• "Internationales Literaturfestival Berlin": Uneinholbar fallen die Wörter ins Getriebe der Welt

Kultur : "Internationales Literaturfestival Berlin": Uneinholbar fallen die Wörter ins Getriebe der Welt

Jörg Plath

"Sie auch noch", sagt die alte Dame gar nicht erschrocken, als ich hinter ihr durch die sachte zufallende Haustür in den Flur schlüpfe. "Seit einiger Zeit", sagt sie, "geht es im Haus zu wie in einem Taubenschlag, aber die jungen Leute sind wirklich nett." Geehrt erröte ich. Die alten Leute in der Mommsenstraße 47 sind es offenbar auch. Im ersten Stock steht eine Wohnungstür halb offen. Auf dem Boden kniet eine junge Frau vor einer langen Reihe von Ausdrucken. Hinten im ehemaligen Salon ist ein Arbeitstisch zu erkennen, an dem zwei Frauen konzentriert auf Monitore blicken. Willkommen im Büro des Internationalen Literaturfestivals Berlin.

Dies also ist der Ort, an dem das literarische Großereignis des Sommers Gestalt annimmt: Etwa 150 Lesungen, Rezitationen, Gespräche, Diskussionen, Filme an zehn Tagen im Juni. In den Sophiensälen, der DG Bank, dem Berliner Ensemble, Bibliotheken, Schulen, Kulturinstituten, Botschaften, der Freien Universität und anderswo. Mit fast einhundert Schriftstellern aus aller Welt, darunter neben Prominenten wie Nadine Gordimer, Antonio Tabucchi, Lars Gustafsson, Charles Simic und Imre Kertész viele, von denen hierzulande zum ersten Mal etwas zu hören und zu lesen ist. Und den ausländischen Gästen tritt schätzungsweise die Hälfte der Berliner Autorenschaft unter 45 als "Paten" zur Seite. Das Internationale Literaturfestival ist angetreten, den literarischen Ausnahmezustand über der Stadt zu verhängen. Im eigenen Büro sind die Organisatoren damit schon erfolgreich gewesen. Die drei großen Altbauzimmer sind mit Arbeitstischen, Computern und Telefonen vollgestellt. Überall liegt Papier herum, Ausdrucke, Plakate, Notizzettel. Die fast ausnahmslos jungen Menschen tragen leuchtende Augen in dunklen Höhlen. "Liebe Praktikanten, notiert Eure Telefonnummern!", fordert ein Zettel an der Tür. Improvisation und Idealismus sorgen für eine Mischung aus Allgemeinem Studentenausschuss und Wahlkampfbüro.

Im ehemaligen Salon sitzt Ulrich Schreiber am offenen Fenster und lächelt, sofern ihm die beständig klingelnden Telefone und die beständig glimmenden Zigaretten dazu Zeit lassen. "Wir sind ein tolles Team" lobt der Leiter des Literaturfestivals sich, die sieben Honorarkräfte ("oder sind es acht?") und die immerhin 250 Praktikanten. Ulrich Schreiber fühlt sich sichtbar wohl. Er ist gerade von einer Baustelle zurückgekehrt, von einer wirklichen mit Maurern und Mörtel. Denn Schreiber, der Kopf des Festivals, ist im Brotberuf Architekt und Bauleiter. Baustellen scheinen seine Leidenschaft zu sein. "Kommen Sie mal, ich zeige Ihnen mein Arbeitszimmer", winkt er und geht voran zu der einzigen geschlossenen Tür der Vierzimmerwohnung. Dahinter liegt nicht etwa Blaubarts Reich, sondern ein Schlafzimmer mit Balkon. Das Internationale Literaturfestival macht seinen Leiter in der eigenen Wohnung zum Schlafburschen, und es macht nicht den Anschein, als ob er damit unzufrieden wäre.

Wie langsam muss diesem Mann das letzte Jahr vergangen sein. Denn eigentlich hatte der im Literaturbetrieb wenig bekannte Schreiber, der Vorsitzender der von ihm gegründeten Peter-Weiss-Stiftung ist, das Literaturfestival bereits im Juni 2000 stattfinden lassen wollen. Ein schwimmender Pavillon sollte Veranstaltungsort sein, ein mit 120 000 Mark dotierter Preis vergeben werden. Seine Hauptstadtausgabe des Poetenfests in Erlangen, das Schreiber inspiriert hat, wünschte er mit 2,6 Millionen Mark gefördert zu sehen. Der Kostenvoranschlag brachte ihm Häme ein. Schreiber galt als Träumer. Der Senat drängte ihn schließlich zur Verschiebung des Festivals, weil im Juli schon der von der Literaturwerkstatt durch ganz Europa geschickte "Literaturexpress" in Berlin einlief. Als der Rettungsanker des stets klammen Senats, die Stiftung Deutsche Klassenlotterie, im Dezember dann nur 400 000 Mark für das Festival bewilligte, hätte jeder andere wahrscheinlich das Handtuch geworfen. Nicht so der "Träumer". "Wir", lächelt Ulrich Schreiber, "wir haben zu arbeiten begonnen, und inzwischen sind es dank Sponsoren etwa zwei Millionen Mark."

Schreiber überzeugt Banker ebenso wie Künstler, Autoproduzenten, Hoteliers, Werbefachleute, Intendanten und Wissenschaftler. Mit einem "Juchhu!" legt er den Telefonhörer auf und nimmt die Nächstbeste am Arm. "Wir haben den Saal, kostenlos!" Die Büroleiterin ist von der Zeitschrift "Lettre International" ausgeliehen, die Finanzfachfrau kommt von Schreibers Peter-Weiss-Stiftung. Die anderen Mitarbeiter stammen vom freien Markt, und ihre Honorarverträge sind so kärglich, dass ein Zweitjob die Regel ist. War der Festivalarbeitstag nicht gerade 14 Stunden lang, wird noch eine Aufführung an der Volksbühne vorbereitet, ein Seminar an der Humboldt-Universität gegeben, ein Artikel geschrieben oder an der Magisterarbeit gefeilt. "So zahlreich sind die tollen Jobs ja nicht", meint die Pressesprecherin Bettina Baer. Ihre ersten Bewährungsproben hat die new literary economy bereits bestanden. Der knapp 500-seitige Reader mit Texten und Kurzbiographien der Teilnehmer ist in der Druckerei. Die "Berliner Anthologie", für die 33 von einer Jury nominierte Schriftsteller je drei Gedichte ausgewählt haben, wurde gerade in einer Nachtsitzung hinter verschlossenen Türen druckfertig gemacht. Zahlreiche Praktikanten brachten die Plakate mit den kreuzweise durchgestrichenen Gedichten an Bauzäunen an und ließen sich vom meist wenig poetisch gestimmten Sicherheitspersonal nicht abschrecken. Auch auf Großplakaten, Straßenbahnen und U-Bahnen wird im Juni Lyrik zu lesen sein: "aber / die Wörter fallen ins Getriebe der Welt / uneinholbar". Bis dahin wird noch manches Mal eine der jungen Frauen aus dem Getriebe des Büros auf das einzige Sofa fallen und in einen kurzen Schlaf.

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