Kultur : Insel für die Welt

Berlin und der Traum vom Universalmuseum: zum 175. Geburtstag der Staatlichen Museen

Christina Tilmann

Als sie anfingen, waren sie bereits zu spät dran. Schon gab es in München eine Antikensammlung und das Haus, die Glyptothek, dazu, schon 1779 war in Kassel das Fridericianum eröffnet worden, ganz abgesehen von den Museen in London oder Paris. Das Museum, das Karl Friedrich Schinkel am Lustgarten plante und das heute vor 175 Jahren zum 60. Geburtstag König Friedrich Wilhelm III. eröffnet wurde, war dennoch für die Zukunft richtungsweisend: keine Fürstensammlung, sondern ein für alle offenes Haus, kein reines Antikenmuseum, sondern ein Universalmuseum der Künste und Wissenschaften – und außerdem der schönste, modernste Museumsbau der Zeit.

Und wieder werden sie die letzten sein, die Staatlichen Museen zu Berlin: Der Louvre, das British Museum, das Metropolitan in New York haben längst ihre Häuser renoviert und umgebaut, haben sich von Stararchitekten wie Norman Foster oder I. M. Pei Innenhöfe überdachen und Pyramiden in den Hof stellen lassen. Die Berliner Museumsinsel wird das letzte große Museumsprojekt des Abendlands sein, das nach gravierenden Kriegsschäden in alter Schönheit erstrahlt.

Es ist das alte Spiel vom Hasen und Igel. Die Angst, zu spät zu kommen, und gleichzeitig das Glück der späten Geburt haben die Berliner Museen von Anfang an geprägt. Pläne und Forderungen nach einem eigenständigen Museum hatte es seit 1797 gegeben. Doch als das Alte Museum dann dreißig Jahre später eröffnet wird, ist es erfüllt von einem neuen Geist. Die Brüder Humboldt haben die Berliner Bildungs- und Universitätslandschaft revolutioniert, die Saat von Goethe und Winckelmann ist aufgegangen, Schinkel und später Stüler suchen den architektonischen Anschluss an die Antike und ein durch die Befreiungskriege gestärktes Preußen definiert sich neu als Paradies der Kunst und Wissenschaft.

Das ist nicht nur im Bereich der bildenden Kunst so. Längst waren in anderen europäischen Ländern archäologische Sammlungen von Rang entstanden, als die preußischen Könige und vor allem der orient-begeisterte Kaiser Wilhelm II. aufzuholen beschließt. Die deutschen Archäologen schwärmen aus in alle Welt, und was sie nach Hause schicken, stellt alle anderen Sammlungen in den Schatten: Pergamonaltar und Markttor von Milet, Ischtar-Tor und babylonische Prachtstraße, Mschatta-Fassade, Schliemann-Schatz und Tempelfassade von Tal-Hallal. Und 1913 als Krönung: Nofretete, die schönste Frau Berlins.

Mit Nofretetes feierlicher Rückkehr auf die Museumsinsel begehen die Staatlichen Museen in der kommenden Woche ihr 175-jähriges Jubiläum. Schon heute, zum eigentlichen Tag, wird eine kleine Ausstellung der Antikensammlung im Alten Museum eröffnet, ein abendlicher Festakt feiert das Jubiläum. In der kommenden Woche wird dann das Ägyptische Museum aus Charlottenburg für fünf Jahre im Obergeschoss des Alten Museums Quartier beziehen, bis das Neue Museum 2009 fertig rekonstruiert ist.

Von der Eröffnung des Alten Museums 1830 bis zur Fertigstellung des Pergamon–Museums 1930 ist auf der Museumsinsel 100 Jahre lang gebaut worden. Gebaut auch in finanzschwachen Zeiten wie der Weltwirtschaftskrise. Und noch einmal fast hundert Jahre wird es dauern, bis die Museumsinsel wieder in altem Glanz erstrahlt. Der Masterplan zur Restaurierung und Wiederherstellung, 1999 gleichzeitig mit der Erklärung der Museumsinsel zum Unesco- Welterbe verabschiedet, wird wahrscheinlich bis zum Jahr 2015 gestreckt werden müssen und am Ende wohl rund 1,5 Milliarden Euro verschlungen haben. Um Einzelheiten, wie die Errichtung eines neuen Eingangsgebäudes, den Ausbau einer die Häuser verbindenden archäologischen Passage und vor allem der Umgestaltung des dringend renovierungsbedürftigen Pergamon-Museums, wird bis heute gerungen.

Wiederherstellung vor Neubau ist die Losung, die das Bundesfinanzministerium, seit 2003 allein für die Finanzierung zuständig, ausgegeben hat. Das gilt, mehr noch als für die Wiederherstellung der Häuser, auch für die Sammlungen selbst. Nicht mehr großzügige Neuerwerbungen, sondern die Pflege des Vorhandenen steht auf dem Programm. Die Restaurierung der Großarchitekturen im Pergamonmuseum verschlingt über Jahre hinaus Millionenbeträge. Und in den Depots lagern immer noch schwer beschädigte Schätze und harren der Restaurierung. Ganz abgesehen von den Beutekunst-Beständen, die in russischen Museumskellern schlummern und deren Rückkehr durch die ergebnislosen Verhandlungen wohl noch lange auf sich warten lassen wird – eine Ausstellung der Berliner Goldschätze im Moskauer Puschkin-Museum hat gerade wieder einmal auf die Misere aufmerksam gemacht.

So hat sich die Lage seit der Entstehungszeit vor 175 Jahren grundlegend gewandelt. Man wollte im 19. Jahrhundert, in Konkurrenz zu den anderen Nationen, die Welt nach Berlin holen. Nun hat man sie hier – aber kein Geld, sie zu pflegen. Eine Tradition jedoch hat sich erhalten: Von Beginn an haben die Berliner Kunstsammlungen vom Engagement privater Sammler und Mäzene, von Konsul Johann Heinrich Wilhelm Wagener bis zu James Simon profitiert. Sie haben ihre Sammlungen den Museen bedingungslos geschenkt. Daran ist auch in Zeiten von Berggruen, Marzona, Marx und Flick noch einmal zu erinnern. Und noch eins ist gleich geblieben: Die Diskussion um die ewig zu kleine Insel. 1830 bis 1930 hat sie zum sukzessiven Ausbau von fünf einzigartigen Museumsbauten geführt. Da die längst in alle Stadtteile, nach Charlottenburg, Dahlem und Tiergarten verstreuten Sammlungsteile wieder zurückkommen sollen, expandiert die Insel nun über ihre Grenzen hinweg: zu den Museumshöfen jenseits des Kupfergrabens, wo dereinst die Gemäldegalerie ein neues Domizil finden soll, und vor allem auf den Schlossplatz, wo in einem wiederzuerrichtenden Schloss die außereuropäischen Sammlungen unterkommen sollen. Die ganze Welt in Berlin. Man träumt noch heute davon.

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