Kultur : Intendant, verzweifelt gesucht

Mailand, München, Bayreuth, Berlin: Wer manövriert Europas Opernhäuser in die Zukunft?

Christine Lemke-Matwey

Was sagen eigentlich die Kinder von heute, wenn man sie fragt, was sie werden wollen? Immer noch Lokführer, Pilot, Astronaut? Tierärztin, Filmschauspielerin, Zirkusprinzessin? Eher wohl Wirtschaftsboss, Super-Nanny, Web-Designer oder DJ. Oder aber der Nachwuchs ist orientierungslos und will gar nichts. Eines aber wollen selbst die Entschlossenen garantiert nicht werden: Intendant in München, Mailand oder Berlin. Früher hätte man gesagt: Theaterdirektor.

Theaterdirektoren waren in der bürgerlichen Gesellschaft angesehene Leute. Heute weiß keiner mehr, was genau ein Intendant eigentlich tut. Es geht ihm kaum besser als einem Politiker. Die Nase immer im Wind, stets für alles verantwortlich und an allem schuld, selber kein echtes Verständnis für die Sache, und wenn die Bilanzen nicht stimmen, ist so ein schönes, großes, niegelnagelneues Büro samt Corbusier-Möbeln auch verdammt schnell wieder geräumt. (Eigentlich ist es also nahe liegend, wenn aus Intendanten Politiker werden, wie die Bestellung des früheren Berliner Staatsopern-Chefs Georg Quander zum Kölner Kulturdezernenten dieser Tage beweist ...)

So gesehen ist es kein Wunder, dass der Intendanten-Job heute so miserabel repräsentiert ist und es immer wieder einer öffentlichen Schwergeburt gleich kommt, wenn an einem großen Opernhaus eine stabile Führungsriege installiert werden soll. Drei aktuelle Beispiele: An der Mailänder Scala, dem berühmtesten Opernhaus der Welt, schmeißt Star-Dirigent Riccardo Muti hin, der Betrieb droht in den Fluten gewerkschaftlicher wie künstlerischer Auseinandersetzungen regelrecht unterzugehen – und es dauert quälende Wochen, bis mit Stéphane Lissner, dem Leiter des Festivals von Aix-en-Provence, eine vergleichsweise erfrischende Lösung gefunden ist. Allerdings fällt der 50-jährige Franzose damit entschieden die Karriereleiter hinauf, sein Forderungskatalog zur Innovation dürfte sich also schon aus Dankbarkeit in Grenzen halten.

In München wiederum bestellte das Bayerische Kunstministerium Christoph Albrecht zum Nachfolger des erfolgreichen Manager-Intendanten Peter Jonas. Von Albrecht wusste man zunächst nicht sehr viel mehr, als dass er, seinerzeit Chef der Dresdner Semperoper, in der so genannten „Csárdásfürstin“-Affäre um Peter Konwitschny kläglich eingeknickt war und wenig später an der Bayerischen Theaterakademie unterschlüpfte. Übrigens handelt es sich dabei um einen der feinsten Posten, den die Branche zur Zeit zu vergeben hat. Die Arbeit, pardon, hält sich in Grenzen, das Salär ist fürstlich, Klaus Zehelein darf sich also freuen, wenn er 2006 von Stuttgart an die Isar wechselt. Die Causa Albrecht: Offensichtlich eine Verlegenheitslösung, die in der Kombination mit Kent Nagano als neuem musikalischem Chef der Bayerischen Staatsoper nie recht einleuchten wollte.

Prompt demissionierte Albrecht, noch bevor die Tinte unter seinem Vertrag trocken war. Eine Schlappe für die bayerische Kulturpolitik und Ausdruck höchster Verantwortungslosigkeit, sagen die einen; Mobbing raunen die anderen. Das moderne Opernhaus ist ein Haifischbecken, in dem die Regeln holder Kunst oft herzlich wenig gelten. Teuer wird es in jedem Fall, wenn Albrecht nun, wie es in der Gerüchteküche wispert, durch Klaus Bachler ersetzt werden soll, den amtierenden Chef des Wiener Burgtheaters. Peter Mussbach, der Berliner Staatsopern-Chef, war zwischenzeitlich auch im Gespräch, hat jedoch unmissverständlich dementiert. Bachler ist Österreicher und würde wohl gerne eines nicht allzu fernen Tages Jürgen Flimm bei den Salzburger Festspielen beerben. Dazu fehlt ihm ein großes internationales Haus in seiner Biografie. Und die Verbindung München-Salzburg ist ohnehin die allerbeste.

Drittes und vielleicht schlagendstes Beispiel: Berlin. Über ein Jahr währte es, bis Kultursenator Thomas Flierl mit Michael Schindhelm den ersten Direktor der Berliner Opernstiftung präsentieren konnte. Ein Himmelfahrtskommando, hieß es, und, ach, der schlechte Berliner Ruf. Machen jedenfalls wollte es peinlicherweise keiner. Gibt es ein deutlicheres Symptom dafür, dass der Theaterdirektor, der Intendant alter wie neuer Prägung, vielleicht ausgedient hat? Wenn eine Gesellschaft sich den vitalen Diskurs über Inszenierungen und Interpretationen, über erste und letzte Dinge, über Geglücktes und Gescheitertes in der Kunst nicht länger leisten kann oder will, wenn an die Stelle des Ereignisses das Event tritt und an die Stelle der kritischen Auseinandersetzung die Huldigung, braucht es dann überhaupt noch jemanden, der ein künstlerisches Profil prägt oder eine Dramaturgie? Der ein Ensemble pflegt, der außerdem rechnen kann und für die Sache „seines“ Theaters in der Welt einsteht – vor Politikern, dem Publikum und den Kritikerpäpsten?

Andererseits gibt es kaum ein trefflicheres politisch-soziales Biotop als ein Theater oder Opernhaus. Den Methusalem-Komplex beispielsweise kennt man hier schon lange und zur Genüge, die aktuelle Krise bringt es an den Tag: Spätestens seit den kulturpolitisch paradiesischen und ästhetisch äußerst fruchtbaren 70er und 80er Jahren nämlich gehört der Intendanten-Beruf fest in die Hände alter Männer. Und das spürt die Branche, spüren wir bis heute, siehe Bayreuth. Die Liebermanns, Schäfers, Hübners, Everdings und Friedrichs klebten förmlich an ihren Chefsesseln: großmächtige Patriarchen ihrer Zunft, Autokraten, die neben sich so rasch niemand anderen duldeten.

Die nachfolgende (68er-)Generation wiederum, die erfolgreich gegen jene überlebensgroßen Väter-Intendanten rebellierte und sich durchsetzen konnte, tat dies unter einem solchen Aufwand und Kräfteverschleiß, dass auch sie sich, vorerst erschöpft, nicht weiter um die Zukunft bekümmern konnte oder wollte. Die Väter fraßen ihre Söhne. Und diese – woraus man ihnen keinen Vorwurf machen kann, denn sie hatten es kaum anders gelernt – scherten sich wiederum nicht um ihren Nachwuchs, um die nächste bittende, barmende Generation. Wer geht, hat selten sein Haus bestellt. Der zeitgenössische Kulturbetrieb mag an vielem leiden, an einem (spätestens seit 68) massiv gestörten Selbstverständnis, an mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz in Zeiten ökonomischer Flauten, an fehlender Behauptungsstärke – aber eine gehörige Portion selbst verschuldete Führungsschwäche ist auch dabei.

Die Namen der Söhne? Gérard Mortier, Jürgen Flimm, Peter Mussbach, Klaus Zehelein, Peter Jonas, Peter Ruzicka, Alexander Pereira. Und vielleicht noch Stéphane Lissner, Klaus Bachler und Albrecht Puhlmann. Namen, die jeder gern nennt, wenn es darum geht, im globalisierten Musiktheaterbusiness einen vakanten Direktorenstuhl neu zu besetzen. Andere Namen gibt es nicht. Und das ist ein Problem.

Das Anforderungsprofil des Berufs hat sich in der Tat auf eine Weise verändert und verkompliziert, dass nur wenige ihm überhaupt noch genügen können. Je existenzieller die Kunst in Frage steht, je vielfältiger die Konkurrenz an Kulturangeboten, desto heikler gestaltet sich die Verbindung von „Geist und Geld“. Zumal die Oper schon immer nicht nur kostbar, sondern besonders kostspielig war. Höchste künstlerische Qualität ist künftig ebenso gefordert wie solides Management und Controlling. Das Herz soll lachen, die Fantasie soll fliegen – und der Rubel rollen. Vorbei die Zeiten der legendären Künstler-Intendanten, die allesamt nicht zu rechnen brauchten. Vorbei aber auch die Zeiten der reinen Apparatschiks.

An der Universität Zürich kann man neuerdings übrigens studieren, wie sie funktioniert, die Quadratur des Kreises. Was er braucht, der „Intendant der Zukunft“? Drei Jahre und 38000 Schweizer Franken. Informationen unter www.weiterbildung.unizh.ch/emaa.

Das Intendantenkarussel der großen europäischen Opernhäuser dreht sich um die

immergleichen Namen. Klaus Bachler (54), seit 1999 Chef des Wiener Burgtheaters, gilt als Favorit für den Chefposten an der Staatsoper München. Peter Mussbach (55), seit 2002 Intendant der Berliner Lindenoper, war dafür ebenfalls im Gespräch.

Stéphane Lissner (52), Musikchef der Wiener Festwochen und Festspielleiter in Aix-en-Provence, übernimmt kurzfristig die Intendanz der krisengeschüttelten

Mailänder Scala.

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