Kultur : Instrumentalgewitter

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Schon nach zehn Minuten entblößt der Drummer seinen Oberkörper: Die gewittrige Hitze im Saal ist erdrückend. Doch als dann das Instrumentalgewitter einsetzt, gibt es immer noch keine Abkühlung. Im Gegenteil. Der stämmigste von vier Sängern greift sich in den Schritt und ruft ins Publikum: „Was wollt ihr haben?!“ „Candela!!!“ brüllt es im Chor zurück – Feuer mit allen zündenden Konnotationen. Die Explosion aus Hitze, Schweiß, hochfahrenden Bläsern und donnernder Percussion ist perfekt. Es ist keine dieser hoch betagten kubanischen Bands, die sich hier im restlos ausverkauften Tränenpalast die Ehre gibt. Los Van Van sind vielmehr eine Art Red Hot Chili Peppers des Salsa.

Als Juan Formell seine Band vor über dreißig Jahren in Havanna ins Leben rief, wechselte er vom Son zum Songo. Dabei stellte er den traditionellen Violinen aus der Charanga drei Posaunen gegenüber, fügte Synthesizer und Drum-Pads hinzu und sorgte für rockige Akkordfolgen und Bassläufe. Bis heute sind Los Van Van in Lateirika das Synonym für kubanische Musik. Und auch auf Kuba, wo der Buena Vista Social Club eher als Touristenattraktion gehandelt wird, setzen sie weiterhin musikalische Maßstäbe.

So hat die Bigband jenen Sound hervorgebracht, der mittlerweile überall auf den Straßen Havannas und auch auf dem Rest der Insel gefeiert wird: die Timba. Dieser Rhythmus nimmt mit bissigem Rap und perkussiver Repetition den sozialistischen Alltag der Zuckerinsel aufs Korn und wirkt als Blitzableiter für den Unmut, der bei Los Van Van sofort in Hüften und Beine geht. Im Tränenpalast zeigt sich allerdings auch, dass die gut geölte Rhythmusmaschine aus fünfzehn Musikern mittlerweile an solistischer Brillanz verloren hat. Nur noch fünf der experimentierfreudigen Gründungsmitglieder stehen auf der Bühne, die jungen Go-Gos schauen selbstverliebt auf die Videotafeln, wo das glühendheiße Spektakel übertragen wird. Und Pedrito Calvo, der charismatische Sänger, ist zu den Afro-Cuban All Stars gewechselt. Dort geht es musikalisch derzeit spannender zu. Roman Rhode

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