Kultur : Inselfrauen sind anders

Im Kino: Philippe Liorets zartes Drama „Die Frau des Leuchtturmwärters“

Kerstin Decker

Kinder können so grausam sein. Überhaupt die sorglose Art, mit der junges Leben oft die Spuren alten Lebens zu beseitigen denkt. Die Überreste eines Daseins, schnell zusammengekehrt, entsorgt.

Wie eine Fremde kommt die junge Camille auf die Insel ihrer Kindheit, das Haus steht leer, seit die Mutter tot ist. Sie wird es verkaufen, an diese Städter mit den dumm-romantischen Augen. Nur Großstädter finden Inseln im Meer romantisch. Oder Leuchttürme im Meer. Sie nicht. Sie kennt das.

Und doch bleibt sie einen Augenblick zu lange in dem Haus ihrer Kindheit, nimmt ein Buch in die Hände, und alles wird anders. Die Buchlese-Szene ist natürlich sehr problematisch. Grobklotziger geht es nicht, fürchtet man. Aber nur ein bisschen. Denn nicht oft bekommt vergangenes Leben Gelegenheit, sich gegen den kurzen pragmatischen Sinn derer zu behaupten, die noch ein Stückchen länger auf der Erde wohnen.

Hier also, beim Buchlesen Camilles, beginnt Philippe Loirets schöner Film erst richtig – im Jahr 1963. Allerdings: Wer bei Leuchtturmwärtern gleich an die Kinderbücher von James Krüss denkt, liegt falsch. Leuchtturmwärter ist kein philosophisch-plaudernder, sondern ein heroischer Beruf. Auch steht der Leuchtturm hier nicht komfortabel dicht an einer Mole, sondern mitten im Meer. Wenn das Wetter zu schlecht ist, muss der Leuchtturmwärter wochenlang auf seinem Leuchtturm bleiben.

Da kann man Verstärkung brauchen, und wenn es dieser seltsam freundliche Fremde mit der verkrüppelten Hand ist, der auf die kleine Insel Ouessant vor der bretonischen Küste kommt. Ein Entlaufener des Algerienkrieges? Er kommt mitten hinein in die Geburtstagsfeier von Mabé, der Frau des Leuchtturmwärters.

Nun zeigt der Film, wie die Ouessantiner eine Kälte-Mauer gegen den Fremden errichten. Auch weil noch nie ein Ouessantiner einen Nicht-Ouessantiner als Menschen wie dich und mich betrachtet hat. Es gibt nicht nur nichts Unromantischeres als Inseln, es gibt auch nichts Unromantischeres als Insulaner.

Für diesen küstenkühlen Blick darf man Philippe Liorets Film lieben. Und für das Andeutungshafte. Moderne Menschen hängen oft dem Glauben an, das Leben bestehe aus lauter Ist-Sätzen, aus lauter aussprechbaren Wahrheiten und Entscheidbarkeiten. Was, wenn es im Gegenteil aus lauter Andeutungen und Unentscheidbarkeiten besteht?

Sandrine Bonnaire war eben noch – in Patrice Lecontes „Intime Fremde“ – die schöne, erotisch vertrackte Patientin eines Psychologen, der in Wirklichkeit ein Steuerberater war. Hier glaubt man ihr, zartgliedrig und doch windgehärtet und viel weniger beredt, die Inselfrau. Überhaupt machen die Inselfrauen nicht so richtig mit beim Mauerbau gegen Antoine. Schließlich sieht man nicht alle Tage einen neuen Mann auf Ouessant. Und ein Geheimnis hat er auch (auf andere Weise küstenhart geworden: Grégori Derangère).

Wie auf jedem anständigen Meer braut sich auch in Loirets Film bald ein Sturm zusammen. Der macht ein paar Hauptwellen, und danach ist nicht alles anders, wie die Romantiker glauben, sondern alles irgendwie wie vorher. Der Leuchtturmwärter erfährt, wie gut man sich auf Menschen verlassen kann, auf die man sich überhaupt nicht verlassen kann. Alles verläuft sich, wie Wellen auf dem Meer. Eine davon wird Camille sein.

Ja, „Die Frau des Leuchtturmwärters" ist sehr meerförmig. Das ist seine Wahrheit. Das ist seine Schönheit.

In Berlin in den Kinos Cinema Paris (auch OmU), Cinemaxx Potsdamer Platz, Hackesche Höfe und Kulturbrauerei

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