Kultur : Integration ist eine Illusion

Der Schriftsteller Tahar Ben Jelloun über die Einsamkeit der Einwanderer

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Monsieur Ben Jelloun, Sie haben einmal gesagt, Menschen, die lange in Paris leben, leiden einsam. Fühlen Sie sich einsam?

Nein, ich bin nicht einsam, weil ich schreibe. Wenn man schreibt, wird man immer begleitet. Von Worten, von Sätzen, von Gedanken. Meine besten Freunde sind die Bücher.

Was meinten Sie dann mit Einsamkeit?

Die Einsamkeit in Großstädten ist überall gleich. Wir hatten letztes Jahr diese große Hitze in Paris. Viele alte Menschen sind daran gestorben, ihre Kinder haben es nicht mal bemerkt. Das wäre in Marokko undenkbar. Dort sind die Familien so präsent, dass man manchmal darunter leidet. Aber ich mag diesen Familiensinn, der den Westen und die orientalische Welt am meisten voneinander unterscheidet.

Wie haben Sie, als Sie 1971 von Marokko nach Frankreich einwanderten, überhaupt Zugang zu den Menschen gefunden?

Ich fand schnell Freunde im Pariser Literaten- und Journalistenmilieu. Aber es war damals, als ich herkam, auch viel einfacher, Leute kennen zu lernen.

Was hat sich geändert?

Es gibt heute sehr viel mehr Spannungen. Die Arbeitslosigkeit. Es gab keine rassistische Partei wie den Front National. Die Franzosen sind ängstlicher geworden.

In Ihrem neuen Buch „Der letzte Freund" sagt die Hauptfigur, ein marokkanischer Lehrer, Freundschaft zwischen verschiedenen sozialen Milieus sei unmöglich.

Wenn man nicht im selben sozialen Umfeld lebt, worüber soll man dann sprechen? Für mich ist es schwierig, mit jemandem befreundet zu sein, der sich nicht für Literatur interessiert und meine Bücher nicht liest. Ich will diskutieren. Ich kann nicht mit Leuten zusammen sein, die für Fußball schwärmen.

Klingt ziemlich elitär.

Das ist nicht richtig. Ich mache keinen Unterschied zwischen Arm und Reich.

Und im Verhältnis zwischen Männern und Frauen: Sind da Freundschaften möglich?

Man muss immer erst die Ebene der erotischen Verführung überwinden.

Muss Ihnen denn eine Frau, mit der Sie befreundet sind, auch physisch gefallen?

Schönheit ist etwas sehr Individuelles. Lange Zeit dachte ich, sie ist das, was man sieht. Aber was ich heute an einer Frau liebe, ist ihre Intelligenz.

Reden Sie mit Frauen über alles?

Nein, manche Dinge sind tabu, zum Beispiel alles, was mit Sexualität zu tun hat. Man redet nicht darüber, wie gut man im Bett war. Es gibt eine Barriere, eine Intimität, wie ein Schleier. Eine Freundin ist wie eine Schwester. Mit meiner Schwester kann ich mir nicht erlauben, über mein sexuelles Leben zu reden.

Aber in Ihren Romanen beschreiben Sie Sexualität sehr freizügig. Lesen die Marokkaner so etwas?

Ja, aber es schockiert sie. Sie verstecken das lieber.

Für wen schreiben Sie denn dann?

Daran denke ich nicht. Ein Schriftsteller muss alles aufdecken, sonst ist er nutzlos.

Ihre Mutter war Analphabetin...

... ich habe ihr alle meine Geschichten erzählt. Sie sagte dann: So war es doch gar nicht. Und ich sagte ihr, Literatur ist nicht dazu da, die Dinge so zu erzählen, wie sie waren, sondern wie sie hätten sein können. Das war wie ein Spiel zwischen uns.

Ihr Buch „Papa, was ist ein Fremder?“, ein Dialog zwischen Ihnen und Ihrer Tochter, wurde auch in Deutschland ein Bestseller und ist in Frankreichs Schulen inzwischen Pflichtlektüre.

Dafür bin ich dankbar. Aber ich habe lange dafür gearbeitet, dass meine Bücher bekannt wurden und habe oft in Buchhandlungen und Schulen gelesen. Dafür respektiert man mich jetzt.

Nicht viele Ihrer Landsleute in Frankreich können das von sich behaupten. Ist die Integration gescheitert?

Gescheitert? Es gab nie eine Integration. Frankreich hat dieses Problem komplett ignoriert. Die Kinder der Einwanderer wollen so leben wie die Franzosen. Aber man behandelt sie wie Bürger zweiter Klasse. Beim Job, beim Studium: der alltägliche Rassismus. Nur vier Prozent der Einwandererkinder studieren.

Und was machen die Einwanderer falsch?

Es gibt eine gegenseitige Blockade – und sehr viel Gewalt in diesen Milieus. Das ist ihre Art, auf eine Gesellschaft zu antworten, die sie vergessen hat. Dabei muss das System sie ernst nehmen. Sie brauchen eine Umgebung, in der sie normal leben können. Aber die kriegen sie nicht, scheitern in der Schule und gehen deshalb auf die Straße. Wohin sonst?

Arabische Literatur ist auch das Thema der Frankfurter Buchmesse. Fördern Bücher das Verständnis füreinander?

Natürlich. Möglichst viele Europäer sollten uns lesen. Die arabischen Traditionen und Kulturen sind so vielschichtig! Die Bücher müssen übersetzt und verlegt werden, vielleicht schaffen wir es dann, ohne Vorurteile miteinander zu leben.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?

In Frankreich und in Marokko. Aber ich könnte morgen nach Berlin oder Barcelona kommen, und ich würde mich auch dort wohl fühlen. Ich suche ein Land, wo ich Ruhe habe. In Paris bin ich nicht glücklich. Hier lebt jeder nur für sich.

Was ist die Ruhe, die Sie suchen?

Eine innere Sicherheit. Wenn ich die Sprache lerne und Zeitungen lesen kann, wenn ich die Codes sehr schnell knacke. Aber man merkt auch,was einem fehlt. In Amerika beispielsweise fehlt mir das historische und soziale Gedächtnis.

Gibt es das für Sie: Glück?

Schriftsteller reden nicht über das Glück.

Das Gespräch führte Maxi Leinkauf .

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