Kultur : Insel auf der Insel

PHILIPP LICHTERBECK

Alexander von Humboldt nahm kein Blatt vor den Mund, als er vor zweihundert Jahren auf der Sklaveninsel Kuba Station machte: "Was ein einzelner Plantagenbesitzer verschwelgt, davon können hundert Sklaven leben!", wetterte er und verkündete, "alle Menschen sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt". Die Sklaverei kollidierte mit Humboldts aufklärerischer Gesinnung und widersprach seiner Vorstellung von Harmonie, die er in der Natur vorgefunden, romantisch auf die Menschen projizierte.Den Spuren Humboldts filmisch folgend, zeigt das Filmmuseum Potsdam am heutigen Sonntag den kubanischen Film "Die Überlebenden" von Tomas Gutierrez Alea (1978). Schön, daß es Kinos wie dieses gibt, die sich um Filme bemühen, die zwar wenig Hype versprechen, dafür aber Welten eröffnen, die uns sonst fremd und verschlossen blieben."Die Überlebenden" ist eine Parabel auf das Bibelwort von den Ersten, die die Letzten sein werden. Das kann schnell gehen, besonders in Zeiten des Umbruchs und der Revolution. Peng, schon gehört man zum Abfall der Geschichte. Wie sich die vorrevolutionäre Elite Kubas nach 1959 selbst auf die Müllhalde befördete, sofern sie nicht nach Florida floh, erzählt Tomas Gutierrez Alea am Beispiel der Familie Orozco.Die Orozcos gehören zu den ersten Adressen Kubas. Einer ihrer Vorfahren segelte schon mit Kolumbus über den Atlantik. Sie besitzen hunderte von Hektar Grund und eine kleine Heerschar Personal. Als die Revolution Havanna erreicht, können die Orozcos nur lachen. Der Spuk werde nicht lange dauern, glauben sie, bald kämen die Amerikaner zu Hilfe. Doch die Marines lassen auf sich warten. Da denkt man sich ein raffiniertes System aus, um die alte Ordnung zu bewahren: Die Außenwelt wird einfach ignoriert, die Tore des Anwesens geschlossen, mit mehreren LKW-Ladungen Lebensmittel und macht sich der Clan autark. Die Orozcos schaffen sich eine Vergangenheitsinsel inmitten der wirklichen Insel, der, die gerade heftig die Vergangenheit abschüttelt um voranzuschreiten.Es ist das gleiche Motiv, das Emir Kusturica Jahre später in "Underground" gebrauchen sollte: Eine kleine Gemeinschaft von Menschen konstruiert sich abgeschirmt von der Realität eine eigene Welt, deren Prämisse Stillstand und Wiederholung ist. In "Underground" glaubt man im Keller sitzend vierzig Jahre lang an das Fortdauern des Zweiten Weltkrieges; "Die Überlebenden" rechnen fest mit den Amerikanern, "weil die bisher immer kamen".Doch hier wie dort ist die auf Selbsttäuschung gegründete Gemeinschaft dem Untergang geweiht, weil in der Täuschung die Ent-Täuschung als Kern schon lebt. Schleichend gelangt die Wahrheit in den "Underground" und klettert über die Mauern des Orozco-Anwesens. Die Bediensteten der Orozcos leben ihren "in hunderten von Jahren gewachsenen Wunsch nach Vergnügen" aus und plündern die Speisekammer. Dann legen die verängstigten Orozcos sie in Ketten, machen sie wieder zu Sklaven. Doch da gehen sie einen Schritt zu weit. Denn obwohl sich die Geschichte ein wenig bremsen läßt, wie uns Gutierrez Alea erklärt - zurückdrehen kann man sie nicht. Es kommt zur Rebellion. Die Dienerschaft macht sich auf und davon, die Orozcos bleiben allein zurück. Unfähig ihre eigenen Felder zu bestellen, hungern sie. Sie beginnen einander umzubringen, werden schließlich zu Kannibalen."Los Sobrevivientes", die Überlebenden, so bezeichnete man in Mexiko nach der Revolution Kriegsgewinnler und Opportunisten. Die Orozcos schaffen nicht einmal, ihr Fähnchen in den Wind zu halten, und werden von der Geschichte bestraft. Eine Frage drängt sich auf: Ob heute nicht ganz Kuba - isoliert durch Embargo und Castros Sturheit - der Orozco-Plantage gleicht? Fidel Castro wird bald selbst ein "Überlebender" seiner eigenen Revolution sein.

Filmmuseum Potsdam, heute, 21 Uhr.

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