Interview : Aufstand der Ahnungslosen

Der ungarische Schriftsteller György Konrad über die Unruhen in Budapest und die gefährdete Demokratie in seiner Heimat.

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Jahre später ist es noch lange nicht vorbei. Demo gegen Ungarns Premierminister Viktor Orban am 30. März 2013 in Budapest. Am 1. April wurde zum vierten Mal die Verfassung geändert, wurden Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt.
Jahre später ist es noch lange nicht vorbei. Demo gegen Ungarns Premierminister Viktor Orban am 30. März 2013 in Budapest. Am 1....Foto: AFP

Herr Konrad, worin sehen Sie die Ursachen für die Ausschreitungen in Budapest?

Die Selbstkritik des Premiers Ferenc Gyurcsany, der sich der „Wahlkampflüge“ bezichtigte, war nur der Anlass. Sie wurde instrumentalisiert. Ich halte Gyurcsany für einen scharfsinnigen, verantwortlichen Politiker, der Reformen durchführen will, die für mehr Staatsferne sorgen – und dafür, dass der Bürger selbst mehr Verantwortung übernimmt. Der Hauptgrund für die Unruhen liegt darin, dass es in Ungarn keine gemäßigte Rechte gibt, keine Konservativen wie die CDU in Deutschland, die Chirac-Leute in Frankreich oder die Tories in Großbritannien. Das hat Tradition in Ungarn. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war die Rechte hier so schwach, dass sie sich von den Rechtsextremen vereinnahmen ließ. Viele Konservative mögen die Skinheads gar nicht und verstehen sich als normale bürgerliche Partei. Dennoch existiert bis heute eine latente Allianz zwischen Rechten und Rechtsradikalen.

Welche Folgen hat das für die Demokratie in Ungarn?

Die Prinzipien einer demokratischen Wahl sind immer noch nicht vollständig akzeptiert. Nach einer Wahl finden sich die Verlierer oft nicht mit ihrer Niederlage ab und glauben, sie könnten die gewählte Regierung irgendwie wieder stürzen. Dabei wird gerne eine revolutionäre Rhetorik benutzt: So greifen die jetzigen Randalierer auf das Vokabular der Revolution von 1956 zurück. Viele junge Leute haben wegen des 50. Jahrestags am 27. Oktober vom Ungarn-Aufstand gehört und nehmen das auf, ohne zu wissen, wovon sie eigentlich reden.

Das heißt, auch das Jubiläum wird instrumentalisiert?

Natürlich. Damals gab es einen starken, vernünftigen Zusammenschluss zwischen jungen Intellektuellen, Studenten, Schriftstellern und der Wirtschaft. Es gab eine Reformbewegung aus der Mitte der Gesellschaft, man wollte sich vom Terror des Stalinismus und seiner Schauprozesse, von der kommunistischen Diktatur befreien und strebte ein Mehrparteiensystem sowie Meinungs- und Pressefreiheit an. 1956 stellte man demokratische Grundforderungen. Davon kann jetzt nicht die Rede sein. Ich war heute früh vor dem Parlament: In den Parolen heißt es, das Parlament möge sich auflösen, man wünscht sich Ungarn in den Grenzen von vor dem Ersten Weltkrieg, und an einem Zelt flatterte die Hakenkreuzfahne.

Erschreckt es Sie, wenn Sie das sehen?

Nein, wir Ungarn sind so etwas gewöhnt. Das Problem ist, dass diese Leute von einer Partei unterstützt werden, die im Parlament sitzt. Der Oppositionsführer Viktor Orbán handelt verantwortungslos, wenn er Gyurcsanys parteiinternen Satz von der „Wahllüge“ veröffentlicht – und dann auch noch aus dem Zusammenhang reißt. Orbán ist selbst so gierig, die Macht von den Sozialisten zurückzuerlangen, dass er die latente Allianz mit den Rechtsextremen in Kauf nimmt.

Warum hat es die Demokratie in Ungarn so schwer?

Es ist nicht leicht, eine Demokratie nach vielen Jahrzehnten der Nicht-Demokratie zu etablieren. Die Kaczynski-Zwillinge in Polen sind nicht gerade vorbildliche Demokraten. Oder unsere Nachbarn in der Slowakei: Dort hat eine populistisch-demagogische Regierung die vorherige abgelöst. Überall in Osteuropa gibt es nationalistische Töne, nicht bloß in den Fußballstadien, wo man den Gegner gerne beschimpft und singt, es komme ein Zug, der ihn nach Auschwitz bringt.

Und in Mecklenburg-Vorpommern kommt die NPD in den Landtag.

Aber sie wird von keiner etablierten deutschen Partei unterstützt. In Ungarn hingegen spielt man mit dem Feuer. Der Stalinismus war ja ein Bürgerkrieg, ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Deshalb gab es lange eine riesige Distanz zwischen Regime und Gesellschaft. Die demokratische Opposition, der ich angehörte und die sich heute in der liberalen Partei findet, war eine Minderheit, die in den Wahlkämpfen nie populistisch vorging. Alle anderen machen unmögliche Wahlversprechen.

Ein Beispiel?

Der Staat ist hoch verschuldet, da er in den letzten Jahren eine 40-prozentige Erhöhung des Lebensstandards nicht nur versprochen, sondern ermöglicht hat. Das kann kein Haushalt verkraften. Wieder wurde die Sprachregelung des Kommunismus angewandt: Der Staat gibt. Die Löhne wurden erhöht, auch die Renten. Jetzt sollen drei Prozent davon zurückgenommen werden, das ist nicht tragisch. Aber statt ihrerseits Stabilisierungsvorschläge zu machen, stellt die Opposition immer neue Forderungen auf. Wie sollen junge Menschen die Lage überhaupt verstehen? Deshalb mischen sich auf der Straße jetzt Ignoranz und Aggressivität.

Rührt der Rückgriff auf nationalistische Parolen auch daher, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit in Ungarn noch in den Anfängen steckt?

Möglicherweise ja. Man identifiziert sich hier kaum mit den Opfern des Zweiten Weltkriegs, als hier eine halbe Million Juden und eine halbe Million ungarischer Christen ermordet wurden. Die Skinheads identifizieren sich lieber mit den ungarischen SS-Leuten. Es ist nur eine Minderheit mit schlechter Schulbildung, aber sie kann sehr laut werden.

Was muss geschehen, damit es mit der Demokratie in Ungarn vorangeht?

In der ersten Nacht der Unruhen stand die Polizei noch hilflos da und wurde schlicht überrannt. Wie früher in Kreuzberg am 1. Mai. Gestern hatte die Polizei sich schon besser vorbereitet, auch wenn die Wasserwerfer eher antik sind. Es sah ziemlich lustig aus, aber immerhin war die Staatsgewalt weniger wehrlos. Die Demokratie hat die Eigenschaft, dass sie erstaunlich regenerationsfähig ist.

Das Gespräch führte Christiane Peitz.

György Konrad lebt als Schriftsteller in Budapest. Zuletzt erschien von ihm „Sonnenfinsternis auf dem Berg“ (Suhrkamp).Von 1997 bis 2003 war er Präsident der Berliner Akademie der Künste.

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