Insel Hombroich in NRW : Freunde, lasst uns Entdecker sein!

Vorbild fürs Humboldt Forum? Die Insel Hombroich im Rheinland vereint seit 30 Jahren die Künste der Welt in einer grandios verwunschenen und spektakulären Park- und Museumslandschaft. Ein Rundgang.

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Schauinsland. Der 2013 entstandene Abraham-Bau mit Blick auf die Raketenstation Hombroich.
Schauinsland. Der 2013 entstandene Abraham-Bau mit Blick auf die Raketenstation Hombroich.Foto: Tomas Riehle/Arturimages

Ein Wunder, dieses Zusammenspiel von Kunst und Natur. Es geht um die Insel Hombroich, die unter Kennern weltberühmt ist – und bei allen, die sie noch nie gesehen haben, nahezu unbekannt. Tatsächlich ein Solitär, man würde etwas Vergleichbares, gegründet von einem privaten Mäzen, allenfalls in den USA oder womöglich in Japan erwarten. Nur nicht als mittlerweile grandios verwunschene und zugleich architektonisch spektakuläre Park- und Museumslandschaft auf der linken Rheinseite, rund 20 Kilometer nordwestlich von Düsseldorf.

Vor 30 Jahren, im Sommer 1987, ist das heute aus anderthalb Dutzend Gebäuden, aus Englischem Garten mit Stauden, Wiesen, waldigen Hainen, aus kleinen Seen und dem Flusslauf der Erft bestehende Ensemble des „Museums Insel Hombroich“ eröffnet worden. Stifter war der im Wirtschaftswunderland reich gewordene Düsseldorfer Immobilienentwickler und Sammler Karl-Heinrich Müller, der vor jetzt zehn Jahren mit Anfang siebzig verstorben ist.

Elegante Weltoffenheit

Ein doppeltes Jubiläum und allein schon Grund genug für den aktuellen Blick auf das Werk eines Selfmade-Unternehmers, der seinen visionären Kunstenthusiasmus offenbar mit einer ganz aus der Zeit gefallenen Bescheidenheit verband. Tatjana Kimmel, die Pressesprecherin der „Insel“ und gelernte Kunsthistorikerin, weist mit selbst fast ungläubigem Lächeln darauf hin, dass die Stiftung in den drei Jahrzehnten ihres Bestehens, wohl im Sinne des legendären Herrn Müller, für die Kunstinsel noch nicht eine einzige Anzeige geschaltet habe.

Ungewöhnlich ist hier vieles. Man fährt von den Autobahnen rund um Düsseldorf bei Neuss ab, folgt im Dörfchen Holzheim ein paar winzigen Schildern hinaus in die Felder, gelangt in ein Waldstück und auf ungeteerten Wegen zu einer flachen Kassenhalle. Der Eintritt von 15 Euro (es gibt diverse Ermäßigungen) enthält auch ein freies Mittagessen sowie Getränke in einer idyllisch im Park gelegenen Cafeteria; das ist rührend, erwartet wird nur diskret eine Spende. Und doch öffnet sich hier mitten in der Natur ein Universalmuseum – das in seiner krampflos eleganten Weltoffenheit sogar in mancherlei Hinsicht ein Vorbild sein könnte für das Berliner Humboldt Forum.

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Freier Eintritt für das Humboldt-Forum
Freier Eintritt für das Humboldt-Forum

Denn was die Besucher erleben, sind archäologische Funde aus Afrika, Ozeanien, Südamerika, antike Stücke aus China und Persien, sind Khmer-Skulpturen aus Kambodscha, genauso wie Rembrandt-Radierungen, Figurationen von Matisse, Skulpturen und Skizzen von Hans Arp oder Alberto Giacometti, Filz- und Tonarbeiten von Eduardo Chillida, Mobiles von Alexander Calder, Gemälde, Aquarelle, Graphiken von Cézanne, Corinth, Gustav Klimt, Jean Fautrier oder Yves Klein, Bilder von Gotthard Graubner, von dem Ex-Polizisten und Beuys-Schüler Anatol Herzfeld oder von Norbert Tadeusz. Vergangenheit und Gegenwart, Ferne und Nähe spiegeln sich, geraten im Auge des Betrachters in einen ständigen, oft überraschenden Dialog.

Dies alles aber nicht wie in einem irgendwie „normalen“ Museum. Der wundersame Sammler Müller hatte nämlich außer seinem Kapital und seinem autodidaktisch eigensinnigen Kopf drei Hauptverbündete. Einmal den Künstler-Freund und Düsseldorfer Akademieprofessor Gotthard Graubner, dessen Gemälde in Berlin beispielsweise beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue und im Reichstag hängen. Mit Graubner (2013 verstorben) machte Müller sich bei gemeinsamen Weltreisen auf die Suche nach Kunstwerken vieler Kulturen und aller Zeiten. Hinzu kamen als Akteure, beide gleichfalls aus Düsseldorf und Umgebung, der Bildhauer Erwin Heerich (2004 verstorben), der die diversen Hombroicher Museumshäuser als Raumkunst, als „begehbare Skulpturen“ entwarf, sowie der heute noch tätige Landschaftsarchitekt Bernhard Korte.

Ein Hauch von deutschen Arkadien

Als Müller 1982 die ersten Gebiete des heute – mit einer ab 1997 angegliederten ehemaligen US-Raketenstation – insgesamt über 60 Hektar umfassenden Hombroich-Areals erwarb, war da nur ein kleiner Teil schon gärtnerisch angelegt. Er gehörte als verwilderter Park zum ältesten Bauwerk, dem Rosa Haus, einer aus dem Jahr 1816 stammenden, im barocken Geschmack erbauten Villa, die sich ein Fabrikant aus dem pietistisch-puritanischen Wuppertal als sein Sommerlustschlösschen sicherheitshalber im lebensfroheren Rheinland errichtet hatte.

Bernhard Korte renaturierte neben den Parkresten die vom nahen Tagebau ausgedörrten Ackerflächen, schuf mit unterirdischen Pumpen ein eigenes, die Flussläufe und Ländereien verbindendes Bewässerungssystem, legte so Auen und Teiche an, pflanzte Platanen, Eschen, Zedern, Sumpfzypressen, Stauden- und Obstgärten, Tulpen- und Trompetenbäume, er warf sanfte Hügel auf, kreierte derart einen Hauch von deutschem Arkadien.

Darin verteilen sich die hinter Wegbiegungen oder Baumgruppen oft überraschend auftauchenden Museumsbauten, die der Bildhauer Erwin Heerich mit Unterstützung von Bauingenieuren und Statikern entworfen hat: von der Bauhausmoderne geprägte, jedoch nicht weiß betonierte, sondern aus nicht-industriell gebrannten Backsteinen gebildete Kuben: oft formal aufgebrochen durch Bögen, Glasfronten oder wie ein spitzer Schiffsbug vorspringende Winkelwände.

Kunst ohne Belehrung und Kuratorensprech

Ihr erster Reiz ist der durch alle Tür- und Fensteröffnungen mit oft erstaunlichen Perspektiven präsente Kontakt zur umgebenden Landschaft. In zwei Gebäuden ohne Exponate, reinen Raumskulpturen, zählt allein der Blick, frei nach Paul Cézannes Ideal einer „Kunst parallel zur Natur“. Auch wird meist auf elektrische Beleuchtung verzichtet, es herrscht mit den Jahreszeiten und Witterungen wechselndes Tageslicht, unterstützt von gläsernen Dachpartien.

Ohne weitere Hinweise, nur mit einer beim Eintritt verteilten Ortsskizze ausgestattet, sucht sich jeder seinen eigenen Fußweg durchs Gelände. Stifter Müller: „Die Insel ist kein Muss, sondern ein Darf.“ Es gibt keine Audioguides, nicht einmal eine Beschriftung der Werke, nur eine den einzelnen Bauten zugeordnete Liste der Künstlernamen im Rundgangsflyer oder ergänzend ein Katalogbuch. Das wirkt manchmal grenzwertig, soll indes nicht hochmütig erscheinen, sondern den freien Blick des Betrachters und eigenständigen Entdeckers öffnen. Mal ohne Belehrung und Kuratorensprech.

Konflikte zwischen Kunst und Natur

Und wirklich ergeben sich für die jährlich rund 70 000 Besucher erstaunliche Begegnungen der Kulturen, etwa wenn ein vogelartig ausgebreitetes Kostüm, das Matisse, ähnlich wie Picasso und andere Künstler Anfang des 20. Jahrhunderts, für Sergej Djagilews berühmte Balletts Russes entwarf, in seiner naturhaften Form mit einem Kultobjekt aus Südostasien korrespondiert. Oder wenn Gotthard Graubner, der die Inszenierung der Exponate übernahm, seine eigenen abstrakten Farbflächen antiken Figuren aus dem hinduistischen oder chinesisch-buddhistischen Kosmos konfrontiert.

Freilich gibt’s auch Konflikte zwischen Kunst und Natur. So drohten in den nicht klimatisierten Räumen die vor über 100 Jahren aus Wachs und Gips gearbeiteten, märchenhaft verformten Kinder-Torsi des in Deutschland selten zu sehenden italienischen Künstlers Medardo Rosso dahinzuschmelzen. Sie erhielten schließlich einen kühleren Platz. Im Gelände fallen mitunter Findlinge auf, in deren Steinhaut die Namen von Schriftstellern eingraviert sind wie Heiner Müller oder Oskar Pastior.

Es fehlt Geld

Tatsächlich hat die in Berlin angesiedelte Oskar-Pastior-Gesellschaft unter der Federführung der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und des Leiters des Berliner Literaturhauses Ernest Wichner vor zwei Jahren in der angegliederten ehemaligen Raketenstation, die unter anderem vom Stararchitekten Tadao Ando gestaltet wurde, getagt. Solche Kooperationen entspringen den in Hombroich über die Bildende Kunst und Fotografie hinaus unterhaltenen Sektionen für Musik und Literatur. Letztere repräsentiert als lebenslanger (!) Hombroich-Stipendiat der gerade mit dem Georg-Trakl-Preis ausgezeichnete Dichter Oswald Egger.

Doch auch in Arkadien fehlt inzwischen das Geld. Man wirtschaftet sparsam, hat für das Riesenareal nur drei Gärtner und inklusive Wissenschaftlern etwa 35 Mitarbeiter. Angesichts geringer Zinsen für das nicht angreifbare Stammkapital reichen so die gut 960 000 Euro Zuschuss des Landes Nordrhein-Westfalen knapp für den laufenden Betrieb und kaum noch für notwendige Gebäudesanierungen. Man hofft nun auf den Bund. Vielleicht sollte man im Jubiläumsjahr aber auch mal an einen Antrag bei der Unesco denken: auf Anerkennung als ein neues Stück Weltkulturerbe.

Das Museum ist zwischen Oktober und März täglich von 10 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Infos: www.inselhombroich.de

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