Kultur : Intellektuelle im Dritten Reich: Fliehen oder bleiben?

Denise Dismer

Wie heißt es in Brechts Kinder-ABC? "Die Dichter und Denker holt in Deutschland der Henker." Im Dritten Reich standen regimekritische Intellektuelle vor einer Entscheidung: bleiben - in ständiger Angst vor dem Henker - oder auswandern? Hubertus Prinz zu Löwenstein schlug den ersten Weg ein. Er gründete 1936 in New York "Die Deutsche Akademie der Künste und Wissenschaften im Exil", zu der auch Mann, Einstein und gehörten. Dietrich Bonhoeffer entschied sich für einen Widerstand in Deutschland - und fiel dem Henker zum Opfer. Im April 1945 ermordete ihn die SS im KZ Flossenbürg.

Unter dem Motto "Kultur als Waffe - Intellektuelle im Exil" wurde zum 57. Jahrestag des missglückten Hitler-Attentats vom 20. Juli an die beiden Widerstandskämpfer erinnert. Karl Martin, Vorsitzender des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins, erklärte, warum Bonhoeffer nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in New York 1939 nach Deutschland zurückzukehrte: "Er hat während seines Aufenthalts qualvolles Heimweh empfunden. Er hatte das Gefühl, den Problemen auszuweichen." Zurück in Berlin, nahm der Theologe Kontakt zum Widerstandskreis im Oberkommando der Wehrmacht auf, ab 1940 reiste er als aktiver Mitstreiter ins Ausland, um Unterstützung für die innerdeutsche Opposition zu suchen. 1943 wurde er in Tegel inhaftiert, wo er in Texten immer wieder seine Entscheidung überprüfte - und für richtig befand.

Löwenstein hatte die Gefahren des Nationalsozialismus früh erkannt und galt als prominentester Gegner Hitlers. Bereits 1930 warnte er in der "Vossischen Zeitung" vor einem Zweiten Weltkrieg, in seiner Dissertation schrieb er, jeder Bürger sei in einer Diktatur zur Revolution verpflichtet. Volkmar Zühlsdorff, der Löwenstein 1933 ins österreichische Exil begleitet hatte, erinnerte sich an das gemeinsame Ziel des Widerstands im Ausland: "Wir wollten deutlich machen, dass Hitler nicht Deutschland ist, dass es ein kulturelles Deutschland gibt, und dass es dieses auch in Zukunft geben muss."

Für ihr Engagement ernteten die Mitglieder der Exilakademie nach 1945 kaum Anerkennung. Keine Bundesregierung lud sie ein, nach Deutschland zurückzukehren - viele der Zurückgebliebenen empfanden die Flucht ins Ausland eher als Resignation denn als die Fortsetzung des Kampfes an anderen Orten. Aus den Briefen, die Zühlsdorff und der im amerikanischen Exil lebende Philosoph und Psychologe Hermann Broch nach dem Zweiten Weltkrieg austauschten, geht hervor, dass sie oft eher als Täter denn als Opfer gesehen wurden. Während der Österreicher Broch in den USA in dem Glauben starb, dass Deutschland noch immer voller Nazis sei, kehrte Zühlsdorff 1946 voller Hoffnung zurück - mit der Überzeugung, dass der Nationalsozialismus besonders bei der Jugend in Deutschland nie wieder eine Chance haben würde.

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