"Inselkomödie" : Ein Käfig voller Selbstentblößer

Dramatiker Rolf Hochhuth zeigt seine "Inselkomödie" am Schiffbauerdamm. Es gibt Parallelen zu Claus Peymanns letzter Inszenierung am gleichen Ort.

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Das Treiben der Playboys und Bunnys.
Das Treiben der Playboys und Bunnys.Foto: David Baltzer

Nichts geht, alles muss. Ist das etwa ein Claus-Peymann-Zitat? Schon nach gefühlten zehn Sekunden Spielzeit lässt der erste männliche Schauspieler die Hosen herunter, um die erste weibliche Schauspielerin zu begatten, die dabei gen Publikum die Augen verdreht, als befände sie sich beim Casting für einen Sexfilm. Bei einer der letzten Inszenierungen von Claus Peymann an gleichem Ort war das so ähnlich. Bei Goldonis „Trilogie der Ferienzeit“ riss sich nach gefühlten zehn Sekunden der erste Schauspieler das Handtuch vom ansonsten nackten Leib, während die weiblichen Schauspielerinnen mit Brust und Popo wackelten, als befänden sie sich beim Casting für einen Sexfilm.

Das wäre natürlich was, wenn der Theaterbesitzer Rolf Hochhuth – der bekanntlich jedes Jahr mit dem BE-Intendanten (und seinem Untermieter) Claus Peymann um die ihm rechtmäßig zustehende Sommerbespielung des Hauses streitet –, wenn Rolf Hochhuth bei eben dieser Sommerbespielung als Allererstes Claus Peymann zitiert! Aus Rache? Als raffinierte Form der Peymann-Verhöhnung? Oder doch als plumpe Anbiederei? Denn schließlich will Hochhuth nächstes Jahr wieder ins Haus.

Der Anfang beweist zumindest eines: Das Hochhuth-Theater kann es noch vulgärer. Denn während sich die Schauspieler bei Peymann nur entblößen dürfen, müssen sie bei Hochhuth auch noch unablässig ihre Unterleiber gegeneinander klatschen lassen. Zweieinhalb Stunden will dieser Abend partout nicht aus der Rammelbude heraus. Zweieinhalb Stunden begleiten die Herren ihre Kalauertexte mit stoßenden Hüftbewegungen. Zweieinhalb Stunden lüpfen die Frauen ihre Röcke, reißen die Schenkel auseinander oder pressen ihre Brüste aus dem Ausschnitt hervor. Zweieinhalb Stunden springt dieser Abend also unablässig dem Zuschauer mit blankem Arsch ins Gesicht. Ups, japst man. Und gleichzeitig: Wahnsinn, was für Altherrenfantasien man im verrückten Berlin so erleben kann!

Gegeben wird Hochhuths Stück „Die Inselkomödie“, das Hochhuth schon in den siebziger Jahren geschrieben hat, deren Wiederaufführung nun aber trotzdem Uraufführung genannt werden darf, weil Komponist Florian Fries das Stück in ein Musical verwandelt hat. Die Handlung spielt auf einer griechischen Insel, auf der die Amerikaner einen Nato-Stützpunkt einrichten wollen. Um den Landverkauf zu verhindern, begeben sich die Inselfrauen, geführt von der resoluten Lysistrate, in einen Sexstreik, nisten sich in der Taverne von Konstantinos ein und machen’s stattdessen mit den Soldaten. Dem einerseits vorenthaltenen und gleichzeitig wahllos praktizierten Sex kommt dabei eine – äh – doppelt aufklärerische Rolle zu. Die Frauen emanzipieren sich von ihren Männern. Außerdem bringt die Rammelei in den Soldaten so etwas wie Vernunft zum Vorschein. Sie realisieren, dass das mit dem Nato-Stützpunkt Quatsch ist und melden ihren Vorgesetzten, die Insel sei untauglich. Das Stück kam übrigens auch in den hoch politisierten Siebzigern nicht gut an.

Aber wie im Hochhuth-Sommertheater üblich, ist die Inszenierung nur das i-Tüpfelchen, während das Hauptdrama im Vorfeld stattfindet. Im letzten Jahr hat Peymann Hochhuth nicht ins Haus gelassen, worauf dieser vor den Kameras der Boulevardpresse laut am Tor des Berliner Ensembles gerüttelt und wüste Beschimpfungen ausgestoßen hat. Heuer durfte Hochhuth herein (das Haus muss er aber Theater am Schiffbauerdamm nennen), musste notgedrungen auf anderem Wege Aufmerksamkeit erregen und machte aus der Besetzung eine Farce. Lysistrate wird von der Moderatorin und Kleinstfernsehrollendarstellerin Caroline Beil gegeben, deren angestrengtem Dauerlächeln man ansieht, dass sie hauptsächlich damit beschäftigt ist, Text und Schritt-, also Entblößungsfolgen nicht zu vergessen.

Der Lindenstraßen-Wirt Kostas Papanastasiou macht den griechischen Insel-Wirt, darf Ouzo ausschenken und am Ende griechisch tanzen. Als absoluter Special-Guest-Knaller hat der älteste Schauspieler der Welt, der 106-jährige Johannes Heesters, zwei kurze Auftritte als König. Zu Beginn sitzt der fast erblindete Herr in einem riesigen Thron und hält einen Monolog über die Dominanz der Frauen. Nach der Pause rezitiert er ein flämisches Gedicht aus seiner Kindheit, von dem kein Wort zu verstehen ist. Angeblich hat Regisseur Heiko Stang ihm den Text gestrichen, aber Heesters hat sich wohl nicht an die Vorgabe gehalten. Warum hätte er das in diesem Käfig voller Selbstentblößer auch tun sollen?

Wieder heute und am 5., 6., 7., und 8.8.

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