Instituto Cervantes : Automatisch links

Das spanische Kulturinstitut Cervantes feiert sein fünfjähriges Bestehen.

Philipp Lichterbeck

Als der Raum von einem leichten Zittern erfasst wird, hat Gaspar Cano endlich die Metapher gefunden, die er gesucht hat. „Das vibrierende Berlin hat das Cervantes erfasst“, sagt er im leicht harschen Kastilisch Spaniens: „Nun vibrieren wir mit.“ Unter Canos Büro, vor dessen Panoramafenster im vierten Stock sich der S-Bahnhof Hackescher Markt erstreckt, dröhnen die Bagger: eine Großbaustelle für neue Geschäftshäuser, die Cano die Aussicht verstellen werden. Doch der 50-Jährige, seit Herbst 2007 Direktor des Instituto Cervantes – kurz Cervantes genannt –, nimmt es gelassen. „Das ist Berlin“, sagt er. „Hier wird spekuliert, hier ist alles im Wandel, warum sollten wir uns dagegen wehren?“

Eine Großbaustelle also vor der Tür. So feiert das Cervantes, eines der umtriebigsten Kulturinstitute der Stadt, seine ersten fünf Jahre in Berlin auf sehr hiesige Art. In der historischen Rosenstraße in Berlins Mitte – hier fand 1943 die Demonstration „arischer“ Frauen gegen die Verhaftung ihrer jüdischen Ehemänner statt – sicherte sich Spaniens 1991 gegründetes Pendant zum Goethe-Institut ein altes, kubusförmiges Lagerhaus. In dem offenen Bau – große Fenster, helle Farben – ist es zur Ergänzung des Iberoamerikanischen Instituts geworden, der anderen großen Institution in Berlin, die sich mit der spanischsprachigen Welt beschäftigt. Dank beider sind Spanien und Lateinamerika heute kulturell in Berlin so präsent wie nie.

Zum einen gibt es ein rasant wachsendes Interesse an der spanischen Sprache, deren Vermittlung die eine große Aufgabe des Cervantes ist. Als das Institut 2003 eröffnet wurde, gab es etwas mehr als 1000 Anmeldungen für die Sprachkurse, heute sind es rund 5000. Was auch daran liegt, dass das Cervantes mittlerweile die Spanischkurse für die Berliner Universitäten organisiert.

Hervorgetan hat sich das Cervantes in den vergangenen fünf Jahren aber vor allem durch ein engagiertes und ambitioniertes Kulturprogramm, das einen Nerv zu treffen scheint. Man hält sich nicht mit Flamenco-Paella-Stierkampf-Folklore auf, sondern versucht Themen aufzugreifen, die in Spanien und Lateinamerika oder auch Berlin aktuell sind. In gewisser Weise spiegelt das Cervantes so den kulturellen und gesellschaftlichen Aufbruch Spaniens der letzten Jahre, der nun auch fleißig in den EM-Sieg der spanischen Fußballnationalmannschaft hineininterpretiert wird.

Größere Aufmerksamkeit erregte das Cervantes erstmals 2005 mit dem Symposium „Kultur des Erinnerns – Vergangenheitsbewältigung in Spanien und Deutschland“ Über dreißig Referenten aus Spanien und Deutschland waren eingeladen, die Außenminister eröffneten. Heute ist der Vortrags- und Ausstellungsraum im Erdgeschoss des Hauses nicht selten zu klein für die Hunderte von Besuchern, die Intellektuelle und Künstler aus dem spanischsprachigen Raum hören wollen. Allein in diesem Jahr waren die Schriftsteller Juan Goytisolo und Jorge Semprun, die Politologen Sami Nair und Ignacio Sotelo, der Philosoph Fernando Savater, die Literaturkritiker Guillermo Altares, der ehemalige Bürgermeister von Bogotá, Enrique Peñalosa, zu Gast. Besonders stolz ist Cano darauf, dass das Cervantes an der Buñuel-Retrospektive bei der vergangenen Berlinale beteiligt war – und Anfang Mai 7000 Menschen auf den Bebelplatz zu einem vom Instituto Cervantes initiierten Gedenken an die nazistische Bücherverbrennung vor 85 Jahren kamen.

Für Aufsehen sorgte auch die noch von Canos Vorgänger José Ignacio Olmos organisierte Runde über Kuba: Das saßen dann der regimekritische Filmemacher Fernando Pérez („Das Leben ein Pfeifen“) und der Exil-Autor Eliseo Alberto („Caracol Beach“) dem regimetreuen Schriftsteller Miguel Barnet („Der Cimarrón“) gegenüber. Und am Ende gab es lautstarken Protest aus dem Publikum, weil Barnet die Frage der politischen Gefangenen auf Kuba schlichtweg ignorierte.

„Berlin ist eine politisch ruhelose Stadt“, erklärt Cano das dezidiert an politische Themen rührende Programm des Cervantes. „Das reflektieren wir. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, wenn wir uns hier einschließen würden.“ Dass man, etwa wenn es um den Vergleich der Erinnerungskulturen geht, immer eine Nähe zur Linken Spaniens und große Distanz zur nationalkatholischen Rechten aufweist, liegt für Cano in der Natur der Sache. „Wenn man sich in Spanien mit Kultur beschäftigt, gilt man automatisch als links.“ So ist der gelernte Schauspieler und Theaterregisseur Cano, der vor seinem Amtsantritt in Berlin das Instituto Cervantes in Stockholm aufgebaut hat, auch heilfroh über den Wahlsieg des sozialistischen Präsidenten José Luis Zapatero. Was aber nicht heißen solle, dass man sein Programm nicht unabhängig von der jeweiligen Regierung gestalten könne. „Ich kann einladen, wenn ich will.“

Am 18. Juli sind junge Filmregisseure aus Spanien und Deutschland mit ausgewählten Kurzfilmen zu Gast im Cervantes. Zeitgleich startet das dreitägige „Deutsch-spanische Festival für Musik, Kunst und Debatte“ mit Auftritten verschiedener Bands, darunter die Dancecombo N.O.H.A und die Hip-Hopper La Excepción.

Nach fünf Jahren in der Hauptstadt vergleicht Cano sein Institut interessanterweise nicht mit den Kulturinstituten anderer europäischer Länder, sondern meint: „Wir sind eine Berliner Institution wie das Babylon Mitte oder die Volksbühne.“ Sein großes Vorhaben ist nun, eine engere Verbindung mit der Freien Universität und der Humboldt-Universität zu schaffen. So sollen Veranstaltungen im Cervantes in den Vorlesungsverzeichnissen auftauchen und als akademische anerkannt werden.

Irgendwo auf der Baustelle vor Canos Büro wird wieder gebohrt, es dröhnt, und die Fenster des Büro erzittern. „Wir sind sehr glücklich hier“, sagt Cano.

Instituto Cervantes, Rosenstraße 18-19 (Mitte), Kurzfilme ab 19:30 Uhr, Eintritt 5 €. Infos zum Festival Espantapitas: www.espantapitas.com

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