Internationales Literaturfestival Berlin : Die dunklen Wirbel des Meeres

Zum Auftakt des Internationalen Literaturfestivals Berlin: eine Unterwasserexpedition mit dem Schriftsteller Cormac James zu den massenindustriellen Aquakulturen im Atlantik.

Cormac James
Heute frische Dorade. Aquakultur vor Ponza, einer der Pontinischen Inseln im Tyrrhenischen Meer.
Heute frische Dorade. Aquakultur vor Ponza, einer der Pontinischen Inseln im Tyrrhenischen Meer.Foto: picture alliance / Franco Banfi

Das Meer stiftet seit jeher zum Erzählen an. Von Homers „Odyssee“ bis zu Herman Melvilles „Moby Dick“ ist es ein riesiges Reservoir von Geschichten über den Kampf des Menschen mit der Natur. Im Zeitalter von Klimawandel, Massenflucht und Vergiftung des Meeres reichen sie nicht mehr aus. Das Internationale Literaturfestival Berlin hat unter dem Motto „Reading the Currents – Stories from the 21st Century Sea“ ein umfangreiches Projekt kuratiert, bei dem Schriftsteller auf Meeresforscher treffen. Es findet im Rahmen des Meeren und Ozeanen gewidmeten Wissenschaftsjahres statt. Wir dokumentieren vorab einen Auszug aus dem von Peter Torberg übersetzten Essay, den der 1971 in Cork geborene Ire Cormac James für seinen Auftritt mit der Bremer Meeresbiologin Antje Boetius am 12.9. um 21 Uhr im Buchhändlerkeller geschrieben hat. Der Eintritt ist wie zu allen Veranstaltungen dieser Reihe frei.

Schließen Sie die Augen. Entspannen Sie sich. Lassen Sie die Bilder, die meine Worte heraufbeschwören, vor Ihrem geistigen Auge lebendig werden. Vertrauen Sie mir bei allem, was ich sage. Wenn ich sage‚ vertrauen Sie mir, dann meine ich, fühlen Sie sich sicher. Denn ich weiß genau, wohin wir gehen, jeden einzelnen Schritt. Wir gehen gemeinsam, Sie und ich. Sie werden nicht einen einzigen Augenblick lang allein sein. Nie wieder. Stellen Sie sich als Erstes ein großes, kreisrundes Gebilde ohne Dach vor. Vielleicht ähnelt das Bild einem Stall oder einer Stierkampfarena, aber das wäre zu groß. Vielleicht denken Sie an einen Zirkusring, schon besser, aber das Gebilde ist viel tiefer. Es hat viel höhere Wände. Wie die steile Todeswand auf der Kirmes, meinen Sie? Stellen Sie sich eine solche Steilwand vor, wenn Ihnen das hilft. Allerdings fast bis an den Rand mit Wasser gefüllt, und unterlegt mit dumpfem, industriellem Brummen.

Nichts vom Glanz und Glamour der Tropenfische

Betrachten Sie es von oben. Als würden Sie darüber schweben und hinunterschauen, wie man über dem eigenen Körper in einem Krankenhausbett schwebt, kurz bevor man stirbt, wie es heißt. Wie im Kino, finden Sie? Das ist gut. Genau das meine ich. Jetzt sind wir auf derselben Wellenlänge. Aus dieser Höhe sehen Sie, dass das Wasser Wirbel bildet, ähnlich einem Wasserstrudel in einem Abfluss. In der Mitte etwas tiefer, am Außenrand dicker. Und wenn Sie genauer hinschauen, sehen Sie, dass der Wasserwirbel nicht die einzige Bewegung in der riesigen Wanne ist. Untrennbar damit verbunden ist etwas Tieferes, Dunkleres, so als würde eine unsichtbare Hand eine riesige Locke Seegras herumwirbeln und das Wasser mitreißen. Tatsächlich erkennen Sie, dass es sich um Dutzende dunkler Bänder handelt, die sich drehen, vom hohlen Zentrum bis ganz an den Rand. Ja Sie sehen, dass jeder dieser Kreise nicht aus einem durchgängigen breiten Band besteht, sondern aus vielen Einzelteilen – es handelt sich um einen riesigen Wassertank voller großer Fische, alle von derselben Farbe, Form und Größe.

Mit derselben meine ich nicht ähnlich. Ich meine nicht nur von derselben Art. Diese Fische sind bis ins kleinste Detail Kopien. Verstehen Sie? Sie sind an der Bauchseite und an den Seiten stumpf zinnfarben, oben wiederum von einem stumpfen Braun, wie Forellen. Kein Grün oder Blau. Nichts von dem Glanz oder Glamour der Tropenfische. Sie schwimmen unentwegt im Kreis, alle mit genau derselben Geschwindigkeit, so dass man unmöglich erkennen kann, ob die Strömung sie wie Treibgut mit sich reißt, oder ob sie selbst diesen endlosen Wirbel erzeugen.

Kein Licht kann all das lebendige Fleisch durchdringen

Jetzt möchte ich, dass Sie nach oben schauen und Dutzende und Aberdutzende von identischen Becken sehen, die in makellos geraden Reihen stehen, fast so weit das Auge reicht. Es handelt sich um eine Art Laborfischzucht von einer Größe, die alle Ihre bisherigen Vorstellungen bei Weitem übersteigt. Wenn Sie in die Ferne schauen, erkennen Sie, dass das, was Sie für recht flache Wannen gehalten haben, in Wahrheit Silos ohne Dach sind, von der Art, wie sie in der Nahrungs- und Futtermittelindustrie und der Petrochemie verwendet werden. Die Wände bestehen aus geriffelten Stahlblechen, und die Silos sind mehrere Stockwerke hoch, sodass sich in jedem davon zigtausende Fische befinden müssen. Wenn Sie wieder nach unten schauen, sehen Sie keinen Grund in diesem Brunnen, falls Sie sie für eine Art Brunnen halten, denn die Silos sind derart vollgepackt, dass kein Licht all das lebendige Fleisch durchdringen kann; denken Sie an Menschenmassen, an eng gedrängte Pilgermengen, die die Kaaba umkreisen und sich wie all solche Menschenströme mit scheinbar alles beherrschender biologischer Kraft bewegen. Jedes einzelne Tier ist mannsgroß und besitzt ganz bestimmte Merkmale – spitze Schwanzflossen, spitzer Kopf –, einem Hai nicht ganz unähnlich. Es besitzt einen Rückenkamm, der zu einem Dinosaurier passen könnte. Es handelt sich um Störe.

Jetzt stellen Sie sich dieselben mannsgroßen Fische vor, wie sie zu Zigtausenden ihre Kreise ziehen, doch diesmal mitten im Atlantik. Nicht im Meer verteilt allerdings. Ganz im Gegenteil. Noch immer stecken sie in einer großen, vollgepackten Säule, die von der Wasseroberfläche bis weit in die Tiefen reicht. Sie sind noch immer eingepfercht, aber nicht mehr in einem Metallsilo, sondern in einem in etwa gleich großen Metallkäfig. Dieser Käfig ist an massiven apfelgrünen Bojen festgemacht, die ein paar Meilen vor der Küste von Teneriffa am Meeresboden verankert sind. Im Meerwasser sind diese kreisenden Fische nicht weniger beeindruckend als im Labor, sie haben sich ja nicht verändert, was nicht überrascht, denn in hundert Millionen Jahren haben sie sich nur wenig weiterentwickelt, lebende Fossilien nennt man sie, und doch werden sie behandelt wie Hühner in Legebatterien, und das offene Meer unter ihren Käfigen ist wie ein offener Abort.

Fast alles Unangenehme geschieht im Verborgenen

Damit meine ich die toten Zonen am Meeresboden, auf die der endlose Regen aus Antibiotika, Futterresten, toten Fischen, Kot niederfällt, ich meckere gerade vor mich hin, ich weiß, ich schimpfe gern, das beruhigt mich, es nimmt mir etwas von der Wut, die ich in mir habe, so viel davon, was für eine Verschwendung. Ich gebe den Käfigen die Schuld, nicht den Fischen. Meerforelle, Lachs, Garnelen, ganz egal, sie sind alle gleich schlimm, und Jahr für Jahr werden es mehr, wie ein sich im Wasser verbreitender Virus, bis in die entlegensten Winkel der Erde, wie die seetüchtigen Plünderer von einst, Griechen, Trojaner, Wikinger, die überall Tod und Verderben verbreiten, von den glitzernden Fluten der Ägäis bis nach Sizilien, nach Gozo, nach Norden bis in jede irische Flussmündung, weit hinaus bis zu den Äußeren Hebriden, den norwegischen Fjorden.

Vor den Azoren liegen Käfige voller Drückerfische, Thunfische, Gelbschwanzmakrelen. Doraden vor Madeira. Meerbrassen und Seriolas vor Lanzarote. Hier vor Teneriffa finden wir unsere riesigen Störe in ihren Käfigen. Direkt auf der Oberfläche des Atlantiks legt sich außerhalb eines Handlaufs ein eiserner Steg um den oberen Rand dieses Meereskäfigs wie der Sattelplatz einer Pferderennbahn. Die Käfige selbst sind nicht zu sehen. Das ist der große Vorteil, wenn es um das Meer geht und um unseren Verstand. Fast alles Unangenehme geschieht im Verborgenen.

Lösen, befreien, aufgeben

Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich Ihnen gern eine Liste meiner Lieblingswörter vorlesen, um zu sehen, welche Wirkung sie auf Sie haben. Ich nenne sie Verbrechen. Die Aquakulturindustrie nennt sie anders. Benthisch. Infestation. Fäkal. Algenblüte. Der Jargon klingt in meinen Ohren leicht feudal, und allein diese Worte laut auszusprechen, hat einen beruhigenden Effekt auf mich, so wie Schimpfen mich beruhigt, wenn ich wütend bin.

Lösen, befreien, aufgeben, sage ich, doch noch während ich die Meereskäfige der Störe losmache, weiß ich genau, wohin sie treiben werden. Sie werden mit derselben Strömung segeln, die Kolumbus von Cadiz zu den Kanaren gebracht hat, wo wir uns jetzt befinden, Sie und ich, und weiter, westwärts, dann nach Norden, über die Kalmen des Nördlichen Wendekreises, dann ostwärts an den Azoren vorbei und zurück zum Ausgangspunkt, um wieder von vorn zu beginnen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar