Interview : "Annapolis war ein Witz"

Catherine David über Menschen im Nahost, den Trend zur Dokumentar-Kunst – und ihre Berliner "Di/Visions"-Reihe im Haus der Kulturen der Welt.

David
Künstler sind nicht die besseren Politiker. Kuratorin Catherine David in Berlin. -Foto: Wolff

Madame David, Sie versammeln Künstler und Intellektuelle aus dem Nahen Osten im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Nach der Nahost-Konferenz von Annapolis kann man den Eindruck bekommen, dass Künstler etwas leisten sollen, wozu Politiker nicht imstande sind. Ist das nicht eine übertriebene Erwartung?

Bei uns richtet sich der Fokus auf Kultur und wie sie mit der Politik interagiert. Wir brauchen Visionen, deshalb ist der Zeitpunkt für das Festival im Haus der Kulturen gut gewählt. Ich war nie so naiv zu glauben, dass die Künstler bessere Politiker abgeben würden. Ich glaube aber an Artikulation im allgemeinen kulturellen Sinne, an ein gemeinsames Nachdenken mit Künstlern und Intellektuellen, das neue Perspektiven aufweist. Annapolis war ja ein Witz. Es hätte mich überrascht, wenn es den Palästinensern eine Verbesserung gebracht hätte.

Welche Erwartungen knüpfen Sie denn an das „Di/Visions“-Festival?

Ich bin keine Diplomatin und brauche deshalb keine Erwartungen zu formulieren: Ich habe nichts zu verkaufen. Ich erhoffe mir, dass die Menschen präzisere Informationen bekommen, dass sie die dortigen Probleme besser einordnen können. Es ist wichtig, die Komplexität der Dinge zu kennen, sich darauf einzulassen. Dadurch werden sie weniger beängstigend, sondern wirken eher produktiv. Wir sollten aufhören, in simpler Binarität zu denken, in den Gegensätzen von Westen und Orient, von Demokratie und Chaos.

Sie haben schon einige solcher Nahost-Konferenzen initiiert. Das Thema hat offensichtlich Konjunktur?

Hier stehen jetzt Filmemacher im Mittelpunkt, welche die Situation vor Ort dokumentieren. In den letzten zehn Jahren hat sich die dokumentarische Form in der gesamten Region enorm ausgebreitet, nicht nur aufgrund neuer und billigerer Technologie. Die Menschen suchen Wege, ihre unerträgliche Situation festzuhalten.

Den Trend zur Dokumentation sieht man auch im Kulturbetrieb des Westens. Ist das nicht eine globale Entwicklung?

Das stimmt, aber aus unterschiedlichen Gründen. Im Nahen Osten gab es bislang unter den autoritären Regimes eine Tradition der Selbstkontrolle. Bisher wollten die Menschen oftmals selbst in familiären Situationen keine Bilder von sich machen lassen, um sich vor Missbrauch zu schützen. Jetzt gewinnt der Dokumentarismus besonders unter den Jüngeren an Bedeutung, weil die Lage so unerträglich geworden ist. Die Realität ist so mächtig, es braucht keine Fiktion. Mit ihren dokumentarischen Bildern erlangen sie die Hoheit über ihre eigene Geschichte zurück.

Die immer leichter bedienbare Technik macht es einem libanesischen Künstler wie Walid Raad möglich, mit einer Art Guerilla-Taktik, mit einem Laptop eine Performance auf die Beine zu stellen.

Diese Region produziert starke Bilder. Ich erinnere mich an einen jungen Mann im Irak er war vielleicht 17 Jahre alt, er trug eine modische Weste über dem traditionellen Gewand. Mit seinem Mobiltelefon filmte er eine lange Reihe durch US-Soldaten getöteter Menschen ab. Solche Eindrücke werden auch in der Kunst aus diesen Ländern verarbeitet. Künstler und Intellektuelle dieser Region wirken deshalb manchmal besonders scharf. Gerade die jungen Menschen wollen nicht länger nur Kanonenfutter sein. Sie wollen wieder als menschliche Wesen anerkannt werden. Dabei spielen die neuen Medien eine wichtige Rolle.

Welche Trennungen sind mit dem Titel „Di/Visions“ gemeint?

Gemeint sind soziale, ökonomische, konfessionelle Teilungen – und ihre Instrumentalisierung. Die Menschen leben zunehmend in abgeriegelten Territorien. Es gibt eine wieder erstarkende Tendenz, Menschen in Klassen, Communitys auseinanderzudividieren. Sie zeigen sich nicht nur in konkreten Mauern, wie sie in Israel, Bagdad und anderen Städten des Irak sichtbar sind. Es gibt in Kairo und Amman eine strategische Stadtplanung , um die Menschen besser zu kontrollieren. Natürlich kennt man so etwas auch in Brasilien, Argentinien, in den USA. Das zeigt, dass die Probleme im Nahen Osten nicht auf dem Mond stattfinden. Man könnte die dortige Situation auch als ein Laboratorium ansehen.

Haben Sie je daran gedacht, eine solche Konferenz wie jetzt in Berlin auch in der dortigen Region zu organisieren?

Es gibt dort mehr Thinktanks als gemeinhin angenommen. Erstaunlicherweise begegnen die Regimes den dort arbeitenden Intellektuellen durchaus mit einer gewissen Toleranz. Die Sache ist viel komplexer, als sie sich von außen darstellt. Zum Beispiel gibt es in Kairo das „Al Ahram Zentrum für politische und strategische Studien“, das sehr liberal ist. Die Intellektuellen dort dürfen über alles arbeiten, jedoch nur publizieren, was mit den Ansichten des Staates übereinstimmt.

Jedenfalls lässt sich öffentliches Leben in arabischen Ländern nicht mit westlichen Demokratien vergleichen.

Die Menschen in diesen Ländern sind in ihrem Alltag oft ungeheuer mutig. Und wir müssen, wenn wir solche Festivals und Konferenzen organisieren, darauf achten, dass wir diese Menschen nicht in Schwierigkeiten bringen, ihre Situation nicht verschlechtern.

Sie reden so, als könnten wir von den Menschen der arabischen Welt lernen?

Selbstverständlich. Es ist eindrucksvoll, wie großzügig, lebensmutig, erfindungsreich sie trotz aller Probleme sind. Man sollte nicht von einer geschlossenen Region sprechen, denn die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern im arabischen Raum sind manchmal größer als etwa zwischen Frankreich und Polen.

Ist es koloniale Gewohnheit, pauschal vom Nahen oder Mittleren Osten zu sprechen, ähnlich wie früher vom Ostblock?

Der amerikanische Wissenschaftler Peter Gran meinte einmal, dass die orientalistischen Stereotypen nur dann überwunden werden, wenn man Hegel vergisst: Für ihn gab es ja nur eine Moderne, nämlich die westliche. Wir können noch so sehr versuchen, präzise zu sein, wir geraten immer wieder in die Falle der kolonialen Terminologie. Wenn man akzeptiert, dass die arabische Kultur ein zivilisatorisches Phänomen ist ohne rassische und religiöse Implikationen, dann sind die Dinge plötzlich sehr klar. Der Islam wird zu häufig von vornherein mit den Arabern verknüpft. Viele Araber sind aber gänzlich unreligiös – und viele etwa so religiös wie ich, die ich noch Weihnachten feiere wie sie Ramadan. Aber wer spräche von mir als französischer Christin?

Also können Trennungen, „Divisions“, auch hilfreich sein?

Differenzierungen, Komplexitäten sind manchmal gut, solange sie nicht das Leben der Menschen unmöglich machen.

Das Gespräch führten Nicola Kuhn und Rüdiger Schaper. Mit Catherine David, geb. 1954 in Paris, kam vor zehn Jahren der politische Diskurs in die Documenta. Damals viel kritisiert, hat sich Davids Ansichten längst durchgesetzt. 2006 organisierte sie für das Hebbel am Ufer die Middle East News. Jetzt ist sie wieder in Berlin und hat im Haus der Kulturen der Welt das Programm Di/Visions. Kultur und Politik im Nahen Osten (7. 12. 07 bis 13. Januar 2008) kuratiert. Eröffnung ist am Freitag im HKW mit einem Vortrag von Sami Zubaida (London) Klasse, Religion und Ethnizität, mit Lesungen von Tami Al-Barghouti (Palästina) und Sinan Antoon (Bagdad/New York) und einem Oud-Konzert mit Tarek Abdallah (Kairo/Marseille). Am Wochenende laufen Dokumentarfilme über Ägypten, Syrien und Irak (www.hkw.de).

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