Installation : Schubert vs. SS

Eine abgründige Montage im Berliner Radialsystem.

Carsten Niemann

Die Versuchsanordnung ist einfach: Bunt zusammengewürfelte Stühle stehen im Berliner Radialsystem. Mitten im Publikum die Sänger des Collegium Vocale Gent mit Schubert-Liedern für Männerchor. Plötzlich löst sich mitsummend eine jüngere Frau (Carly Wijs) aus dem Publikum und beginnt, während die Musik verstummt, ihre Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte einer jungen Niederländerin, die sich 1940 freiwillig zur Arbeit in einem Lazarett für Soldaten der SS meldete. Unbefangen berichtet sie, wie sie dafür in der Schule gemobbt wurde, wie erfüllend sie die Arbeit mit den Schwerstverwundeten empfand, wie sie dem sympathischen Himmler begegnete, und dass sie Schuldgefühle hatte – weil sie später auf der Flucht einer polnischen Familie eine Schubkarre stahl.

Einige Schubertlieder später bekommen die Zuhörer noch einen Monolog zu hören. Er wird gesprochen von Josse De Pauw, der die Produktion des belgischen Muziektheater Transparent konzipiert und als Regisseur einstudiert hat. Beide Monologe sind einem Band mit Interviews entnommen, welche die niederländischen Künstler Armando und Hans Sleutelaar 1967 mit Menschen führten, die freiwillig der SS beigetreten waren. Auch De Pauw führt die Zuhörer durch das Einfühlungsvermögen, das er seiner Figur entgegenbringt, an die Schmerzgrenze menschlichen Mitgefühls. Darf man Mitleid haben mit jemandem, der unfähig ist, sich zu seiner Verantwortung zu bekennen? Darf man über jemanden lachen, der sich über moderne Kunst mokiert und eben noch den Kulturbegriff der Nationalsozialisten gelobt hat?

Das Wechselbad der Emotionen zwischen Einfühlung und Schaudern produziert vor allem eine geschärfte Wahrnehmung für Schuberts lupenrein intonierte Lieder. Man will ihre Schönheit als Inseln der Entspannung genießen – und beobachtet sich, wie man jedes Wort und jede Harmonie abklopft auf ihre Abgründigkeit. Nicht nur im düsteren „Tanz der Geister“, die ihrem fühlenden Herzen „frühlich Ade“ sagen, sondern auch in mancher irrationalen Modulation der idyllischeren Lieder entdeckt man Schuberts Romantik als wahre, nicht nur beschönigende Beschreibung menschlicher Gefühle neu. Dennoch ist man dankbar, dass einen dieser Abend aus dem Experiment am offenen Herzen mit einer klaren Geste der Distanzierung entlässt: der Dekonstruktion eines Schubert-Liedes (Komposition: Annelies van Parys). Dessen Schlüsselwort „Ruhe“, das auch über dem ganzen Abend steht, klingt noch lange nach. 

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