„Open City“ ist eine philosophische Meditation, keine funkelnde Erzählmaschine

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Internationales Literaturfestival 2012 : Lied von der Erde - Teju Cole
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Der Gestus dieser an eine Obsession grenzenden Beobachtungsgabe stammt von W. G. Sebald, dem ins britische Norwich ausgewanderten Allgäuer. Kein anderer Erzähler hat städtische und ländliche Topografien so sehr als Zeugnisse von Verfallsgeschichte gedeutet. Die Aufmerksamkeit für die transkulturellen Fluchtlinien aber hat ihn V. S. Naipaul gelehrt, der Inder aus Trinidad, den es gleichfalls nach England verschlug. Beiden verdankt Teju Cole nach eigenem Eingeständnis einiges – und wohl auch die Distanz gegenüber den plotgetriebenen Formen des realistischen Romans und seiner Kulissenschieberei. Wie Naipauls „Rätsel der Ankunft“ ist „Open City“ eine philosophische Meditation, keine funkelnde Erzählmaschine. Essayistische Passagen voller Lesefrüchte und Kunstinterpretationen stehen gleichrangig neben solchen mit der Anmutung einer literarischen Reportage. Wenn das Ganze am Ende einen großen Prosagesang ergibt, liegt das sowohl an der in ruhigem Gleichmaß strömenden Stimme des Erzählers wie an der musikalischen Struktur, die dem Text in Anlehnung an Mahlers symphonisches „Lied von der Erde“ zugrunde liegt.

Julius, auf dem Sprung zu einer Karriere als Psychiater, durchwandert einmal den Jahreskreis und seine Stimmungen: die Einsamkeit des Herbstes und die Trunkenheit des Frühlings, er begegnet Schönheit und Jugend und dem Jammer der Erde. Schließlich, ein neuer Herbst zieht herauf, begleitet man ihn in die Carnegie Hall, wo Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker Mahlers Neunte aufführen – das letzte abgeschlossene Großwerk eines gesundheitlich schon schwer angeschlagenen Komponisten, der vor dem Wiener Antisemitismus Zuflucht in New York gesucht hatte.

Mit traumwandlerischem Gespür lässt sich Julius von Schicksalen anziehen, die von Migration und Krankheit betroffen sind. Er erzählt von Saito, seinem greisen Literaturprofessor aus Japan, trifft an der Penn Station einen haitianischen Schuhputzer und begegnet in Queens einem Liberianer in Abschiebehaft. Die ambivalenteste Figur ist allerdings der in einem Brüsseler Telefonshop arbeitende Marokkaner Farouq, für den Amerika nur eine Variante von Al Qaida ist – und die Palästinenserfrage die zentrale Frage unserer Zeit.

Fast enzyklopädisch dekliniert sich das Buch durch die Spannungszonen und Kontinente, ohne New York (mit Ausnahme von Brüssel) zu verlassen. Gerade in dieser Neigung zur Aufhäufung immer weiterer Geschichten liegt aber die Rechtfertigung seines Verfahrens. Sosehr man es als Quersumme aus den Schriften von Edward Said und Kwame Anthony Appiah lesen kann, sosehr verweigert es eine eindeutige politische Botschaft – bis auf ein nur literarisch zu erreichendes Ansinnen.

„Open City“ arbeitet mit aller Macht gegen die Verabsolutierung der eigenen historischen Niederlagen, wie auch gegen deren Relativierung in der Masse konkurrierender Traumata. Kein Leiden darf gegen ein anderes aufgerechnet werden, es darf aber auch keines verschwiegen werden. In diesem Sinn ist das Buch ein Plädoyer für die Unendlichkeit kultureller Differenz.

Teju Cole, 1975 in Michigan als Kind einer nigerianischen Mittelschichtsfamilie geboren, hat diese Differenz am eigenen Leib erlebt. Er wuchs in Lagos auf, wo Yoruba seine erste Sprache war. Englisch lernte er in der Schule. Erst zum Studium der Kunstgeschichte an der Columbia University kehrte er in die USA zurück und lebt heute in Brooklyn. Er ist, wie seine Website www.tejucole.com zeigt, auch ein herausragender Fotograf und einer der wenigen Schriftsteller, die Twitter als literarisches Medium zu nutzen verstehen. Unter dem Titel „Small Fates“ sammelt er faits divers aus einem 100 Jahre zurückliegenden New York.

Die gedankliche Spannweite seines Romans, dessen verschlungenen Wegen man Satz für Satz folgen muss, kann man auch in Christine Richter-Nilssons ausgezeichneter Übersetzung erleben. Die polierte, alles Idiomatische scheuende Eleganz seines Englisch, das gerade in der Perfektion ein erobertes Englisch ist, kann sie natürlich nicht nachbilden. Man lese es so oder so: „Open City“ ist bei allem Abtauchen in die Tiefen der Geschichte von einer Aktualität, in der das unruhige Herz unserer Zeit schlägt. Das kann man nur von den wenigsten Büchern behaupten.

Teju Cole: Open City. Roman. Aus dem Amerikanischen von Christine Richter-Nilsson. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 335 Seiten, 22,95 €. – Der Autor stellt sein Buch am Donnerstag, den 13.9., um 19.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele vor.

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