Kultur : Insel der Wahlverwandten

Simone Mahrenholz

Gelegentlich sollte man wieder darüber nachdenken, ob nicht die Eros-haltigsten Orte der Welt unsere Grenzen sind: das also, womit wir eine intimere Bekanntschaft aus vermeintlich gutem Grund vermeiden. Der Regisseur Ferzan Ozpetek ("Hamam") stellt eben dies zur Debatte: in seinem Film über eine gutbürgerliche junge Frau, die eine Wendung ihres Lebens dazu zwingt, ihre Existenz neu zu bewerten. Antonia (Margarita Buy) lebt seit Jahren mit Massimo (Andrea Renzi) in glücklicher Ehe in einer Villa am Stadtrand Roms. Sein Unfalltod wirft die Ärztin in eine dumpfe Fühllosigkeit, aus der sie erst der Fund einer zweideutigen Widmung auf einer Bild-Rückseite herausreißt. Als sie dem nachgeht, alarmiert durch die Möglichkeit einer heimlichen Affaire ihres Mannes, landet sie in Roms pulsierendem Arbeiterviertel, dem Quartiere Ostense. Hier muss Antonia unversehens im Großmarkt dem Blick des attraktiven Michele (Stefano Accorsi) standhalten und braucht eine Weile, um zu realisieren, dass sie dem langjährigen Geliebten ihres Ehemanns gegenübersteht.

Die naheliegende Frage heißt: Wie geht man damit um, dass die gesamte Vergangenheit gleich doppelt umkippt? Dass dort, wo früher Erinnerungen waren, plötzlich Verrat, Lüge, Wut, Selbstzweifel lauern, mit einem Partner im Zentrum, der für Fragen wie für Wut nicht mehr zur Verfügung steht? Der türkische Regisseur und Wahl-Italiener Ferzan Ozpetek deutet diese Ebene zwar an, ihm liegt aber mehr daran, einen utopischen gesellschaftlichen Gegenentwurf auszustellen: leidenschaftlich für einen Begriff von Familie und Gemeinschaft zu werben, der nicht auf Blutsbanden, sondern auf Wahlverwandtschaft beruht. Antonia stößt bei ihren Nachforschungen nicht nur auf Massimos Geliebten, sondern auf eine ganze "Familie" ihres Gatten, dessen Ehe auf seinen Wunsch kinderlos blieb. Micheles Wohnung ist nämlich soziales Zentrum für Homo-, Trans- und Bisexuelle, Ausländer und Italiener, Kranke und Gesunde. Ein Ideal von Solidarität, wechselseitiger Identifikation und ganz unsentimentaler Härte im Miteinander wird angedeutet, während Antonia allmählich ihren Platz in dieser Gemeinschaft einnimmt. Jeder Schritt, den sie über ihre emotionellen Schwellen hinauswagt, wird belohnt. Voyeuristische Naturen spekulieren auf den Moment, wo Antonia und Michele sich mit ihrer wechselseitigen erotischen Anziehungskraft auseinandersetzen.

Naturgemäß ist Ozpeteks Bild eine Idealisierung, deren Schlagkraft nicht zuletzt auf den Klischees beruht, die sie bedient. Wahre Gemeinschaft, Vitalität und Herzlichkeit finden sich selbstredend bei den Armen, der Lover des Arztes steht natürlich sozial unter ihm ("dumm küsst gut"), der Aids-Todkranke hat plötzlich Aussicht auf Heilung. Allerdings werden die Klischees so entwaffnend rücksichtslos geboten, so dass ein Teil des Lustgewinns beim Zusehen im Erleben der Arten liegt, wie mit ihnen gespielt wird. Wie in jeder gut erzählten Geschichte liegt der Reiz nicht im Vermeiden, sondern im kalkulierten Jonglieren mit Erwartungen.

Dass "Die Ahnungslosen" nicht in kitschiges Werben für homosexuelle Lebensformen und missionarisch-pädagogischen Ästheten-Eros abgleitet, liegt an der Besetzung der Hauptrolle. Margarita Buy bleibt unspektakulär präzise: Ihr Gesicht war auch schon in Piccionis "Nicht von dieser Welt" zu einem Hauptschauplatz der Handlung geworden. Ozpeteks Film stiftet ein erfrischendes, nachdenklich stimmendes Aroma: eine bittersüße Utopie, deren zurückhaltender Ausgang beinahe enttäuschend konservativ ist.

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