Kultur : Insel im Himmel

Walter Kappacher bereist das „Land der roten Steine“ und stellt die Sinnfrage.

Michael Adrian

Ein alleinstehender Arzt setzt sich zur Ruhe, unternimmt eine Reise in den Canyonlands-Nationalpark in Utah, kehrt zurück in seine Heimat im Salzburger Land und stellt fest: „Es wäre dumm, von einer Reise zu erwarten, dass sie einen neuen Menschen aus einem machte, wie man es früher immer wieder einmal gehört hatte und wie er es sich auch in den Wochen vor dem Abflug vorgestellt hatte.“ Das ist so ziemlich der gesamte Inhalt des neuen Romans von Walter Kappacher. Wer den österreichischen Büchner-Preisträger kennt, weiß, dass dieser scheinbar karge Erzählstoff mehr als ausreicht, um nicht nur die „Prüfung einer Lebensart“ vorzunehmen, wie Martin Walser die Arbeit seines Kollegen einmal charakterisierte, sondern etwas so Altmodisches zu tun, wie die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen.

Mehr als 160 Seiten braucht es dafür nicht bei einem Autor, der die Kunst der unauffälligen Verdichtung beherrscht. Die Erzählung beginnt, als die Fahrt in die Canyonlands einen Monat zurückliegt. In Momentaufnahmen aus dem Leben Michael Wesselys entsteht das Bild einer typischen Kappacher-Figur, die nachdenklich ist, aber nicht intellektuell, an Büchern interessiert, aber nicht literaturbesessen.

Die letzte Beziehung des Mannes scheint einige Zeit zurückzuliegen; die Mutter seiner in den USA lebenden Tochter ist vor einiger Zeit verstorben; vom Tod seines Vaters und des einzigen Freunds erfährt er bei der Rückkehr. Dieser Wessely nun sinniert bei seinen täglichen Verrichtungen und Spaziergängen, was er mit seiner „Vita nuova“ als Pensionär anfangen möchte: endlich einmal Meister Eckhart und Goethe lesen, aber noch fehlt ihm die innere Ruhe. Umziehen, das aufgelassene Hotel des Vaters verkaufen, in dem sich auch seine Praxis befand? Was möchte man noch tun mit seiner Zeit? Und warum gelingt es ihm nicht, den Verlauf der fünftägigen Expedition auf das „Dach der Welt“ mit seinen tiefen Schluchten und zerklüfteten Gebirgsformationen aufzuschreiben?

Da sind wir schon im langen Mittelteil des Buches, „De vita beata“, der schließlich doch geglückten Reiseerzählung, für die der Roman von der Er- in die Ich-Perspektive wechselt. Dessen ungeachtet ist Wesselys über 80-seitiger Bericht so sehr an der Beschreibung von Sichtachsen, geologischen Verhältnissen und Bergformationen orientiert, so positivistisch gewissermaßen, wie es die sehnsuchtsvolle „Vision von einem neuen Leben“ nur sein kann.

Die Canyonlands werden von Colorado und Green River in drei Teile namens Island in the Sky, Needles und The Maze zerschnitten, und letzterer, das Labyrinth, ist Wesselys Ziel. Everett Rush, ein Führer indianischer Abstammung, fährt den Arzt durch das Hochplateau-Gelände, wobei er schon einmal den Weg neben dem Abgrund mit seinem Gürtel ausmessen muss, um zu prüfen, ob er noch über die Spurbreite des Jeeps verfügt.

Kappacher wird oft für seinen „stillen“ Stil gerühmt, womit vielleicht gemeint ist, dass seine Sprache nicht vom Lärm der Einzelheiten überdeckt wird, sondern die Dinge der Welt für sich stehen lässt. Im „Land der roten Steine“ hat man den Eindruck, eine gleichsam antistilistische Prosa zu lesen, die so durchsichtig ist wie klares Wasser, durch das wir die Gedanken und Wahrnehmungen des Protagonisten dahingleiten sehen.

So sehr Wesselys Reise eine Suche nach Anschluss an die „Kraftquellen dieser Welt“ ist, so wenig versucht der Text, diesen einen Sinn beizulegen. Es genügt, den Anstrengungen und spärlichen Gesprächen der beiden Männer in einer hitzeflirrenden Landschaft zu folgen. Touristen dürfen nicht die geringste Spur hinterlassen: Konserviert wird hier gewissermaßen das Kostbarste – ein Zustand ohne Menschen. Die es natürlich einmal gegeben hat: Jahrtausendelang besiedelten Indianer Teile des Gebiets. Höhepunkt der Wüstenfahrt ist ein Abstieg in den Horseshoe Canyon mit seinen vorzeitlichen Felsmalereien, der Wessely mit der namenlosen Ahnung von einer anderen Seinsdimension erfüllt.

Zur Raffinesse des Einfachen gehört bei dem nur scheinbar schlicht staunenden Erzähler Kappacher die Struktur seiner Bücher, die – wie „Selina oder Das andere Leben“ (2005) oder „Der Fliegenpalast“ (2009) – eine Lebenserfahrung nachvollziehbar machen wollen. Im dritten Kapitel sind wir wieder in Wesselys Gastein, bei dem sich jetzt die Frage stellt, ob es seinem veränderten Blick standhalten wird. Die Handlung spielt also im Nachhinein der Reise, aber jetzt ist der Leser selbst von ihr erfüllt, er versteht die Suchbewegung des Arztes. „La vita breve“ heißt dieses letzte Kapitel eines Romans, der selbst wie eine stumm sprechende Gesteinsformation in unsere Literaturlandschaft ragt.

Walter Kappacher:

Land der roten Steine. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2012. 160 Seiten, 17,90 €.

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