Kultur : Insekt mit tausend Fühlern

Christina Tilmann

Als vor nunmehr vier Jahren die achtköpfige Findungskommission in Kassel den neuen Documenta-Leiter bekanntgab, war die Überraschung groß. Kaum jemand hatte bis dahin den Namen Okwui Enwezor gehört. Für die Johannesburg-Biennale, die er 1997 verantwortet hatte, war ihm zwar "intellektuelle Redlichkeit und perspektivische Klarheit" bescheinigt worden, bei Catherine Davids "Documenta X" war er einer der 100 vortragenden Gäste des Rahmenprogramms und im Jahr 2000 hätte er als einer von fünf Kuratoren die Großausstellung "Zeitenwende" betreuen sollen - wenn das Unternehmen nicht kurzfristig abgesagt worden wäre.

Heute, vier Jahre später und wenige Tage vor Eröffnung der Documenta, weiß man nicht wesentlich mehr. Je näher die Großausstellung rückte, desto verschlossener präsentierte sich ihr Schöpfer. Er, der sich früher schon einmal gern im Licht der Fernsehkameras sonnte, von dessen Charme und Offenheit Kollegen schwärmen, zog sich mehr und mehr auf einsilbige Antworten und rhetorische Rückfragen zurück. Die Pressekonferenzen im Vorfeld der Documenta wurden kürzer und kürzer.

Mag sein, dass die Nervosität den sonst so selbstbewussten Enwezor nun doch eingeholt hat. Immer noch ist die Documenta die bekannteste und wichtigste internationale Kunstausstellung, wird von ihr jedes Mal erneut die richtungsweisende Bestandsaufnahme in Sachen Gegenwartskunst erwartet. Zudem hatte Enwezor die Latte noch einmal höher gelegt, indem er den Rahmen im Vorfeld weiter denn je gesteckt hatte. Nicht mehr nur den "westlichen" Blick, sondern Kunst aus allen fünf Kontinenten wolle er bieten, zudem wolle er "keine reine Kunstausstellung, sondern Kunst in einem Feld anderer kultureller Aktivitäten und Formen" zeigen, verriet er dem SPIEGEL. Als ob eine gute Kunstausstellung nicht schon schwierig genug gewesen wäre, schaltete er im Vorfeld vier Plattformen von Wien bis Neu Delhi, die sich mit Fragen des Demokratieverständnisses, der Globalisierung, der Mischkulturen, der Rechtssysteme und dem Problem der Urbanisierung beschäftigten.

Eine Zumutung, befanden manche Kritiker, die ob des Übergewichts an theoretischer Reflexion die Beschäftigung mit dem Kunstwerk als solchem vermissten. Doch wer mit Enwezor spricht, muss auf theoretische Diskurse gefasst sein - nicht nur, weil sein Gedankengebäude ausgesprochen komplex und hermetisch daherkommt. Der in New York lebende Nigerianer spricht lieber über Fragen der Identität, über Politik und Gesellschaft als über einzelne Kunstwerke, und er sucht in der Kunst "Leute mit Engagement und künstlerischer Praxis, die reflektieren, was in der Welt vorgeht."

Seine Mentoren sind Kulturkritiker wie der in den USA lehrende indischstämmige Kulturtheoretiker Homi Bhabha mit seinem Begriff hybrider Identitäten, der Literaturwissenschaftler Edward Said, der engagiert gegen die Idee eines westlichen Literaturkanons kämpft, oder der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka. Nicht so sehr das Kunstwerk als solches ist es, das den Lyriker, Kunstkritiker und Kurator interessiert, sondern die Kunstwelt als "Teil einer Kultur im übergeordneten Sinn". Er tue alles, um "eine fetischistische Beziehung zwischen dem Publikum und dem Kunstwerk" zu vermeiden, hatte er anlässlich der Biennale von Johannesburg betont, die unter dem Titel "Trade Routes - History and Geography" stand.

Vielleicht liegt die Erklärung für dieses engagiert transnationale und politische Kunstverständnis in seiner Biografie: Enwezor, 1963 in der nigerianischen Kleinstadt Kalaba geboren, wuchs in eine Nation im Umbruch hinein: "Ich bin in die Euphorie einer jungen, gerade unabhängig gewordenen Nation hineingeboren und mit dem Gefühl aufgewachsen, dass wir eine Rolle in der Welt zu spielen haben", bekannte er in einem Interview und erzählte gleichzeitig von den traumatischen Erfahrungen des Bürgerkriegs, des ständigen Lebens auf der Flucht, aber auch von der internationalen, multikulturellen Atmosphäre in Nigeria, wo 100 Sprachen aufeinanderprallen. Kein Wunder, dass ihm selbst New York als "pervers konventionell" vorkam, als er als 19-jähriger zum Studium ans Jersey City State College kam. Wer aus dem schwankenden Prozess der nationalen Selbstfindung eines Landes kommt, den kann ein festes nationales Selbstverständnis nur irritieren.

Kampfbegriff "westlicher Blick"

Besonders auffällig wird das, wenn man Enwezor auf Fragen der Nationalität oder Herkunft anspricht oder gar die Vermutung äußert, er könne als Nichteuropäer für die Documenta-Kommission besonders interessant gewesen sein. Da kann er sehr aggressiv werden, von Rassismus und Vorurteilen sprechen oder das Gespräch gleich ganz verweigern. Der "westliche Blick", den er beständig attackiert und auch mit seiner Documenta zu unterlaufen versucht, mag für ihn ein Kampfbegriff sein, die Aggressivität, mit der er reagiert, zeugt jedoch von einem wunden Punkt. Denn der so mühelos zwischen den Welten wechselnde Enwezor kann innerhalb weniger Sätze seine Identität wechseln, erst die "westlichen Intellektuellen" attackieren, um dann ganz selbstverständlich als Teil einer westlichen Welt zu sprechen. Festlegen lassen möchte er sich nicht. Dass "Globalisierung" nicht nur Befreiung sein kann, wird man von diesem jungen Kurator, der wie kein anderer eine globalisierte Kunstwelt verkörpert, kaum zu hören bekommen: In Nigeria aufgewachsen, in New York studiert, hat er nach eigenem Bekunden mehr als 55 Länder besucht, hält Vorträge in Afrika, Europa und den USA, ist Ko-Kurator für zeitgenössische Kunst am Art Institute of Chicago und sucht sich Freunde und Kuratoren aus aller Welt.

Und doch: Hervorgetan hat sich Enwezor bislang hauptsächlich als Promoter afrikanischer Kultur. Mit der Ausstellung "In/Sight: African Photographers 1940-Present", die 1996 die große Afrika-Ausstellung des Guggenheim-Museums begleitete, mit der Gründung der Zeitschrift "Nka: Journal of Contemporary Art", die seit 1993 zum wichtigsten Medium zeitgenössischer afrikanischer Kultur avancierte sowie zuletzt mit der Wanderausstellung "The Short Century", die Afrikas Befreiungsgeschichte zwischen 1945 und 1994 erzählt. Auch wenn er stets betont, bei der Documenta keinen besonderen Schwerpunkt auf Afrika legen zu wollen: Eine "Art Straßenkarte", um "fähig zu sein, ein komplexeres Verständnis für andersartige Kulturen aufzubringen", hat er dem Besucher versprochen. Lesen lernen muss sie jeder selbst.

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