Kultur : Ins Konzert statt ins Bett

Jörg Königsdorf

über Hustenattacken und Handytöne Vielleicht war der Keuchhusten, mit dem das Publikum der Staatsopern-Festtage am vergangenen Dienstag den Liederabend von Thomas Quasthoff torpedierte, ja als Protest gegen die Statistiken der Unternehmerverbände gemeint: Während dort nämlich seit Jahren der kontinuierliche Rückgang von Fehlzeiten und Krankheitstagen gefeiert wird, wollten die „Winterreisen“-Besucher nachdrücklich demonstrieren, dass anwesend nicht unbedingt auch gesund bedeutet. Diese Demonstration ist jedenfalls gelungen.

Tatsächlich sind die Menschen heute natürlich genauso oft krank wie vor 20 Jahren, nur während sie früher im Bett blieben, gehen sie heute zur Arbeit – oder eben ins Konzert. Wen wundert es da noch, dass sich die Art Klassik durchsetzt, die am robustesten ist. Wo die Lärmentfaltung so groß ist, dass selbst hemmungslosestes Röcheln und die Klingeltöne jener, die überall erreichbar sein wollen, untergehen. Während ein Kammermusikabend oft schon durch das über mehrere Minuten gestreckte Auspacken eines Hustenbonbons empfindlich gestört wird, haben Störgeräusche gegen den Holzhammer, der am Ende von Mahlers sechster Sinfonie zwei bis drei Mal (ja nach Fassung) mit ohrenbetäubendem Krach niedersaust, keine Chance. Vielleicht hat sich Simon Rattle das Werk ja deshalb für das spektakuläre gemeinsame Konzert der Wiener und Berliner Philharmoniker am Samstag ausgesucht. Das Konzert in der Philharmonie ist natürlich längst ausverkauft, während sich für die Kammerversion des Ereignisses am Tag darauf im Kammermusiksaal kaum jemand interessiert. Und das, obwohl das Ensemble Wien-Berlin seit langem Pionierarbeit in der Orchesterverständigung leistet.

Seit etwa zwei Jahrzehnten treffen sich die fünf (inzwischen meist ehemaligen) Bläsersolisten der beiden Spitzenorchester zu Konzerten und Aufnahmen, und auch diesmal haben sie ein gescheites, breit gefächertes Programm mit Werken von Wolfgang Rihm, Hindemith, Zemlinsky und Beethoven (das frühe Streichquintett in einer Fassung für Bläserquintett) zusammengestellt. Karten gibt es wie gesagt noch reichlich – für Gesunde. Und sicherheitshalber kann man seine Hustenbonbons ja schon vorher auspacken.

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