Internet : Facebook-Revolte - Die Ägypter haben es vorgemacht

Das Internet sorgt für eine Vielfalt der Meinungen. Welche Rolle den neuen Medien in Nordafrika zukommt, wurde nun auf einem internationalen Workshop am Berliner Zentrum Moderner Orient diskutiert.

Andreas Pflitsch
Ohne Strom keine Revolution: Eine Handyaufladestation auf dem Tahrir-Platz.
Ohne Strom keine Revolution: Eine Handyaufladestation auf dem Tahrir-Platz.Foto: Reuters

Das ägyptische Regime von Hosni Mubarak wusste offenbar genau, wo es seine Gegner am meisten zu fürchten hatte. Zwei Tage nach den ersten Protesten Ende Januar unterband es nicht nur die Ausstrahlung des Fernsehsenders al Dschasira, sondern schaltete auch sämtliche Mobilfunknetze sowie die Zugänge zum Internet ab. Aber da war es bereits zu spät. Den Geist der Freiheit bekam das Regime nicht mehr in die Flasche zurück, weder mit roher Gewalt, noch mit Beschwichtigungen.

Viel ist seither von der Facebook-Revolution die Rede. Der Blogger Wael Ghonim hatte den 25. Januar über Facebook zum „Tag des Zorns“ ausgerufen und damit den Stein ins Rollen gebracht, der schließlich zum Sturz Mubaraks führte. Die von Ghonim gegründete Facebook-Gruppe „Wir sind alle Khalid Said“, benannt nach einem Blogger, der im vergangenen Juni in Alexandria auf offener Straße von Polizisten totgeprügelt worden war, hatte zuletzt eine halbe Million Mitglieder.

Welche Rolle den neuen Medien und dem Internet in Nahost und Nordafrika zukommt, wurde nun auf einem internationalen Workshop am Berliner Zentrum Moderner Orient diskutiert. Der noch immer weitverbreiteten Herrschaft der alten Männer treten im Netz vor allem die Jungen und die Frauen entgegen. Ines Braune (Leipzig) hat in Marokko untersucht, wie sich im Cyberspace das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem verändert, und dabei beobachtet, dass sich das Selbstverständnis der dort versammelten Jugend nachhaltig gewandelt hat.

Marcus Michaelsen (Erfurt) und Benjamin Stachursky (Potsdam) stellten am Beispiel der Frauenbewegung im Iran fest, wie das Internet horizontale Netzwerke begünstigt, deren gesellschaftspolitische Durchschlagskraft sich als stärker erweist als die besonders in den neunziger Jahren vom Westen unterstützten Nichtregierungsorganisationen (NGOs). So trugen ausgerechnet die Wahl Mahmud Ahmadinedschads im Jahr 2005 und die mit ihr einsetzenden Restriktionen gegen die NGOs zu einer Stärkung der iranischen Frauenbewegung bei, die sich zu mehr Pragmatismus und Selbstständigkeit gezwungen sah.

Trotz Zensur und obwohl Blogger und Netzaktivisten teilweise massiv verfolgt werden, scheint der Strukturwandel der nahöstlichen Öffentlichkeit unumkehrbar. Einig waren sich die Konferenzteilnehmer allerdings darin, dass den Medien allein noch keine Macht zukommt. Das gilt umso mehr für das Internet, das als „Pull Medium“ auf die Aktivität der Nutzer angewiesen ist, die sich Informationen gezielt aus dem Angebot heraussuchen müssen, im Gegensatz zum „Push Medium“, das, wie Radio, Fernsehen oder Printmedien, die Informationen vorsortiert und gewichtet. Das Internet setzt eine bereits sensibilisierte Öffentlichkeit voraus, es schafft sie nicht. Dementsprechend falsch wäre die Frage: Was macht das Internet mit diesen Gesellschaften? Vielmehr ist zu fragen, was diese Gesellschaften mit dem Internet machen, wie sich in den Foren und Blogs eine Meinungsvielfalt herausbildet, die von den autoritären Regimes offensichtlich nicht länger kontrollierbar ist.

Die Ereignisse in Ägypten deuten an, dass die den Arabern vom Westen lange Zeit unterstellte Unfähigkeit zur Demokratie weniger auf die Bevölkerungen zutrifft, als auf die oft nur durch westliche Hilfe am Leben gehaltenen Regimes. Auch der besonders vom Westen befürchtete radikale Islamismus bleibt von den Entwicklungen nicht unberührt.

Gillian Kennedy (London) beschrieb die Entwicklung der ägyptischen Muslimbrüder als einen Marsch durch die Institutionen, bei dem diese bewiesen hätten, dass sie sich mit der Meinungsvielfalt verschiedener politischer Strömungen zu arrangieren verstehen. Ghada al Akhdar (Kairo) hatte sich wegen der aktuellen Ereignisse in Ägypten entschuldigt und ihren Vortrag über die „Facebook Revolution“ als Audio-file geschickt. Mit einem Begriff von Gilles Deleuze und Félix Guattari bezeichnete sie das Internet als rhizomförmige, das heißt wurzelnetzartige, Form der Kommunikation. Mit seiner Fähigkeit, immer neue und stets prekäre Verbindungen einzugehen, ohne diese festzuschreiben, sorge das Internet für eine Dynamik, die dem einzelnen Nutzer ganz neue Möglichkeiten der Teilhabe an gesellschaftlichen Diskursen eröffne.

Indem im Web 2.0 passiver Konsum und aktive Mitgestaltung in eins fallen, entwickelten sich heterarchische Strukturen. Aus der Einbahnstraße sich gegenüberstehender Produzenten („producer“) und Nutzer („user“), werde, so Ghada al Akhdar, eine Gemeinschaft von „prod-user“.

Es wurden aber nicht nur Erfolgsgeschichten erzählt, auch auf die Gefahren, die in den neuen Medien lauern, wurde verwiesen. So muss sich das im Netz versammelte, sich rastlos verändernde Wissen dem Verdacht der Unzuverlässigkeit aussetzen. Seiner emanzipatorischen Kraft und Offenheit steht zudem seine Geschichtsvergessenheit gegenüber. Achim Rohde (Marburg) warnte vor dem Topos der „Stunde Null“, mit dem man Kontinuitäten ausblende, so wie im Falle des Neuanfangs 2003 im Irak. So ging es auf dem Workshop nicht zuletzt darum, wie sich die neue Meinungsvielfalt auf die Identitätsdebatten in ethnisch und religiös fragmentierten Gesellschaften auswirkt.

Andrea Fischer-Tahir (Berlin) diskutierte am Beispiel einer kurdischen Zeitung im Irak das ambivalente Verhältnis von Identitätsstiftung einerseits und Abgrenzung vom Gegenüber andererseits. Pluralismus und Partikularismus sind letztlich zwei Seiten derselben Medaille und die Medien sind immer auch Teil des Problems, das sie behandeln. So brachte die Tagung die Erkenntnis, dass es bei neuen wie alten Medien vor allem darauf ankommt, wie man mit ihnen umgeht. Die Ägypter haben es vorgemacht.

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