Intelligenzforschung : Ach, die Gene

Elsbeth Stern, Verhaltenswissenschaftlerin an der ETH Zürich, wird in Sarrazins Buch u.a. mit dem Satz zitiert: „Je größer die Chancengerechtigkeit, desto mehr schlagen die Gene durch.“ Die Intelligenzforscherin fühlt sich gründlich missverstanden. Sie sagt: „Man weiß bei niemanden, wie hoch der Anteil der Gene und der Umwelteinfluss auf seine Intelligenz ist, es ist immer eine Mischung. Lediglich bei eineiigen Zwillingen ist klar: Alle Unterschiede sind umweltbedingt, denn ihre Gene sind 100 Prozent identisch. Nur wenn wir 100-prozentige Chanchengleichheit hätten – ein theoretisches Konstrukt –, könnte man Unterschiede auf Gene zurückführen. Für die Migranten in Deutschland gibt es aber keine Chancengleichheit, also können wir über deren Gene auch keine Rückschlüsse ziehen. Nehmen wir den Unterschied zwischen den türkischen Migranten, von denen viele kamen, weil man ungelernte Arbeiter wollte, und den vietnamesischen Flüchtlingen, die eher aus gebildeten Schichten stammen. Selbst unter idealen Bedingungen würden weniger türkische Kinder Abitur machen – aber nur, weil sie schlechtere Voraussetzungen mitbringen. Es wäre etwa so, wie wenn man ausschließlich deutsche Hauptschüler auswandern ließe und es dort dann hieße, die Deutschen sind dümmer als andere. Gleichzeitig müssen wir uns davon verabschieden, dass man jeden zum geistigen Überflieger machen kann. Durch bessere Förderung wird jeder klüger: Die Unterschiede steigen, aber auch das Niveau insgesamt.“

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