Installation : Ja, sind wir im Wald hier?

Widerstand in Bild und Ton: Das Deutsche Guggenheim in Berlin zeigt die dreiteilige Installation „The Torn First Pages“ des indische Künstler Amar Kanwar.

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An Ghandis Grab. "The Face", Teil 1 aus Amar Kanwars "The Torn First Pages", von 2005
An Ghandis Grab. "The Face", Teil 1 aus Amar Kanwars "The Torn First Pages", von 2005Foto: Deutsche Guggenheim Berlin / Amar Kanwar

Kaum jemand kennt Porträtaufnahmen des öffentlichkeitsscheuen Generals Than Shwe, des Vorsitzenden der Militärjunta in Burma. Doch bei einem Staatsbesuch in Indien hat ein Zuschauer heimlich mitgefilmt, als Than Shwe ausgerechnet das Grab von Mahatma Ghandi besuchte. Würdenträger, die einen Blütenkranz herbeitragen, der General umrundet ehrfürchtig das Grab, greift mit den Händen in die Blüten, streut rosa Blätter auf die Grabstätte.

Der indische Künstler Amar Kanwar hat die absurde Szene in seine dreiteilige Installation „The Torn First Pages“ integriert – und den Videofilm immer wieder ablaufen lassen, immer schneller, so dass die Bewegungen des Generals immer hektischer werden, fanatischer, der Blütenregen wirkt wie Blut, am Ende gefriert das Bild in Schwarz-Weiß und aus den Gesichtern der Umstehenden sind Masken der Ratlosigkeit geworden.

Der Widerstand in Burma und die Militärherrschaft in Burma ist das Thema der ganzen Arbeit. Da sind Militärparaden zu sehen und Kinder, die in der Schule indoktriniert werden, es werden Exilanten in den USA interviewt, man sieht die Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die noch immer in ihrem Haus inhaftiert ist, Dokumentaraufnahmen einer 13-jährigen Schülerin, die auf der Straße erschossen wurde, und eines Widerstandskämpfers, den man im Gefängnis ermordete – er war zu 59 Jahren Haft verurteilt worden.

So weit, so plakativ. Die Arbeit, die den Hauptraum in der Deutsche-Guggenheim-Filiale Unter den Linden füllt, könnte als simple Polit-Kunst durchgehen, wäre da nicht die äußerst raffinierte Installation. Der Titel „The Torn First Pages“ bezieht sich auf einen Akt des stillen Widerstands: Ein Buchhändler aus Mandalay riss aus allen Büchern, die er verkaufte, die erste Seite heraus, auf der Propagandaslogans des Militärregimes standen – und kam dafür ins Gefängnis. Amar Kanwar zeigt solche Bücher, Reiseführer, Kochbücher, Modejournale und projiziert seine Filme dann auf einzelne Seiten, die in eisernen Gestellen hängen. Eine fragile, flüchtige Form der Hommage an unbekannte Helden. „Man stelle sich vor: Bei zukünftigen Kriegsverbrecherprozessen gelten Gedichte als Beweismaterial. 19 Buchseiten flattern ewig im Wind ...“, schreibt der Künstler dazu.

Vier indische Künstler und Künstlergruppen stellt die Deutsche Guggenheim in Berlin vor – der Schwerpunkt liegt auf Film- und Videokunst. Weil man unter indischer Kunst im Westen zuletzt vor allem Malerei und Skulptur verstand – Anish Kapoor war 2008 mit seiner spektakulären Großinstallation „Memory“ hier zu Gast. Und weil das indische Kino in der westlichen Wahrnehmung vor allem durch Bollywoods Glitzerwelten geprägt ist.

Deshalb hat die Kuratorin Sandhini Poddar vor allem junge, unbekannte Künstler ausgewählt und offene, noch nicht abgeschlossene Werke. Das Transitorische, Unabgeschlossene, Aleatorische ist hier System – die Künstler beziehen sich auf Deleuze und Guattari, während Poddar vor allem mit den Thesen des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy operiert – auch der etwas sperrige Ausstellungstitel „Being Singular Plural“ ist einem seiner Essays entlehnt.

In Grunde geht es immer um das Gleiche: um das Leben in einer politisch instabilen und gesellschaftlich problematischen Zone. Kabir Mohanty dokumentiert in seiner monumentalen, bis heute nicht beendeten Film-Trilogie „Song for an ancient land“ das Leben auf seiner Straße, in seinem Viertel in der Umgebung von Mumbai, Obst- und Uhrenhändler auf dem lebhaften Markt, aber auch stille, dunkle nächtliche Straßenaufnahmen, und dazu im zweiten Teil Dokumentarbilder, die die Zerstörung der BabriMoschee in Ayodha während der Auseinandersetzung zwischen Hindus und Muslimen 1992 und 1993 zeigen – wobei er das Ganze visuell so stark verlangsamt, herunterdimmt und mit einem so elaborierten Sound unterlegt, dass die Wahrnehmung aufs Äußerste geschärft wird.

Auch Sonal Jain und Mriganka Madhukaillya, die sich „Desire Machine Collective“ nennen, sind in eine Konfliktzone zurückgekehrt, in ihre Heimat im äußersten Nordosten Indiens, die bis heute von Aufständen und Unruhen geprägt ist. Hier dokumentieren sie mit „Residue“, wie sich die Natur ein altes Stromwerk zurückerobert – stillstehende Transformatoren, rostende Maschinen, und darüber zwitschernde Vögel. Doch ihre schönste Arbeit ist eine Soundinstallation für die Fassade des Ausstellungsraums: Für „Trespassers will be prosecuted“ fingen sie Geräusche in einem heiligen Wald in Mawphlang ein, wo es verboten ist, Blätter, Tiere oder Blumen mitzunehmen. Stattdessen wurden Geräusche geklaut: Vogelstimmen, Blätterrauschen, Wind. Fremde Klänge im lebhaften Straßentreiben Unter den Linden. Nicht wenige Vorübergehende bleiben irritiert stehen und sehen sich suchend um.

Deutsche Guggenheim Berlin, Unter den Linden 13/15, bis 10. Okt., Katalog 45 €.

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