Internet und Literatur : Und ich klicke stumm in der Welt herum

Mit atemberaubender Geschwindigkeit wird das Wissen über die Welt digitalisiert. Wie das Internet unseren Erfahrungshorizont beschränkt und was die Literatur dem entgegenzusetzen hat.

Burkhard Spinnen
Von jedem Hinterhof ein Satellitenbild. Das Netz tut so, als sei es kein Mittel zur Erkundung der Welt, sondern die Welt selbst.
Von jedem Hinterhof ein Satellitenbild. Das Netz tut so, als sei es kein Mittel zur Erkundung der Welt, sondern die Welt selbst.Foto: dpa/p-a

„Die aufregendsten Reisen finden im Kopf statt.“ – Das ist ein Satz, den ich in meiner Jugend ganz gerne hörte, denn ich scheute das Reisen. Der Satz versprach, was ich mir immer gewünscht hatte: eine gewisse Unabhängigkeit von der realen, der gefährlich dreidimensionalen Welt da draußen. Vielleicht musste man, um Abenteuer zu erleben, doch nicht unbedingt ein Globetrotter und Draufgänger sein. Vielleicht reichte es, zum Beispiel, einen Roman zu lesen, wobei ja nicht gleich Leib und Leben in Gefahr gerieten.

Dabei war es freilich so, dass der Satz „Die aufregendsten Reisen finden im Kopf statt“ damals der Satz einer verschwindenden Minderheit war. Denn die sechziger und siebziger Jahre brachten den großen Boom des Reisens. Meine Eltern hatten griechische Tempel in ihrer Jugend allenfalls auf schlechten Schwarz-Weiß-Aufnahmen gesehen, jetzt standen sie leibhaftig vor den Ruinen. Unsere Nachbarn fuhren zu den heiligen Stätten nach Palästina. Paris besuchte man, ohne jede Eroberungsabsicht, am Wochenende mit dem Bus. Und jeden Abend saßen Abertausende Menschen vor den immer etwas unscharfen Diaprojektionen und lauschten den Berichten der Pauschalabenteurer.

Dabei sein. Selber sehen. Sich ein eigenes Bild machen. Vor Ort sein. Die Atmosphäre kennenlernen. Authentische Erfahrungen gewinnen: Das waren die Schlagworte der Epoche. Einen Löwen musste man jetzt in freier Wildbahn gesehen, die Pyramide auf einem Kamel umritten und die Gerichte fremder Völker selbst gegessen haben. Was man hingegen aus Büchern wissen konnte, das hieß „Bücherwissen“ und war allenfalls noch zweite Wahl.

Und obwohl ich ein Stubenhocker war (heute heißen die Nerds), leuchtete mir dieser Wille der Zeitgenossen zur Unmittelbarkeit durchaus ein. Bis heute bewundere ich Kollegen wie Matthias Politycki, die auf eigene Faust zu den Orten ihres Interesses gereist sind, egal welche Mühen das machte. Und als ich, meinem schönen Beruf sei Dank, im Alter von einpaarunddreißig selbst erstmals weit weg war von zu Hause, empfand ich tatsächlich dieses unvergleichliche Gefühl: das Gefühl der Anwesenheit und der Einmaligkeit des Moments. Man nennt es auch Aura.

Doch seit meiner ersten Fernreise Mitte der 1990er Jahre hat sich vieles verändert. Mit atemberaubender Geschwindigkeit werden das Wissen über die Welt und werden insbesondere ihre „Ansichten“ digitalisiert und mir übers Internet kostengünstig zur Verfügung gestellt. Von jeder Sehenswürdigkeit finde ich Tausende Fotos, von jedem Hinterhof zumindest ein Satellitenbild. Bald soll es mir möglich sein, digital durch alle Städte der Welt zu flanieren. Man lässt mich sogar in unzählige Wohn- und Schlafzimmer schauen, Menschen reden von ihren Problemen oder zeigen mir, wie sie vom Fahrrad fallen.

Auch die Museen muss ich nicht mehr selbst besuchen, nicht einmal einen Bildband aus der Bibliothek ausleihen. Ein paar Stichworte in der Suchmaschine genügen, und das Gewünschte erscheint, vielleicht nicht immer hochaufgelöst, dafür aber zum Ranzoomen und Abspeichern. Und überhaupt: Bibliothek! Wenn die Pläne zur Digitalisierung des Welttextbestandes umgesetzt werden, dann wird mich in absehbarer Zeit nur noch ein Klick von (beinahe) allem Gedruckten trennen.

Und muss ich das nicht begrüßen: diese ungeheure Erweiterung meines Horizontes? Gerade ich, der ich doch als Schriftsteller aus den Bestandteilen der existierenden Welt neue Welten konstruiere, indem ich sie durch Worte miteinander ins Benehmen setze! Gerade ich sollte entzückt darüber sein, dass das Netz in Sekundenschnelle und fast umsonst Recherchen für mich leistet, die noch vor wenigen Jahren viel Zeit und Geld gekostet hätten, ja vielleicht völlig unmöglich gewesen wären.

Tatsächlich mache ich auch wahrlich viel Gebrauch von all den Bildern und Texten und Clips – und ich bin auch oft entzückt. Aber in jedes Entzücken mischen sich Schrecken und Sorge. Mir scheint, die ungeheure Quantität der zur Verfügung stehenden Informationen hat eine neue Qualität erschaffen. Oder anders gesagt: Das universelle Informationsangebot ist immer drauf und dran, in einen sanften Informations-Konsumterror umzuschlagen. Ich fühle mich wie der zaghafte Kunde vor der universellen Infotheke. Und wenn es wieder heißt: „Darf es vielleicht noch ein bisschen mehr sein?“, dann sage ich nicht sehr bestimmt „Nein, danke!“, sondern nicke, beziehungsweise klicke nur stumm; und schön öffnet sich der nächste Link.

Mittlerweile beneide ich (so es sie noch gibt) die Menschen, die das Informationsangebot des Internets genau und nur so zu nutzen wissen, wie ich früher etwa Bibliotheken nutzte: nämlich ausschließlich punktuell, auf der Suche nach exakt der Antwort auf exakt die Frage, die während der Arbeit und nur aus ihr aufgetaucht war. Das alte Verhältnis von Wissenwollen und Erfahren sehe ich heute zerstört. Durch die schiere Präsenz des WWW bin ich stets mit Milliarden von Antworten konfrontiert, vor denen sich meine paar Fragen geradezu jämmerlich ausmachen. Mein Wissensdurst kann noch so groß sein, gemessen am Wissensangebot des Netzes muss ich mir immer wie ein bornierter Ignorant vorkommen.

Und ich fürchte manchmal, dass dergestalt auch im Arbeitszimmer des Schriftstellers eine Diktatur des Hausknechts droht. Der PC mit Netzanschluss ist dabei, das Verhältnis von Frage und Antwort, von Text-Idee und Text-Recherche umzukehren. Das Mittel wird zum Zweck. Indem das Netz ständig vorführt, dass es viel mehr weiß, als ich zu fragen wüsste, drängt es sich zwischen mich und die Welt. Bis es schließlich behauptet, gar kein Hilfsmittel zur Erkundung der Welt, sondern die Welt selbst zu sein.

Und wer bin ich, dem Netz gegenüber? Zumal als Autor? Ein autonomes Individuum, das auf der Basis seiner Erfahrungen sich und anderen die Welt denkt? Oder bloß noch ein überforderter Abonnent und Konsument von Daten?

Übertreibe ich jetzt? Nein. Die schlimmsten Diktatoren sind die, die sich als Dienstleister tarnen, wenn nicht gar als die Erfüller uralter Menschheitswünsche. „Was hast du denn bloß, du alter Nörgler?“, sagt das Netz. „Vor über 250 Jahren träumten die Aufklärer die Enzyklopädie, eine Sammlung des Weltwissens für alle. Jetzt ist ihr Traum erfüllt. Knowledge is power! 9,90 Euro für eine Datenflatrate, und der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit ist endgültig geleistet. Basta!“

Und ich kann wieder nur nicken. Dabei sitze ich heute, da vor mir ein paar Tausend Enzyklopädien sprungbereit auf dem Schreibtisch hocken, zusammengedrückt unter der Last ihrer Angebote. Ich weiß mehr als je zuvor. Doch vor allem weiß ich heute, weil ich es täglich erfahre, wie ungeheuer groß die Menge dessen ist, was ich niemals wissen werde. Und ich ahne, mit welcher Macht sich das Informationsangebot des Netzes vor die altmodischen, analogen Ziele meiner Wissbegier drängt.

Was also tun? Wer sich neuen Techniken verschließt, mag die besten Gründe haben, aber er muss in Kauf nehmen, als weltfremd oder gar als spinnert zu gelten. Einer zu werden, auf den man nicht mehr hört. Ich kann auch keine spezielle amische Gemeinde gründen, die den Glaubensschnitt genau zwischen PC und Internet ansetzt.

Vielmehr habe ich die Aufgabe, als Autor alles dafür zu tun, dass weiterhin das Authentische als das Humane erscheint. Zu abstrakt formuliert? Ich werde gerne konkreter.

Literarische Texte kann man platzsparend digitalisieren und schnell verbreiten. Sie scheinen keinen Widerstand zu leisten und im digitalen Kosmos aufzugehen. Aber das täuscht! Echte Literatur ist immer mit sich selbst identisch. Sie ist das Authentische schlechthin, denn sie ist im Modus unseres Denkens verfasst: in Sprache. Zudem ist sie als radikal individueller Ausdruck gerade das, was nicht im allgemeinen Informationskontext aufgeht.

Einen literarischen Text zu lesen heißt immer: etwas hochgradig Individuelles ohne Aufbereitung durch Medien und Transmitter wahrnehmen zu können. Die Erde verändert sich zu Datenpaketen, wenn sie zu Google Earth wird. Aber die Authentizität literarischer Texte geht in ihrer Vermittlung niemals verloren, egal ob diese Vermittlung durch ein mit bleiernen Lettern gesetztes Buch oder durch ein E-Book geleistet wird.

Die nächsten Jahrzehnte werden zeigen, was aus der Literatur wird, die ich meine. Ich sehe Tendenzen – durch das Netz befördert! – , Literatur zu einer Dienstleistung im Kontext der digitalen Massenunterhaltung zu machen. Dagegen wünschte ich sehr, sie bliebe der Aufbewahrungs- und der Versuchsraum für das dem Menschen Eigenste und Authentischste: für die Sprache als individuellen und schöpferischen Ausdruck. Bleibt uns dies erhalten, dann bleibt uns auch ein Maßstab, an dem wir die Leistungen des Netzes messen können.

Burkhard Spinnen, geboren 1956, lebt als Schriftsteller in Münster. Im Salzburger Residenz Verlag erschien von ihm zuletzt der Erfahrungsbericht „Auswärtslesen – Mit Literatur in die Schule“.

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