Kultur : Intellektuelle von hüben und drüben wollen das deutsch-deutsche Schweigen brechen

Jörg Plath

Wer einst als Bundesdeutscher in die DDR reiste, wurde bald in merkwürdige Gespräche verstrickt. Sobald die Existenz der beiden deutschen Staaten zur Sprache kam, tadelten "Bundi" wie "Zoni" kräftig den eigenen Staat und lobten den fremden. Beide Staatsbürger gebärdeten sich wie Dissidenten, um das Trennende zu relativieren und das Gemeinsame zu betonen. Inzwischen sind aus dem "Bundi" und dem "Zoni" Wessi und Ossi geworden. Dabei kamen ihnen die zwei Nationalitäten abhanden und mit dem Trennenden offenbar auch das Gemeinsame: jetzt herrscht gut vernehmbares Schweigen.

Im neuen Heft von Ästhetik und Kommunikation versuchen Intellektuelle aus Deutschland-Ost und Deutschland-West, das Schweigen zu brechen. "Ten years after" heißt der poppige Titel ihres langen Gesprächs. Der Blues holt den Leser freilich schon nach wenigen Seiten mächtig ein. Die Intellektuellen kommen nämlich in ihrem ungewöhnlichen Beitrag zur Jubiläumshausse anläßlich des Mauerfalls nur mit Schwierigkeiten ins Gespräch über die Schwierigkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Auf den zweiten Blick ist das allerdings durchaus erhellend.

Auf den ersten ist es manchmal nur unfreiwillig tragikomisch, etwa wenn sich der SPD-Referent Tilman Fichter den Untiefen des Gesprächs mit dem wohlfeilen Hinweis auf Auschwitz und auf den Gulag entzieht. Zu den Jahrhundertgräueln als sicheren Ufern folgen ihm die übrigen Diskutanten glücklicherweise nicht, obwohl zwischen ihnen alles strittig ist, selbst der Begriff des Intellektuellen. Dieter Hoffmann-Axthelm, Herausgeber von Ästhetik und Kommunikation und Stadtplaner, fordert den beständigen Verrat von ihm. Der Intellektuelle sei ein Vertreter der Distanz, die im Osten offenbar verloren gegangen sei: Ehemalige Dissidenten verteidigten die DDR, der Osten schnurre zur "DDR-Volksgemeinschaft" zusammen.

Vor einem allseits distanzierten, frei schwebenden Intellektuellen graust es den Ostdeutschen; ihm drohe doch der Sturz in die Bedeutungslosigkeit, fürchtet Michael Brie. Der Sozialwissenschaftler versteht ihn vielmehr als einen Menschen, der sowohl sich selbst wie der Gesellschaft verpflichtet ist, und denkt dabei offenbar eher an ein Mitglied der Intelligenz, beziehungsweise der Intelligentsija. Deren Vertreter aber haben ganz und gar nicht 1989 versagt, meint der Ost-SPD-Bundestagsabgeordnete Stephan Hilsberg, und damit widerspricht er entschieden dem "Zeit"-Redakteur Klaus Hartung. Mögen diese inhaltlichen Differenzen schon unüberbrückbar sein, die Äußerungsformen sind es noch mehr. Forsch ringen die selbstbewußten Westdeutschen um die Diskurshoheit und treffen auf Ostdeutsche, die ihre Sensibilität vor sich her tragen. Als Hartung von den "Feldgottesdiensten Daniela Dahns" spricht, fühlt sich Brie verletzt und entgegnet zaghaft: "Ich möchte . . . mit Ihnen polemisieren, Herr Hartung".

Damit ist die Luft jedoch schon raus, die Diskursgewohnheiten des Kollektivs siegen über die der Wettbewerbsgesellschaft. Solch einer zerrütteten zehnjährigen Ehe wäre nur noch gütliche Scheidung zu empfehlen, gäbe es nicht die Paartherapeutin Karin Hirdina. Die Ästhetikprofessorin klärt die Partner auf: Ost-Intellektuelle denken "strenger, systematischer, funktionsbezogener vor allem im Sozialen", aber auch dogmatischer, instrumentalisierbarer und teleologischer, die West-Intellektuellen hingegen "offener, assoziativer, spielerischer, autonomer und schneller", zugleich selbstreferentieller und damit auf geschlossene Zirkel bezogen.

Von der DDR als (Denk-) Kultur ist es nicht weit zur Forderung von Brie, erst einmal im Osten eine selbständige Diskurskultur aufzubauen. Diese subversive Anwendung multikultureller Ideen zum Zwecke der Reservatsbildung erwischt die West-Intellektuellen auf dem linken Fuß. Vielleicht hätten sie Friedrich Dieckmann zu dem Gespräch einladen sollen, einen der wenigen im Westen erfolgreichen Ost-Intellektuellen. Fordert der Ost-Intellektuelle die Separation, wünschen die West-Intellektuellen die Vereinigung und verfallen auf ein tertium comparationis zwischen Ost und West, das sie einst wie der Teufel das Weihwasser mieden: am "kulturell-national Gemeinsamen" sollen nach Fichters Meinung die deutschen Intellektuellen genesen, und auch Hartung fragt nach ihrem Verhältnis zur Nation.

Von Europa ist aber keine Rede, und die jüngere Generation, vertreten durch die Historikerin Dorothea Hauser, kennt ohnehin keine Ost- und Westdeutschen mehr, sie kennt nur noch junge Menschen. Wahrscheinlich werden sie einst alle selig "We are the world, we are the children" summen, wenn "Ten years after" schon längst vergessen sind. Da hatten es die "Bundis" und "Zonis" dann doch entschieden einfacher. Sie einigten sich aufs Auto. Auch die Intellektuellen unter ihnen.Ästhetik & Kommunikation: Heft 105. Juni 1999. Ten years after. Intelligenz zwischen West und Ost. 128 Seiten, 20 DM.

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