Kultur : Installationen von Wolfgang Petrick in der Akademie der Künste

Katrin Bettina Müller

Unter der Treppe ist es unheimlich. Seit zwei Jahren zeigt die Akademie der Künste Ausstellungen hinter ihrer Foyertreppe. Noch nie aber wirkte der geduckte Raum unter den Stufen so klaustrophobisch wie in der Inszenierung von Wolfgang Petricks "Batterie - GlasBau". Zwischen den dick geschichteten Zeichnungen und der bedrängenden Körperlichkeit seiner Installation unterhielten sich nun in der Reihe "Sehen und Denken" der Künstler mit dem Philosophen Dietmar Kamper und dem Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott. Der Verbarrikadierung der Welt hinter den Bildern galt dabei ihr Misstrauen, ihr Interesse dafür der Suche nach einem Ausweg aus den hermetischen Räumen der Spiegelungen.

Schon die alphabetisch geordneten Begriffe, mit denen Petrick auf einem übermalten Register in den Raum hineinführt, stimmen auf eine düstere Geschichte ein: "Dark German", "Endsieg", "Headhate Parade". Sogleich wird das Misstrauen gegen Idealisierung und Normierung geschürt. Auf transparenten Blättern legen sich Figuren übereinander, die sich sich wie Kartenkönige vervielfältigen. In der zentralen Skulptur steigert sich diese Multiplikation bis zur Unkenntlichkeit. Mit dem Computer hat Petrick die Gesichter bearbeitet, sie in kaleidoskopische Spiegelungen zerlegt und durch Staffelung auf Glasscheiben zu Phantombildern werden lassen. Jeder individuelle Zug verschwimmt in gallertartiger Masse.

Neben dieser Bildbatterie hängt eine an ihrem langem Zopf gefesselte Puppe, deren Arme von Kupferspulen umwickelt und von Energieströmen eingekreist sind. Tierköpfe brechen aus ihrem Körper wie Aliens. Das kindliche Gesicht scheint von Verwesung angefressen. Von Ausweg keine Spur.

Endlos werden in diesem Ensemble Bedeutungen aufgerufen. Frankensteins Erschaffung und Schneewittchen im Glassarg kommen in den Sinn. Die Gesprächsrunde mit Petrick, Kamper und Mattenklott dachte dagegen an Narziss und den Versuch, im Anderen mehr als die Spiegelung des Eigenen zu finden. "Nicht spiegeln, sondern trinken, den anderen trinken", schlug Kamper vor, der die Grenzen der Identitätsbildung aufzubrechen versucht. Doch Petricks Spiegelungen bleiben nie rein: Für ihn ist die Verschmutzung der gläsernen Bildträger ein Protest gegen Idealkonstruktionen und glatte Gleichungen. Dennoch ist sein Werk so stark von Symmetrien durchdrungen, dass ein Ausbruch aus dem Spiegelkabinett kaum gelingen kann.

Vor allem der von medialen Bildern bedrängte Raum fesselte die Gesprächsteilnehmer. Das passt, denn die Reihe "Sehen und Denken" versteht sich als eine Forschungsstation, von der Kunstwerke wie Raumsonden ausgeschickt werden, um ihre Tauglichkeit zu prüfen. Petrick selbst empfindet den mentalen Raum als von Bildern der Informationsgesellschaft überfüllt, die dem realen Raum kaum Luft lassen. "Alles Gemeinte wird wieder hinterfragt", skizzierte Petrick seinen Umgang mit mythischen und literarischen Quellen. So wollte in dem Gespräch auch niemand die Definitionsmacht über die Kunst an sich reißen. Die Kehrseite solcher Offenheit ist ein Jonglieren mit Schlagworten, und für fast alle findet man visuelle Belege in Petricks gesammelten Bildern.

Vielleicht waren die Professoren auch zu höflich, um den Künstler nach seiner Obsession für Gewaltszenarien und zerstückelte Körper zu befragen. Mattenklott erzählte lieber von einem Kind, das in der Ausstellung feststellte: "Das hat sicher ein Mörder gemacht." Tatsächlich finden sich unter Petricks Vorlagen Leichenbilder aus der Pathologie. Sie hängen nun als Fotokopien so tief unter der Treppe gehängt, dass man sie nur gebückt sehen kann. "Das hat schon etwas von Blaubarts Kammer", so eine Zuhörerin. In der wurde die Neugierde der Frauen blutrünstig bestraft. Die Herren auf dem Podium nickten und kündigten den nächsten Termin an.Akademie der Künste, Hanseatenweg 10

bis 9. April; täglich 10-19 Uhr. Leporello zur Ausstellung 5 Mark.

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