen Aluminiumobjekte, bei denen die Rasanz des verwendeten Fortschrittsmaterials in windschnittige Stromlinienform übertragen wurde, oder die derzeit aus dem neuen Geschwindigkeitsmaterial Carbon entwickelten Möbel, die ebenfalls mit ihren dynamisch feingliedrigen Formen auffallend schnell aussehen, erinnert „Chassis“ mehr an einen charaktervollen Oldtimer, eine moderne Sportwagenblechschüssel.

Die Verlangsamung und haptische Versinnlichung des Hightechs wird von Stefan Diez fast schon zelebriert. Das Blechgerüst des Stuhls zeigt sich nicht etwa nackt und chromglänzend, sondern ist mit Leder eingeschlagen. Gut gebettet sitzt man auf dem Naturmaterial, mit dem ja auch Lenkrad und Fahrersitze bezogen werden, das für Pfeifenrauch und englische Kamingemütlichkeit steht, für feines Knatschen beim Zurücklehnen, für Ruhe und Gediegenheit. Das Kernleder liegt bei „Chassis“ in einer Rahmenbespannung auf dem Sitz – so wie eine Schreibunterlage auf einem Tisch liegt.

„Chassis“, so wünschen es sich seine Produzenten, soll zu einem Allzweckstuhl werden, der sowohl im Privaten – dort als Ess- oder Arbeitsstuhl – eingesetzt wird, aber wegen seiner Stapelfähigkeit auch vor allem für den öffentlichen Bereich taugt, für Konferenzräume und Vortragssäle. Dazu könnte ihn langfristig nicht zuletzt seine Aura des Innovativen befähigen sowie seine gestalterische Eigenwilligkeit. Denn eigenwillig sind die Objekte von Diez, immer ein bisschen anders als das Übrige und das, was man erwartet hätte. Auffallend ist bei „Chassis“ nun nicht nur die Art, wie die Hinterbeine gleichsam aus der Konstruktion des Stuhlgestells herauswachsen. Auffallend ist auch die üppig bemessene Sitzfläche, die keinen auf der Kante sitzen lässt, wo Kinder herumturnen können, auch die Hände noch Platz finden, es sich selbst seitlich oder schräg bequem sitzen lässt.

Das Handwerk spielt bei Diez, der seine Karriere mit einer Schreinerlehre begann, eine entscheidende Rolle, wie er in Interviews immer wieder betont. Seine Ideen entstehen nicht am Bildschirm, sondern im Verarbeitungsprozess und am Material. Die fertige Gestalt liegt nie zu weit vom Ursprung entfernt. Trotz industrieller Fertigung ist die Entstehung immer präsent: der Handwerker, der schnitzt, schraubt und schweißt.

Das Resultat dieser Herangehensweise zeigt sich im Skulpturhaften der Objekte, die wegen ihrer eigenwilligen Dimensionierungen und Formen oft fast schon eine hässliche Schönheit haben, Gewöhnung und Zeit verlangen, dass man sich in sie hineinschauen kann, um ihre Poesie zu entdecken.

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