Kultur : Internationaler Frauentag: Aus ihrer Sicht

Dorothee Nolte

Die Studentinnen wollen es nicht mehr hören. Wenn Friederike Maier, Professorin an der Berliner Fachhochschule für Wirtschaft, in ihren Seminaren berichtet, dass Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben als Männer, im Durchschnitt ein Viertel weniger verdienen und noch dazu zwei Drittel der Hausarbeit bewältigen, dann zucken die jungen Frauen mit den Schultern. "Sie sind sehr selbstbewusst", erzählt die jugendlich wirkende Professorin. "Sie wollen sich nicht als Opfer sehen."

Der Feminismus alten Stils ist out. Die jungen Frauen mögen alles nicht, was ihnen nach Jammern, Nörgeln und Einprügeln auf "die Männer" klingt. Kein Wunder, erleben sie doch in Schule und Hochschule durchsetzungsstarke Frauen, sehen Ministerinnen und Unternehmerinnen im Fernsehen und streben für sich selbst eine Berufstätigkeit ebenso an wie eine Familie - alles Dinge, die vor dreißig Jahren noch keineswegs selbstverständlich waren.

Dass junge Frauen sich heute viel zutrauen und die Rolle der ewig Klagenden ablehnen, ist jedoch ein Verdienst der Frauenbewegung, die dafür erst die Voraussetzungen geschaffen hat. Inzwischen machen hier zu Lande mehr Mädchen Abitur als Jungen, ihr Anteil an den Hochschulen liegt nur noch knapp unter der Hälfte, sie erreichen in der Regel sogar die besseren Abschlüsse. Im deutschen Bundestag stellen Frauen 31,2 Prozent der Abgeordneten (zum Vergleich: 1972 waren es nur 5,8 Prozent), sechs Bundesministerinnen stehen acht Ministern gegenüber. Selbst Alice Schwarzer gestand dem "Spiegel" im vergangenen Jahr: "Wir Feministinnen haben mehr erreicht, als ich vor dreißig Jahren auch nur zu träumen gewagt hätte."

Aber auch die anderen Zahlen stimmen: 45 000 Frauen mit Kindern suchen jährlich Schutz in Frauenhäusern, jede siebte Frau wird im Laufe ihres Lebens Opfer von Vergewaltigung oder Nötigung, gerade allein erziehende Frauen rutschen oft unter die Armutsgrenze ab. Nur etwa zehn Prozent der Führungspositionen in Wirtschaft und Hochschulen sind mit Frauen besetzt, in den meisten Entscheidungsgremien sind Frauen unterrepräsentiert.

Nach wie vor wird es Frauen in Deutschland unnötig schwer gemacht, Berufstätigkeit und Familie zu verbinden. Das Angebot an Kinderbetreuungsplätzen ist derart mangelhaft, dass das Land dafür sogar vom Anti-Diskriminierungs-Ausschuss der Vereinten Nationen gerügt worden ist. Nur für fünf Prozent der Kinder unter drei Jahren stehen im Westen Deutschlands Tagesmutter- oder Krippenplätze zur Verfügung, erst ab drei Jahren besteht ein Anspruch auf einen Kindergartenplatz, Ganztagsschulen und Horte sind rar. In Frankreich dagegen werden 30 Prozent der Kinder unter drei in Krippen und Kindergärten betreut, in Dänemark sogar 48 Prozent. Die Bundesregierung versucht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit flexibleren "Elternzeit"- und Arbeitszeitregelungen und mit Appellen an die neue Väterlichkeit zu verbessern; wo jedoch das Geld für gute Kinderbetreuung fehlt, kann auch das nur teilweise greifen.

Töchter unerwünscht

In vielen nicht-westlichen Ländern sind die Probleme der Frauen existenzieller. Seit der Weltfrauenkonferenz von Peking 1995 haben die Berichterstatter der Vereinten Nationen zwar einige Fortschritte feststellen können: Frauen nehmen zunehmend am Erwerbsleben teil - weltweit stellen sie mindestens ein Drittel der Arbeitskräfte, außer in Nordafrika und Westasien -, und ihr Zugang zur primären Schulbildung nähert sich dem der Jungen an, außer in Afrika und Südasien. In den meisten Regionen sinkt die Zahl der Kinderhochzeiten und frühen Schwangerschaften, und die Geburtenraten pro Frau gehen weltweit zurück. Ihre Lebenserwartung steigt - ebenso wie die von Männern -, außer im südlichen Afrika, das an den Folgen von Aids leidet.

Dennoch lesen sich die Berichte von UN und Unicef zur Lage der Frauen immer noch über weite Teile wie Horror-Geschichten. Zwei Drittel aller Analphabeten und 70 Prozent aller Armen der Welt sind Frauen, sie arbeiten vorwiegend in niedrigen Positionen und werden schlechter bezahlt. Zwei Millionen Mädchen werden jedes Jahr in die Prostitution gezwungen, der weltweite Frauenhandel blüht.

In vielen asiatischen und afrikanischen Staaten wird ein Drittel der Mädchen noch vor dem 19. Geburtstag verheiratet; im Kongo und in Niger sind es sogar drei Viertel aller Mädchen. Jedes Jahr werden 15 Millionen Kinder von minderjährigen Müttern geboren. Das Risiko einer afrikanischen Frau, an Komplikationen von Schwangerschaft und Geburt zu sterben, liegt bei 1:16 (zum Vergleich: in Asien ist das Risiko 1:65, in Europa 1:1400). Weltweit leiden 130 Millionen Frauen an den Folgen von Genitalverstümmelung, die vor allem in Teilen Afrikas unverändert üblich ist. In China, Indien und Pakistan werden nach wie vor weibliche Föten häufig abgetrieben und weibliche Säuglinge getötet, weil nur Söhne erwünscht sind; in Indien sterben Mädchen eher als Jungen, weil sie schlechter ernährt und seltener medizinisch versorgt werden.

Immerhin haben 165 Staaten die UN-Konvention gegen die Diskriminierung von Frauen verabschiedet, 26 weigern sich nach wie vor. Seit der Konferenz von Peking haben zahlreiche Regierungen Gesetze erlassen und Programme gestartet, die die schlimmsten Auswüchse bekämpfen sollen; das Bewusstsein dafür, dass ohne Gleichberechtigung und Bildungschancen für Frauen auch Wohlstand und Demokratie nicht zu haben sind, sei allgemein gestiegen, heißt es vorsichtig optimistisch bei der UN. Aber der Weg dorthin scheint angesichts der Zahlen noch sehr, sehr lang.

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