Interview : Asien liegt um die Ecke

Der Chef des Archäologischen Instituts Hermann Parzinger über die Kunst der Barbaren.

Herr Parzinger, Sie präsentieren in Berlin erstmals spektakuläre Funde aus der Zeit zwischen dem 8. und 3. Jahrhundert vor Christus aus Sibirien. Ändert sich dadurch unser Antikenbild?

Es ist nicht so, dass die Skythen völlig unbekannt waren – es gab schon in den achtziger und neunziger Jahren Ausstellungen in Deutschland. Aber dort wurde nur der westliche Teil der skythischen Welt gezeigt, mit Funden aus der Ukraine und Südrussland. Wir zeigen zum ersten Mal die eurasische Dimension des Phänomens, das in Innerasien entsteht und sich dann in Etappen nach Westen ausbreitet, bis an den Ostalpenrand und in die Lausitz. Es ist das erste Mal, dass Asien und Europa für uns fassbar durch ein kulturelles Phänomen verbunden werden.

Europa hat sich immer auf die klassische Antike, auf Griechenland und Rom bezogen. Ändert sich unser Europaverständnis?

Das Bewusstsein der Kulturen, die für uns wichtig sind, ändert sich nicht, aber es erweitert sich. Der eurasische Steppenraum gehört einfach dazu. Hier offenbart sich eine historische Tradition, die seit dem Zerfall des Eisernen Vorhangs wieder neue Aktualität erhält, weil der eurasische Raum politisch, wirtschaftlich und kulturell zusammenwächst.

Lässt sich angesichts der prunkvollen Funde die Gegenüberstellung antiker Kulturvölker und Barbaren aufrechterhalten?

Für die Griechen waren alle Nicht-Griechen Barbaren. Die Skythen besaßen keine Hochkultur mit städtischem Leben, Schrift, Münzprägung oder Selbstverwaltung, wie dies in China, Mesopotamien oder Ägypten der Fall war. Es handelt sich um eine archaisch strukturierte Gesellschaft, die aber sehr differenziert war: Es existierte eine Führungsschicht, die an der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide stand. Meisterwerke der Goldschmiedekunst, wie wir sie in Tuva gefunden haben, wären ohne spezialisiertes Handwerk, also Arbeitsteilung, gar nicht möglich gewesen wären.

Die deutsche Eurasien-Forschung ist noch relativ jung. Seit wann beschäftigen Sie sich persönlich mit dem Thema?

1995 wurde die Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts gegründet, ich war ihr Gründungsdirektor. Nach den politischen Veränderungen in Europa kamen russische und ukrainische Kollegen nach Berlin und forderten uns auf, mit ihnen in der ehemaligen Sowjetunion Projekte durchzuführen. Der eurasische Steppenraum ist historisch betrachtet ungeheuer reich und reizvoll. Und Südsibirien hat deutsche Forscher schon immer fasziniert, diese Tradition geht bis ins frühe 18. Jahrhundert zurück.

Sehen Sie eine Umgewichtung innerhalb der deutschen Archäologie, vergleichbar dem Goethe-Institut, das sich ebenfalls mehr nach Asien und Osteuropa orientiert?

Ich würde nicht von einer Umorientierung, aber von einer beträchtlichen Ausweitung sprechen. Dabei gibt es erheblichen Nachholbedarf. China zum Beispiel ist noch nicht ausreichend auf unserem Radarschirm – was auch mit der Sprache zusammenhängt. Die chinesische Forschung ist technisch auf sehr hohem Niveau. Es wäre großartig, wenn man eine Abteilung des Instituts in Peking gründen könnte. Im Zeitalter der Globalisierung muss auch die Kulturwissenschaft einsehen, dass unsere Welt inzwischen größer ist als Europa plus Naher Osten.

Die Archäologie wird gern als Instrument der auswärtigen Kulturpolitik bezeichnet. Sehen Sie sich als Kulturbotschafter?

Wenn auswärtige Kulturpolitik Vertrauen schafft, Zusammenarbeit ermöglicht und Verständnis fördert, ist das eine gute Sache, in deren Dienst wir uns gerne stellen. Das beginnt mit dem Erlernen von Sprachen: Russische Wissenschaftler lernen auf meinen Projekten Reutsch, meine Studenten lernen Russisch. Gerade im Vorderen Orient, in Saudi-Arabien oder Jemen, hat die Archäologie auch entwicklungs- und wirtschaftspolitische Bedeutung. Es entstehen Infrastrukturen, Arbeitsplätze, Ausbildungsangebote und Tourismus, das kann im Idealfall bis zur Befriedung einzelner Regionen gehen.

Archäologie ist in den letzten Jahren überraschend populär geworden. Was macht sie so attraktiv?

Es ist für alle Wissenschaften wichtig, ihre Erkenntnisse in der Öffentlichkeit publik zu machen – das gilt für die Naturwissenschaften genauso wie für uns. Die Archäologie hat natürlich den großen Vorteil, dass sie fotogene Forschungsgegenstände vorweisen kann. Zudem graben wir in faszinierenden Landschaften, die den Rahmen für die historischen Entwicklungen vorgeben. Mittlerweile operieren wir mit unseren Untersuchungsmethoden dabei an der Schwelle zwischen Geistes- und Naturwissenschaften.

Auch was die Präsentation angeht, hat sich viel getan, man denke nur an die Unterwasserfunde aus Alexandria, die in Berlin spektakulär inszeniert wurden. Geht es Ihnen mehr um das herausragende Einzelstück als Kunstwerk oder um den Lebenszusammenhang der damaligen Kultur?

Wenn ich das Gemälde eines bedeutenden Künstlers an die Wand hänge, spricht es für sich. Ein Topf oder ein Steinbeil dagegen sagt für sich genommen nicht viel. Archäologische Objekte müssen grundsätzlich stärker kontextualisiert werden. Sie müssen so eingebunden werden, dass sie eine Geschichte erzählen. Es geht auch darum, die Individualität des Menschen der Vergangenheit hervortreten zu lassen, damit sich der heutige Mensch darin wiederfindet und spüren kann, dass Menschen damals letztlich ähnlich gedacht und gelebt haben wie heute.

Werden Sie solche Überlegungen künftig auch als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz umsetzten?

Ich würde mich freuen, wenn auch in Zukunft große archäologische Ausstellungen stattfinden könnten. Als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz werde ich mich jedoch bemühen, sämtliche Bereiche gleichermaßen zu fördern. Fragen der Kontextualisierung und Präsentation von Einzelobjekten werden auch bei der Gestaltung des HumboldtForums eine wichtige Rolle spielen. Die Diskussion darüber ist längst entbrannt.

Das Gespräch führten Christina Tilmann und Michael Zajonz.

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