Kultur : Ins unbekannte Land

„Unser aller Vater“: Amsterdam spürt dem Einfluss van Goghs auf den Expressionismus nach

Nicola Kuhn

Für die jungen Brücke-Künstler muss die Ausstellung eine Offenbarung gewesen sein, ja sie gerieten „außer Rand und Band“ beim Anblick der fünfzig Bilder, wie sich ihr Dresdner Hochschulprofessor Fritz Schumacher später erinnerte. Endlich hatten sie ihr Vorbild, ihren Lehrer gefunden, nachdem sie als angehende Architekten nur im Zeichnen unterwiesen worden waren und die bisher besuchten Postimpressionisten-Ausstellungen sie kaum dazu inspirierten, die Malerei zu revolutionieren. Nicht weniger hatte sich der Kreis um Kirchner, Heckel, Pechstein, Schmidt-Rottluff, Bleyl wenige Monate zuvor in seinem Gründungsmanifest vorgenommen. Hier kam es endlich zur ersehnten Initialzündung für eine Kunst, die als eine der stärksten Bewegungen von Deutschland ausstrahlen sollte.

Die Van-Gogh-Wanderschau und ihre Station im Herbst 1905 in Dresden ist also nicht hoch genug zu bewerten, will man den Expressionismus verstehen. Die Bilder des holländischen Einzelgängers gehören gewissermaßen zum ABC der Brücke-Kunst, die allerdings nach den jüngsten Jubiläumsausstellungen zum 100-jährigen Bestehen der Gruppe jeder aufmerksame Museumsbesucher durchbuchstabieren kann. Allein die große Gemeinschaftsschau der Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid und des Berliner Brücke-Museums widmete dem Einfluss van Goghs ihre erste Abteilung. Kaum eine Kunst wurde so ausgeforscht wie die Bilder dieser jungen Wilden, kaum einer ihrer Schritte und ihrer Äußerungen blieb unentdeckt, die sich an Hand von Briefen, Postkarten, Telegrammen rekonstruieren lassen.

Max Pechsteins Bekenntnis „Van Gogh war uns allen Vater!“ bildet deshalb das pathetische Motto der Amsterdamer Ausstellung „Vincent van Gogh und der Expressionismus“. Selbst wenn es kaum glaublich ist, ausgerechnet diesem Kapitel Kunstgeschichte war bisher noch keine eigene Schau gewidmet. Das Van- Gogh-Museum setzt damit auf Sieg, der Besuchererfolg dürfte ihm sicher sein. Interessant allerdings ist die Kooperation mit der Neuen Galerie in New York, dem Privatmuseum des jüngst mit seinem Klimt-Kauf in die Schlagzeilen gekommenen Sammlers Ronald S. Lauder. Durch diese Liaison kommt eine Reihe hochrangiger Leihgaben nach Amsterdam, umgekehrt an der zweiten Station dann nach New York. Was noch mehr zählt: Der Fokus richtet sich nicht allein auf die Bedeutung van Goghs für die Brücke sowie die Gruppe des Blauen Reiter, sondern auch auf die expressionistischen Künstler in Wien, die in Lauders Sammlung einen gewichtigen Akzent bilden und entsprechend von der britischen Kuratorin Jill Lloyd angespielt werden. Gerade diese Achsverschiebung gen Süden, jenseits der erwarteten Ausrichtung auf Dresden, München und Berlin, macht die Ausstellung auch für Kenner attraktiv.

Und dennoch gehört der Aufschlag natürlich den Brücke-Künstlern. Ihre Begegnung mit van Gogh war ein Ur-Erlebnis. Endlich, so hatten sie das Gefühl, versteht jemand ihr Ausdrucksbedürfnis in Farbe und ist ihnen ins unbekannte Land vorangegangen. Die Amsterdamer Ausstellung platziert die Bilder des großen Vorbilds und seiner tastenden Adepten so pointiert, dass der Besucher fast nur noch Übereinstimmungen sieht, kaum jedoch die Eigenleistung.

So scheint das 1907 gemalte Selbstporträt Kirchners dem Selbstbildnis van Goghs mit Strohhut (1888) direkt entsprungen: Beide sind gleichermaßen dicht an den Bildrand gerückt, beide tragen Hut und rauchen Pfeife, beide blicken mit ihren umrandeten Augen intensiv den Betrachter an. Wie Hiebe und in reiner Farbe sind die Pinselstriche auf die Leinwand gesetzt, wodurch die Physiognomie der Gesichter zu unruhigem Eigenleben erwacht. Nervosität durchpulst das Konterfei beider Künstler. Bei Kirchner allerdings spielt tanzend die Natur im Hintergrund mit hinein, während sich van Goghs Oberkörper wie ein Bergmassiv vor weißem Grund abhebt. Immerhin war Kirchner beim Entstehen des Bildes erst Mitte zwanzig, van Gogh dagegen 35 Jahre alt und erlebte gerade in Arles seine beste Zeit.

Der holländische Maler sollte Kirchners Leitstern bleiben, insbesondere in Momenten der Krise. So hat er in diesen Phasen nicht nur in deutlicher Übereinstimmung mit ihm gezeichnet; die mit bräunlicher Tusche gestrichelten Korngarben zeigen den gleichen Duktus wie van Gogh. 1915, im Jahr seines Nervenzusammenbruchs als Frontsoldat, benutzt er für seinen Farbholzschnitt zur Illustration der Geschichte Peter Schlemihls, der seinen Schatten verkauft, explizit eine Vorlage des großen Meisters, der ihm auch im Schicksal so nahe schien.

Gerade das Kompromisslose hat die Künstler an van Gogh fasziniert. Die von Julius Meier-Graefe 1910 herausgegebene Biografie wird zu einem der ersten Kunstbestseller und bereitet van Goghs Ruhm in Deutschland mit vor, wo er nicht nur in den Museen Einzug hält, sondern wie in der Kunsthalle Bremen auch das Aufeinanderprallen konservativer Kräfte und avantgardistischer Geister provoziert. Insbesondere die expressionistischen Dichter befeuerten sich an van Gogh: „Denn er sieht alle Farben so, wie ich sie sehe. Ich habe mir beim Lesen so und so oft gesagt: Donnerwetter, genau so würdest du ein Gedicht machen: Die Matrosen vor der Sonnenscherbe. Die lila Kähne. Der Sämann in einem unendlichen Feld“, schrieb Georg Heym 1910.

Gerade die Landschaftsbilder dienten den Malern des Blauen Reiter als Inspiration. Sie waren schon in Paris auf seine Gemälde gestoßen und übertrugen nun das Leuchten der Straßen und Häuser (Kandinsky), das erratische Aufragen einzelner Stämme (Jawlensky), die Dynamik des Horizonts (Macke) auf ihre eigenen Naturbilder. Anrührend das frühe Tierbild von Franz Marc, „Katzen auf rotem Tuch“ von 1910, das ihn mit dem van-Gogh’schen Pinselduktus auf der Schwelle zu seiner eigenen Auffassung von Körperbehandlung zeigt.

So hat sich jeder das Eigene aus dem Kosmos des großen Holländers herausgeholt. Auf dessen strahlende Sonnenblumen antwortet Egon Schiele fast 30 Jahre später am Vorabend des ersten Weltkrieges mit einer „Herbstsonne“, in deren Licht die Blüten ihre Köpfe hängen lassen. Van Gogh hat ihnen allen Ahnungen, Emotionen entlockt, die sich auf der Leinwand entluden. Er selbst war stets bei den konkreten Dingen geblieben; als reiner Farbmaler, als Künstler der Expression hätte er sich wohl nie gesehen,

Van-Gogh-Museum, Amsterdam, bis 4. März; Katalog (HatjeCantz) 35 €.

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