Intervention auf der Museumsinsel : Touristen aus Dahlem

„Neue Nachbarn“: Objekte aus dem Museum für Asiatische Kunst und dem Ethnologischen Museum kommen auf die Museumsinsel – als Vorboten des Humboldt Forums.

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Hallo, Nachbarn! Bei Caspar David Friedrich in der alten Nationalgalerie hat sich ein Japaner eingefunden.
Hallo, Nachbarn! Bei Caspar David Friedrich in der alten Nationalgalerie hat sich ein Japaner eingefunden.Foto: David von Becker / SMB

Etwas gerät in Bewegung. Aber es geschieht so langsam, so vorsichtig, so leise, dass man es kaum bemerkt. Es dreht sich um das Humboldt Forum und die Staatlichen Museen Berlin. Die beiden Komplexe gehören zusammen, sind aber nicht ein und dasselbe Ding. Während die Schlossfassade Fortschritte macht – was historisch und architektonisch streng genommen Rückwärtsschritte sind –, schlägt sich das Humboldt Forum mit der Frage herum, ob ein Kreuz das geeignete Symbol für ein Haus der Weltkulturen sein kann.

Im Alten Museum gegenüber stellt sich die Glaubensfrage nicht. Oder sie stellt sich anders. Dort wird der Besucher in der Rotunde von der griechisch-römischen Götterwelt empfangen. Neuerdings grüßt im Schinkel-Bau auch der Hindugott Vishnu. Majestätisch steht die Granitskulptur aus dem 8./9. Jahrhundert im Mittelkreis. An die Peripherie sind jetzt Poseidon und Co. im Pantheon gerückt.

Der indische Kollege stammt aus dem Museum für Asiatische Kunst, früher Dahlem. Vishnu gehört zu der Präsentation „Neue Nachbarn. Auf dem Weg zum Humboldt Forum“. Die Idee liegt nicht fern: Hier treffen sich Welten und Kulturkreise, hier tauschen sich Sammlungen aus, deren Häuser einmal die große Berliner Museumsstrecke bilden sollen – vom Bode-Museum zum Humboldt Forum.

Das Verschwinden der Hierarchien in den Museen wäre ein lohnendes Ziel

Kuratoren schwärmen an dieser Stelle mit Augenaufschlag vom „Dialog“. Aber natürlich sprechen die Objekte nicht so miteinander. Vishnu zeigt den mediterranen Olympiern die kalte Schulter, die – man mag es sich so einbilden – neugierig bis herausfordernd auf den Fremden blicken, der in seinem Habitus so fremd nicht ist. Es geht in der Gegenüberstellung eher um das Verstummen althergebrachter Begriffe wie Antike, Abendland, Orient, ein lohnendes Ziel wäre das Verschwinden der Hierarchien in unseren Museen. Dort ist die schöne alte Welt im Prinzip immer noch in der kolonialen Tradition aufgeteilt.

Alexander von Humboldt hat bereits vor mehr als 200 Jahren erkannt, dass mesoamerikanische und ägyptische Monumente auf die gleiche Art und Weise betrachtet werden können, wenn man die klimatischen, geografischen und politisch-historischen Differenzen einbezieht. Humboldt hat nie ein Museum eingerichtet, er wollte kein öffentliches Amt. Die Frage ist, ob die preußische Monarchie, die Berliner Gesellschaft um 1830 bereit gewesen wäre für ein, nun ja, Humboldt Forum. Ist es Berlin heute?

Das sind sie also, die Vorboten. Die ersten Dahlemer zeigen sich in Mitte. Im Neuen Museum, bei den Ägyptern, kommen sich zwei Artefakte etwas näher, trotz des Altersunterschieds von 3300 Jahren. Da steht ein Pharao, und vor ihm liegt eine aztekische Adlerschlange, ein mythisches Wesen. Schlangen sind auch in der ägyptischen Bilderwelt zu Hause. Sollten sich bei diesem Paar die Gegensätze anziehen, dann wäre das auf der einen Seite die strenge Stilisierung des Herrschers vom Nil und auf der anderen die starke Körperlichkeit des heiligen Tiers, das Schwebende und das Schwere. Bei beiden Kulturen spricht man von Hieroglyphen. Humboldt hat sich in seinen „Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas“ mit Codices der Azteken beschäftigt.

Wie entfernte Verwandte wirken die asiatischen Stücke

Das gab es also alles schon. Man müsste sich zum Beispiel nur eingehender mit der Gandhara-Kultur befassen, wie in der Ausstellung 2009 im Gropius-Bau. Buddhistische Skulpturen mit griechischen Zügen waren da versammelt. So weit waren die Truppen Alexanders des Großen nach Osten gekommen, bis ins heutige Afghanistan und Indien. Globalisierung gehört zu den Grundbedingungen des Planeten. Die Tatsache des Kulturaustauschs und Handels hat oft doch nicht so viel Überraschendes.

In der Alten Nationalgalerie steht bei den Gemälden Caspar David Friedrichs, beim Mönch am Meeresufer und beim Watzmann im Gebirge, plötzlich ein japanischer Stellschirm. Landschaftsmalerei von Matsumura Goshun, der zu Zeiten Friedrichs lebte. Dieser „Neue Nachbar“ mag erst einmal befremden. Aber Friedrichs Romantik hat schon lange begeisterte Adepten in Japan. Seine Sehnsucht nach Harmonie in (idealisierter) Natur spricht Japaner an. Und die europäische Moderne, van Gogh zumal, stürzte sich auf die Japonaiserie. Insgesamt 25 Objekte aus dem Museum für Asiatische Kunst und dem Ethnologischen Museum haben den Weg auf die Museumsinsel gefunden. Sie haben sich dort versteckt. Man muss sie suchen. Weil sie klein sind oder sich eben bestens einpassen in die neue Umgebung. Was ja irgendwie auch für das Konzept spricht.

Ein indischer Gott thront in der Rotunde des Alten Museums.
Ein indischer Gott thront in der Rotunde des Alten Museums.Foto: David von Becker / SMB

Warum kommen sie so schüchtern daher? Und warum in so geringer Zahl? Dem Riesenprojekt Humboldt Forum, belastet mit Streit über Symbole und Innen-außen-Verhältnisse, hätte ein starker Auftritt geholfen. Mehr Inhalt, weniger Absichtserklärung. Neue Nachbarn? Wie entfernte Verwandte wirken die asiatischen Stücke, wie Berlin-Besucher, die sich hier umsehen, ohne auffallen zu wollen.

Das Humboldt Forum gleicht einem organisatorischen Pantheon und vielleicht auch Pandämonium. Man ahnt, wie schwerfällig die Mühlen mahlen bei den Staatlichen Museen, wenn nun der große Umzug ansteht. Hier sind es erst einmal nur zwei Dutzend Objekte – von hunderttausenden. Der Spähtrupp der Vorhut.

Anfang Juli kommt die „China und Ägypten“-Ausstellung

Etwas ist tatsächlich in Bewegung gekommen, doch es erfordert offensichtlich sehr viel mehr Geduld als erwartet. Als diese Stadt normalerweise aufzubringen bereit ist. Es tut nicht gut, wenn das Humboldt Forum mit Zaghaftigkeit und Hinhalten verbunden wird. Wenn das, was sichtbar wächst, nur die Fassade ist.

Dieser Eindruck könnte sich bald ändern. Anfang Juli eröffnet im Neuen Museum die Ausstellung „China und Ägypten. Wiegen der Welt“, in Kooperation mit dem Shanghai Museum. Und Ende Oktober trifft unter dem Motto „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“ ein ganzer Schwung von west- und zentralafrikanischen Skulpturen auf byzantinisch-europäische christliche Kunst. Man sieht sich.

„Neue Nachbarn“ auf der Museumsinsel, bis 24. September.

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