INTERVIEW : „Die Guten laufen nicht mit dem Gebetbuch rum“

Bayern München und die Nationalmannschaft begeistern alle mit ihrem Spiel. Was kaum einer weiß: Da steckt Hermann „Der Tiger“ Gerland dahinter

von und Interview: Kurt Röttgen
Hermann Gerland.
Hermann Gerland.Foto: Gerald von Foris

Herr Gerland, hat sich Bundestrainer Joachim Löw schon bei Ihnen bedankt und ein paar Flaschen badischen Wein geschickt?

Nein, nein, das braucht er nicht. Vielleicht weiß er auch, dass ich keinen Wein mag. Ich trinke lieber ab und zu einen Whisky mit Cola.

Gleich sieben Spieler aus der umjubelten deutschen WM-Mannschaft haben bei Ihnen gelernt: Müller, Badstuber, Kroos, Trochowski, Schweinsteiger, Lahm – und sogar Arne Friedrich, den Sie vor zehn Jahren als Trainer in Bielefeld entdeckten.

Mein Anteil ist nicht so groß, wie Sie denken. Hier haben viele ein Auge für Talente. Da draußen auf unserem Trainingsgelände schlurft immer einer rum und guckt, er arbeitet eigentlich beim Finanzamt, geht bald in Rente. Wer ist das denn?, wollte Louis van Gaal wissen. Ich habe ihm gesagt: Dieser Jugendtrainer hat die meisten unserer Granaten hierhergeholt, als sie Kinder waren, mit zwölf oder dreizehn. Aber keiner kennt ihn.

2010 war doch Ihre Weltmeisterschaft! Sie müssen mit besonderem Vergnügen zugeschaut haben.

Ich habe ja auch extrem gekämpft für diese Jungs! Es kriegt nicht jeder mal einfach so einen Vertrag bei Bayern. Wenn ich hochgehe zu Kalle und Uli …

… zum Vorstandsvorsitzenden Rummenigge und Bayern-Präsidenten Hoeneß …

… und sage, ich hab da einen, den müssen wir halten, der wird ein richtig Guter, dann höre ich erst mal: Was, einen Vertrag?! Der Kalle sagt, der Kerl ist 18, da habe ich ja 70 Länderspiele gebraucht, bis ich so einen Vertrag in der Tasche hatte. Ich sage, Kalle, das war aber vor’m Krieg. Und wenn einer dann seinen Vertrag bekommt und in der Bundesliga vor 70 000 spielt, dann sitze ich da, jeder Muskel verkrampft, starre auf den Rasen und denke nur: Hoffentlich macht der jetzt keinen entscheidenden Fehler. Die Sprüche wie „Hermann, hey, haste deinen Traumtänzer gesehen!“ kenne ich, die muss ich nicht mehr haben.

Ein Talent braucht Spielpraxis …

… und ich brauche einen Trainer, der ihm diese Praxis in der Bundesliga gibt. Wenn ein 18-Jähriger und ein 25-Jähriger gleich stark sind, spielt bei van Gaal der Jüngere. So hat nicht jeder seiner Vorgänger gedacht, da hieß es: Lahm, keine Chance. Da konnte ich sagen, ich hatte noch nie einen Spieler, der mit 17 so gut war wie er. Wenn aus dem kein Großer wird, gehe ich zum Volleyball – es half alles nichts. Ich habe Uli gesagt, wir müssen den an einen guten Verein ausleihen, Lahm in der dritten Liga bei den Amateuren, das ist Perlen vor die Säue. Aber glauben Sie, den wollte im Frühjahr 2003 einer haben? Null Interesse. Bis der Felix Magath beim VfB Stuttgart gesagt hat, den nehme ich.

Was war das Besondere am jungen Lahm?

Der machte alles richtig, schon als Jugendlicher. Nie brachte er durch einen schlampigen Pass einen Mitspieler in Schwierigkeiten. Linker Verteidiger, rechter Verteidiger, vor der Abwehr, Philipp konnte alles spielen. Er war auf den ersten 20 Metern enorm schnell, fand in jeder Situation die richtige Lösung, hatte für seine 1,70 Meter Größe ein sensationelles Kopfballspiel. Wissen Sie, ich esse gerne Bratwurst ...

... Sie meinen Weißwurst?

Nein, Bratwurst, richtig deftige Hausmannskost. Oft bin ich vom Training nach Hause gekommen und habe zu meiner Frau gesagt, Gudrun, dem Philipp Lahm beim Training zuzusehen, ist wie Bratwurst essen. Ein richtiger Genuss.

Seit 20 Jahren bilden Sie nun – mit Unterbrechungen als Trainer von Bundesligaprofis – bei Bayern München junge Spieler aus. Das Fußballgeschäft hat sich seitdem verändert, die Spieler sicher auch.

Heute hören die mehr auf ihre Berater als auf den Trainer. Die Berater sagen ja auch ständig: Du bist der Größte! Oder: Der Gerland hat doch keine Ahnung, wenn er dich kritisiert. Und ich kritisiere immer. Siehst du da den schönen Trainingsplatz mit der Rasenheizung, sage ich, da kommst du nur drauf, wenn du besser wirst, wenn du mehr ackerst! Fürs Streicheln sind die Freundinnen zuständig. Vielen jungen Spielern fehlt die Besessenheit.

Wie zeigt sich das?

Kürzlich wurde das Spiel unseres nächsten Gegners in einem Dritten Programm gezeigt. Und wer hat sich hingehockt und Fernsehen geschaut? Nur der Gerland. Wir haben bei Bayern II mehr als 20 Spieler im Kader – und keiner sieht sich das an! Was haben die denn für ein Interesse an ihrem Beruf? Ich verstehe das nicht.

Woran scheitern viele große Talente?

Der eine hat dauernd gesundheitliche Probleme, ein anderer ist zu sensibel. Um sich bei Bayern durchzusetzen, braucht es eine robuste Psyche. Selbst der Beste macht mal einen Fehler und wird kritisiert, aber er darf nicht daran zerbrechen. Fragen Sie mal Profis wie Mario Gomez oder Miro Klose, welchen Druck die in der vorigen Saison hatten. Wer von unseren Talenten Druck nicht aushält, muss sein Glück bei einem anderen Klub suchen. Da verdient er immer noch genug Geld.

Ein Star wie Franck Ribery bekommt angeblich sieben Millionen Euro netto im Jahr, aber selbst ein Durchschnittskicker wie Albert Streit kassiert bei Schalke 04 fürs Bankdrücken über zwei Millionen.

Sie müssen gar nicht in die erste Liga schauen. Selbst in der dritten, wo unsere Amateure spielen, bringt einer mehr Geld nach Hause als der Prokurist einer Sparkasse.

Das Rollenmodell für junge Spieler ist David Beckham. Man braucht eine auffällige Frisur, gut sichtbare Tattoos – und ein Model als Freundin.

Die Entwicklung gefällt mir nicht. Noch ein Tattoo und noch ein Ohrring, was soll das? Ich hatte als Spieler ein Paar schwarze Fußballschuhe. Die habe ich gepflegt, und wenn sie auseinanderfielen, wurden sie geklebt. Heute tragen die gelbe, weiße, rote Schuhe – in den Verträgen mit den Herstellern steht drin, welche sie in welchem Wettbewerb anziehen müssen. Früher habe ich gesagt, als einer mit weißen Schuhen ankam: Bist du verrückt geworden?! So spielst du bei mir nicht! Aber ich kann doch nicht mehr den ganzen Tag mit einem dicken Hals rumlaufen.

Sie sind Fußballlehrer, also Pädagoge. Wollen Sie jungen Menschen mehr vermitteln als Doppelpass und Viererkette?

Pünktlichkeit ist mir wichtig. Ich werde wahnsinnig, wenn einer zu spät kommt. Nach dem Spiel kontrolliere ich, ob in der Kabine noch was rumliegt. Abgeschnittene Tapes oder anderer Müll. Das müssen die Jungs wegräumen. Ich erzähle ihnen auch, dass ich schon zwölf Jahre Profi und zehn Jahre Trainer war, bis ich mir einen Porsche geleistet habe – einen gebrauchten. Meine Spieler kommen gerade aus der Jugend und fahren ein Auto für 60 000 Euro. Ich sage ihnen: Gönne ich euch von Herzen, aber bedenkt, dass ihr höchstens 15 Jahre als Fußballer gut verdient, also legt das Geld erst mal zur Seite. Glaubt mir, ich kenne ehemalige Profis, die vom Sozialamt leben.

Wie ist die Reaktion?

Da kommt nichts an, aber ich habe es zumindest versucht.

Sie sind im Bochumer Kohlerevier Weitmar aufgewachsen, Ihr Vater arbeitete unter Tage …

… er starb, als ich neun war und mein Bruder zwei. Mutter ging putzen, um uns durchzubringen.

Sie haben eine Lehre als Bankkaufmann gemacht. Aus Ihnen sollte etwas Besseres werden.

Ich wollte Fußball-Profi werden, sonst nichts. Um sieben Uhr habe ich schon in der Bank gesessen und die Post geöffnet, damit ich früher Feierabend hatte und trainieren konnte.

Die „Zeit“ charakterisierte Sie als Spieler so: „Er stürzt sich mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Kopf in die Zweikämpfe.“ Das klingt nach einem wilden Stier, wie sind Sie bloß zum Spitznamen „Tiger“ gekommen?

Ich habe als Verteidiger Angst und Schrecken verbreitet. Ich war ein Klopper, knallhart, kopfballstark und schnell.

Als „Kampfsau“ hat Sie Ihr einstiger Gegenspieler Jupp Heynckes in Erinnerung ...

... und in zwölf Jahren Bundesliga habe ich nicht eine rote Karte gesehen. Mehmet Scholl, der in der vorigen Saison die jungen Bayern trainiert hat …

… weil Sie ein Jahr lang van Gaals Assistent bei den Profis waren …

... sagte, Tiger, gegen dich hätte ich gerne gespielt. Mehmet, hab ich gesagt, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass irgendeiner gerne gegen mich gespielt hat.

Ihr Ruf hat sich auch als Trainer gehalten. In den Zeitungsarchiven lagern Sie als „harter Hund“, „westfälischer Dickschädel“ oder, immerhin, „Hauptfeldwebel mit Herz“. So autoritäres Gehabe ist eigentlich nicht mehr zeitgemäß.

Von allen Trainern bin ich der Weichste.

Das soll jetzt ein Witz sein.

Nein, wenn es einer meiner Jungs geschafft hat, habe ich Tränen in den Augen. So freue ich mich.

Wir saßen kürzlich bei einem Spiel direkt hinter Ihnen, Ihr andauerndes Gebrülle war furchterregend. Die Spieler wirkten ganz schön verschüchtert.

Wenn ich auf dem Platz bin, bin ich nicht mehr ich selbst, da bin ich auf 180 und drüber. Das ist nicht mehr der normale Gerland. Ich setze mich jedes Mal hin und nehme mir vor, Hermann, du sagst heute kein Wort, jedes Mal mache ich das. Und dann sehe ich, der Verteidiger müsste einrücken, ich sage was, er hört mich nicht, ich schreie laut, es hilft nichts, und dann schreie ich eben so laut ich kann.

Was machen Sie, dass die Spieler trotz Ihres Gepolters nicht resignieren oder sich von Ihnen abwenden? Beim Bankett nach dem Pokalfinale im Mai in Berlin beobachtete der Bochumer Fußballfreund Herbert Grönemeyer ganz gerührt, „mit welcher Zuneigung die jungen Bayern-Spieler an unserem Hermann hängen“.

Sie wissen, dass sie mir vertrauen können. Und sie wissen auch, dass ich streng nach Leistung gehen muss. Ich bilde schließlich künftige Nationalspieler aus. Wer sich bei Bayern durchsetzt, ist immer ein Kandidat für die Nationalmannschaft.

Zunächst mal hat er sich Ihnen zu fügen.

Wer Scheiß baut, kriegt von mir einen verplättet. Doch im Stillen sage ich mir: Hermann, so was hast du früher auch gemacht. Wir wollen Spieler, die listig sind, auch mal den Ellenbogen raushauen oder die Sohle draufhalten. Die Guten laufen nicht mit dem Gebetbuch rum.

Bekommen Sie Dank zurück?

Und ob. Ich gebe Ihnen mal zwei Beispiele. Nach dem Finale in der Champions League kam Bastian Schweinsteiger an und wollte mir seine Medaille schenken. Und warum? Weil er dachte, ich würde als Co-Trainer keine eigene bekommen. Und nachdem Thomas Müller vor ein paar Tagen seinen Vertrag bei Bayern bis 2015 verlängert hatte, sagte er zu mir: „Danke, Tiger.“

Fußball wird immer wissenschaftlicher. Unsere Spieler tragen bei Trainingsläufen einen GPS-Sender …

... bei uns ist inzwischen alles verkabelt. Die Höchstgeschwindigkeit bei Sprints lässt sich da messen, der Pulsmesser zeigt, wie schnell die Spieler regenerieren, wer sich nur zu 90 Prozent belastet hat, und so weiter.

Macht das den Job einfacher?

Es ist eine Hilfestellung. Meine Augen und mein Gefühl können mich täuschen. Aber ich hatte nie einen Computer, und meine Mannschaft war immer fit. Ich arbeite mit Bauchgefühl. Entscheidend ist, dass der Ball ins Tor geht. Ob sich der Spieler beim Schießen mit 90 oder nur mit 85 Prozent belastet, ist mir egal.

Nichts soll mehr dem Zufall überlassen bleiben. Glauben Sie auch wie Joachim Löw und sein Chefscout Urs Siegenthaler, Erfolg sei planbar?

Sehr vieles ist planbar, nur nicht der endgültige Erfolg. Es sind immer Imponderabilien im Spiel, das heißt Unwägbarkeiten. Wenn der Schiedsrichter wie bei unserem WM-Spiel gegen England nicht sieht, dass der Ball einen Meter hinter der Linie war, dann ist jede Planung für die Katz. Oder Hoffenheim, die müssten seit drei Jahren Deutscher Meister sein, weil sie ausgezeichnet planen und jeder einen Computer in der Tasche hat. Sie sind vergangene Saison aber Elfter geworden.

Wie arbeitet van Gaal?

Er nutzt die Möglichkeiten des Computers, ist ein Mann der klaren Anweisungen, immer geradeaus, ein akribischer, unvorstellbar fleißiger Trainer. Van Gaal kontrolliert alles.

Künftig sitzen Sie nicht mehr bei jedem Bundesligaspiel der Bayern neben ihm auf der Bank.

Es ist ihm wichtiger, dass ich mich um die Talente kümmere, bei den Profis für Nachschub sorge.

Sie sollen mit den Bayern einen Handschlag-Vertrag haben, nichts Schriftliches.

Ja, und so bleibt es. Wenn der Uli mir morgen sagt, Hermann, pass auf, du kriegst bis 65 dein Geld, aber du musst aufhören, dann sage ich: Weißte, Uli, behalt dein Geld, ich mach trotzdem weiter.

Im vergangenen Jahr haben Sie gesagt, es sei Ihr Traum, einmal bei der Meisterfeier auf dem Balkon des Münchner Rathauses zu stehen. Das passt so gar nicht zum Bild des uneitlen, öffentlichkeitsscheuen Hermann Gerland.

Ich will Ihnen mal erzählen, wie es am 9. Mai auf dem Rathausbalkon war: Unter mir der überfüllte Marienplatz mit lauter fröhlichen Menschen, neben mir unsere Spieler, die plötzlich ein Lied für mich singen. Für mich allein.

Und was haben die gesungen?

Ich weiß es nicht mehr.

„Hermann Gerland, du bist der beste Mann“ – das schmettern die Fans auch im Stadion.

Kann sein. Wissen Sie, ich bin ein besessener Fußballer, aber ich hatte noch nie einen Titel gewonnen. Und nun war ich dabei, wenn der renommierteste Verein Deutschlands einen Triumph feiert. Da habe ich an meine Bochumer Zeiten als Profi gedacht, wo Mutter meine Trainingsklamotten waschen musste, und wir Spieler, wir durften uns beim Mittagessen entweder für Suppe oder Nachtisch entscheiden. Da gab es nur entweder-oder, beides kriegte keiner. In mir war immer der Wunsch, einmal sagen zu können: Einer aus Bochum war ein bisschen am Gewinn der Deutschen Meisterschaft beteiligt. Und jetzt stand ich da auf dem Balkon und war überwältigt von dem Gefühl: Junge, du hier oben – es hat sich alles gelohnt!

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