Kultur : Ins Netz gegangen

In diesem Jahr wurde weltweit Kunst im Wert von mehr als acht Milliarden Dollar gestohlen

Claudia Herstatt

Mit einem Kinderspiel versucht das Munch Museum in Oslo seit diesem Herbst mit dem Trauma des bewaffneten und bisher nicht aufgeklärten Raubs der beiden Hauptwerke Edvard Munchs „Der Schrei“ und „Madonna“ im August 2004 umzugehen. Doch was da im Familienkreis nachgestellt werden kann, hat wenig mit der Realität zu tun. Denn Kunstdiebstahl ist alles andere als ein Kinderspiel.

Gingen die Experten bisher von Kunstdiebstählen in Höhe von sechs Milliarden Dollar jährlich aus, schätzt das 2003 eingerichtete Art Crime Team des FBI (Federal Bureau of Investigation), dass 2005 weltweit Kunst im Wert von mehr als acht Milliarden Dollar gestohlen wurde. Das sind Dimensionen, die durchaus mit dem Waffen-, Drogen- und Menschenhandel konkurrieren können – und längst damit in Verbindung stehen. Ermittler sind sich darüber einig, dass der Handel mit geraubter Kunst ein knallhartes Geschäft ist, und der vermögende Kunstliebhaber als Auftraggeber zur privaten Ergötzung an einem Leonardo oder einer antiken Statue in den Bereich der Fama gehört.

Vor kurzem hat das FBI eine umfangreiche Liste gestohlener Werke ins Internet gestellt. In der Top-Ten-Liste ungeklärter Kunstdiebstähle stehen nicht nur die Munch-Gemälde, auch das im Mai 2003 aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien entwendete Salzfässchen „Saliera“ von Benvenuto Cellini mit einem Schätzwert von rund 55 Millionen Dollar, die Leonardo da Vinci zugeschriebene „Madonna mit der Spindel“, die 2003 im schottischen Drumlanrig Castle von der Wand gerissen wurde, sowie zahlreiche Raubgüter aus dem Irak.

Über das öffentliche Link des Art Theft Program setzt das FBI auf Hinweise zum Wiederauffinden der Schätze. Verdeckte Ermittlungen sind jedoch der Alltag der Kunstfahnder hinter den Erfolgsbilanzen. So gelang es dem FBI im September in Zusammenarbeit mit der dänischen und schwedischen Polizei, das im Jahr 2000 aus dem Schwedischen Nationalmuseum gestohlene, um 1630 entstandene Selbstporträt von Rembrandt in Los Angeles aufzufinden. Bei einem fingierten Ankauf konnten der Diebesring dingfest gemacht und das Gemälde dem Museum zurückgebracht werden. Drei junge Schweden wurden am vergangenen Donnerstag zu Haftstrafen von bis zu drei Jahren verurteilt.

Doch vor solchen Erfolgsmeldungen steht absolute Diskretion. „Eher würde ich mir ins Bein schießen, als einen Ton über den Stand der Dinge der Recherche nach der Saliera zu sagen“, erklärt ein Oberst beim österreichischen Bundeskriminalamt: „Die hochsensiblen Ermittlungen dürfen unter keinen Umständen gefährdet werden.“ Aus dem Umfeld der Ermittler verlautete jedoch, dass Lösegeldforderungen eingegangen sind. In welcher Höhe und zu welchen Konditionen das Kleinod möglicherweise wieder an seinen angestammten Platz zurückkehren könnte, darüber herrscht eisernes Stillschweigen.

170 000 Fälle von gestohlenen Kunstwerken verfolgt das Art-Loss-Register mit Büros in Köln, London und St. Petersburg derzeit. Wie schwierig es ist, den Tätern auf die Spur zu kommen, belegen die Zahlen. Kaum mehr als 20 Objekte konnte das Kölner Büro in diesem Jahr identifizieren. Bis zur Rückgabe an die Besitzer ist es dann noch einmal ein weiter Weg mit polizeilichen Ermittlungen und Gerichtsverfahren. Das Art-Loss-Register stellt keine Listen gestohlener Dinge ins Netz. Geschäftsführerin Ulli Seegers sagt: „Wir wollen Kriminelle nicht auf unsere Fährten locken.“ Aber sie hält die FBI-Initiative für einen guten Versuch, ein „erhöhtes Augenmaß auf die Problematik zu lenken“. Gemeinsam mit dem FBI, das auf die Unterstützung von mehr als 56 Dienststellen und 400 Zweigstellen weltweit bauen kann, hat das Art-Loss-Register erst kürzlich mehrere nach der Wende in der früheren DDR abhanden gekommene Kunstwerke bei einem dubiosen Internetanbieter in den USA aufspüren können.

„Nicht nur mit den Experten des FBI, auch dem Bundeskriminalamt, Inter- und Europol, den Landeskriminalämtern stehen wir ständig im Austausch,“ sagt Ulli Seegers, „eine große Hilfe ist auch die Polizei in Rom, die 40 Carabinieri auf den Kunstraub angesetzt hat.“ Italien steht an der Spitze der Kunstraubstatistik.

Der in Berlin stationierte FBI-Dienststellenleiter Rik Tamplin sagt: „In einem Jahr hat das Art Crime Team hundert Kunstwerke im Wert von rund 50 Millionen Dollar auffinden können, das ist ein Anfang.“ Dazu gehörten ein Werk von Francisco de Goya ebenso wie ein Teil einer Rüstung, die von 100 bis 700 vor Christus stammt und 1997 in Peru aus einem Grab gestohlen wurde Sie fand sich ausgerechnet im Besitz des Generalkonsuls von Panama wieder. Inzwischen kam es in diesem Fall zu zwei Festnahmen.

Die Entführung der deutschen Archäologin Susanne Osthoff lenkt das Augenmerk auch einer breiten Öffentlichkeit erneut auf die unvermindert anhaltenden Raubgrabungen im Irak. Da ist das FBI in jüngster Zeit allerdings nur in kleinem Umfang fündig geworden: So konnten acht Rollsiegel, die von einem Straßenhändler angeboten worden waren, sichergestellt werden. „Das ist ein besonders kompliziertes Feld,“ sagt Bonnie Magness-Gardiner, die Managerin des Art Theft Program in Washington, „wir vermuten, dass das, was dort derzeit im großen Stil ausgegraben wird, erst mit reichlicher Zeitverzögerung und dann mit scheinbar soliden, aber konstruierten Provenienzen auf den Markt und somit möglicherweise in Sammlungen und Museen kommt. Aber wir haben ein scharfes Auge darauf.“

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