Kultur : Integration durch Bildung: Immer mehr Green Cards - Immer mehr Ausländer ohne Lehre

Carsten Brönstrup

Zuwanderung und Green Card sind die Zauberwörter der zweiten Hälfte dieser Legislaturperiode. Ohne Ausländer werden in Deutschland schon bald die Arbeitskräfte knapp, klagen die Arbeitgeber. Die Computerbranche stöhnt, weil ihr hochqualifizierte Experten fehlen. Immer mehr ältere Menschen gehen in Rente. Immer weniger Junge drängen nach Ausbildung oder Studium neu auf den Arbeitsmarkt. Deshalb pochen die Unternehmen auf Reformen: Ein Einwanderungsgesetz soll her und die Green Card-Regelung erweitert werden. Bundeskanzler Schröder zeigt sich willig. Bei der Eröffnung der Computermesse CeBIT deutete er an, die Befristung der Green Card auf fünf Jahre zu überdenken. "Dabei ginge es auch anders", sagt Wolfgang Jeschek, Arbeitsmarktexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Wären die hier lebenden Ausländer besser qualifiziert, wäre der Fachkräftemangel weitaus weniger dramatisch." Sind die Arbeitsmarkt-Probleme in Deutschland also hausgemacht?

Die Statistik spricht eine deutliche Sprache. Besonders ausländische Jugendliche gehören zu den Problemkindern des Bildungsmarktes. Jeder Fünfte von ihnen verließ 1999 die Schule ohne den für eine Lehrstelle so wichtigen Hauptschulabschluss - von den Deutschen war es nur jeder Dreizehnte. Und seit jeher besuchen Türken, Griechen oder Kroaten überwiegend Haupt- oder Realschulen. Nur elf Prozent von ihnen legen die Hochschulreife ab. Zwar hat sich die Situation gegenüber den achtziger Jahren deutlich verbessert. Doch "seit Mitte der neunziger Jahre hat sich der Bildungserfolg der Ausländer kaum noch verbessert", sagt DIW-Fachmann Jeschek. Auch in der Berufsausbildung sieht es nicht besser aus: Fast zwei Drittel der Deutschen zwischen 18 und 21 Jahren machten im vergangenen Jahr eine Lehre, aber nur knapp ein Drittel der ausländischen jungen Menschen.

Freilich ist Ausländer nicht gleich Ausländer - je nach Nationalität nehmen unterschiedlich viele Jugendliche an einer Ausbildung oder einem Studium teil: Während es etwa bei den Kroaten 37 Prozent sind oder bei den Slowenen 42 Prozent, liegt die Quote der Türken, die zahlenmäßig die am stärksten vertretene Gruppe sind, nur bei 29 Prozent. Diejenigen, die eine Lehre absolvieren, arbeiten meist in weniger innovativen Branchen wie Handwerk oder Industrie.

Doch mangelnder Lerneifer ist nicht der Grund, weshalb ausländische Jugendliche im Schnitt schlechter qualifiziert sind als ihre deutschen Altersgenossen. "Die Arbeitgeber bieten immer weniger Lehrstellen in der Industrie an; Dienstleistungsberufe hingegen werden immer wichtiger", erklärt der Bildungsexperte Günter Lambertz vom Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT). "Dort sind, anders als am Fließband, vor allem sprachliche Fähigkeiten gefragt. Und daran mangelt es bei vielen ausländischen Jugendlichen noch immer." So lange es noch mehr Bewerber als Lehrstellen gebe, werde sich daran nichts ändern, fürchtet Lambertz. Arbeitsmarkt-Forscher erwarten jedoch, dass sich der Lehrstellenmarkt bald entspannt, sodass es auch in strukturschwachen Gebieten mehr Stellen als Bewerber geben werde.

Doch auch der kulturelle Hintergrund spielt eine Rolle. "Männliche Jugendliche aus Südeuropa sind oft nicht bereit, im Dienstleistungsbereich zu arbeiten", hat Jeschek festgestellt. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vermutet überdies, dass der Einfluss der Eltern aufs Berufsleben eine große Rolle spielt. Schnell Geld zu verdienen sei vielen wichtiger als eine fundierte Ausbildung - deshalb gebe es so viele um- und angelernte Ausländer. Über den Ausweg aus der Misere herrscht große Einigkeit: Der Sprachunterricht für ausländische Kinder und Jugendliche sollte intensiviert werden, sagen Forscher und Arbeitgeber. Das Bündnis für Arbeit hat sich bereits auf ein Aktionsprogramm geeinigt, mit dem Migranten besser qualifiziert werden sollen. Veronika Pahl, Abteilungsleiterin beim Bundesbildungsministerium: "Wir müssen endlich in die Jugendlichen investieren. Bloße Appelle an die Wirtschaft, mehr Jugendliche einzustellen, reichen offenbar nicht."

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