Interview : "Die Politik soll der Kunst dienen"

Der CDU-Politiker und Kulturexperte Florian Schwanhäußer über das Verhältnis von Kunst und Politik, das politische Theater und Berlin als Kulturhauptstadt.

Herr Schwanhäußer, Sie haben im vergangenen Wahlkampf in Berlin mit außergewöhnlichen Aktionen das bundesweite Medieninteresse auf sich gezogen. Als erster Politiker haben Sie verfremdete Wahlplakate zur Kunstform erhoben und sogar eine so genannte Wahlkunstparty daraus gemacht.



Politik wird oft zu ernst genommen. Beim Kung Fu gibt es ein Prinzip, dass man die Energie einer Bewegung aufgreift, verändert und in die gewünschte Richtung umlenkt. Nichts anderes war unsere Wahlkunstparty. Wenn Menschen auf der Straße unsere Wahlplakate "verschönern" - warum tun wir das nicht auch selbst? Dabei handelte es sich nicht um einen reinen PR-Gag. Vielmehr bin ich fest davon überzeugt, dass man neue Wege in der Politikvermittlung gehen muss.

Eignet sich denn die Kunst als Medium für die Politik?

Als ehemaliger Theaterregisseur liegt es mir nahe, eine Aussage, die ich treffen will, nicht nur verbal zu formulieren, sondern sie durch ein künstlerisch-kreatives Mittel zu unterstreichen. Berlin ist eine Stadt, die zwar keinen Überseehafen und keine Wallstreet, aber eine weltweit einmalige Kulturszene hat. Deshalb soll man diese nicht immer nur den Finanzpolitikern oder den Verfassungsrichtern überlassen, die sie eher als zu kürzende Last ansehen. Kultur ist das Alleinstellungsmerkmal Berlins, in das man investieren sollte, anstatt immer zu jammern, wie teuer alles ist. Kultur macht die Identität dieser Stadt aus. Und an der Identität kann man nicht sparen. Deshalb habe ich im Wahlkampf mit Lothar de Maizière für eine bessere Politik musiziert und auch gegen Drogen getanzt.

Was sagen sie als Theater-Mann zum derzeitigen politischen Theater?

In Deutschland gibt es eine durchaus respektable Abneigung dagegen, zu viel Energie in die "Verpackung" von Politik zu stecken. Die äußere Erscheinung von Politik wird als "Show" angesehen, und es gehe doch mehr um "Inhalt". Andererseits ist es nicht zu bestreiten, dass die äußere Erscheinung von Politik Wirkung entfaltet. Wie anders wäre es zu erklären, dass mal eine Umfrage ergeben hat, dass sich die Deutschen am liebsten Günter Jauch als Bundeskanzler wünschen. Wenn BMW versuchen würde, seine Autos so zu verkaufen, wie wir teilweise Politik anbieten - dann wären sie schon längst pleite oder von den Chinesen aufgekauft.

Gibt es denn in der Politik, wie beim Theater, überhaupt eine innere Wahrheit?

Äußere Erscheinung und innere Wahrheit bedingen sich gegenseitig. Jeder der mal am Theater gearbeitet hat, kennt diese Erfahrung: es gibt einen Moment, wo eine Szene plötzlich "stimmt". Auch wenn äußerlich kaum etwas geändert wurde, aber plötzlich geht so ein stummes Raunen durch den Saal, jeder spürt das, nicht nur der Regisseur, auch die Souffleuse, der Requisiteur, jeder. Es ist wie ein Aufatmen sozusagen, "jetzt ist es stimmig". Diese Arbeit schult einen Sinn für die Wahrnehmung von innerer Wahrheit. In der Politik ist es viel schwerer, diese Wahrnehmung nicht zu verlieren, denn da werden Prozesse häufig von Mehrheiten, von Rücksichten auf Interessengruppen und vielen anderen Dingen beeinflusst. Daran muss man immer wieder arbeiten, dass man diese innere Wahrheit nicht aus dem Auge verliert.

Wie bewerten Sie das Spannungsverhältnis von Kultur und Politik?

Kultur und Politik stehen in einem gegenseitigen Dienstleistungsverhältnis. Dienstleistung hat etwas mit Dienen zu tun. Die Politik soll der Kunst dienen, weil die Kunst der Gesellschaft dient. Aber die Kunst muss auch genau das tun, nämlich der Gesellschaft dienen, z.B. in dem sie berührt, erschreckt, tröstet, aufregt, belehrt, verschüttete Gefühle zugänglich macht.

Bevor damals das Schillertheater geschlossen wurde, haben die Schauspieler für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstriert. Das zeigte, dass sie ein Bewusstsein verloren hatten, warum ein Gemeinwesen überhaupt ein Theater finanziert. Sie hätten für ihr Publikum demonstrieren müssen, damit dieses weiterhin die tollen Vorstellungen zu sehen bekommt. Dann hätten sich vermutlich in der Gesellschaft auch mehr Menschen gefunden, die gesagt hätten, "das Schillertheater muss bleiben!". Dieses Bewusstsein ist leider auch heute unter Künstlern wenig verbreitet. Das sieht man z.B. an der Operndebatte. Die drei Berliner Opern sind noch immer nicht in der Lage, ihre Spielpläne so aufeinander abzustimmen, dass zumindest in einem Haus an jedem Abend eine "Oper" gespielt wird, und nicht etwa Ballett -Schließtag - Kinderoper und am nächsten Tag zwei mal Zauberflöte. Die Freiheit der Kunst soll sich auf der Bühne entfalten. Wenn sie sich auch bei der Logistik der Spielpläne entfaltet, ist das nicht Kunstfreiheit, sondern Unfähigkeit.

Ist die Opernstiftung da auf dem richtigen Weg?

Der Direktor der Opernstiftung wurde zwischen Intendanten und Generalmusikdirektoren zerrieben, die anscheinend mehr das Interesse ihres jeweiligen Hauses sahen, und einem schwachen Kultursenator ohne Rückendeckung im Senat. Berlin müsste sich darauf besinnen, dass es das Potenzial hat, "die" Opernstadt der Welt zu sein. Der Slogan könnte sein "In Berlin können Sie an 365 Tagen in die Oper gehen". Dazu müsste man eher noch ein - privat finanziertes - viertes Opernhaus gründen, damit auch im Sommer durchgespielt werden kann. Wieso müssen eigentlich alle Opern gleichzeitig Theaterferien machen? Wegen Schulferien und öffentlichem Dienstrecht - oder wegen der Zuverdienstmöglichkeiten der Künstler in Bayreuth und Salzburg?

Wie sieht die Zukunft der Kultur in Berlin aus?

Ich habe den Eindruck, in Berlin ist man sich, trotz gegenteiliger öffentlicher Bekenntnisse, nicht wirklich bewusst, welchen Schatz diese Stadt in seiner Kultur hat. Schätze muss man polieren, dass sie weit in alle Welt glänzen, und nicht ramponieren und zugrunde sparen. Viele Städte schmücken sich mit einem herausragenden Künstler: Bonn mit Beethoven, Salzburg mit Mozart, Leipzig mit Bach - auch wenn der in Eisenach geboren wurde. Warum gibt es in Berlin noch keine Mendelssohn-Festwochen? Mendelssohn, zwar in Hamburg geboren, jedoch einer jüdisch-christlichen Berliner Familie entstammend und seit seinem zweiten Lebensjahr in Berlin ansässig, könnte auch in einer modernen polykulturellen Gesellschaft ein integratives Signal darstellen.

Das Interview führte Dirk Hoenerbach. ()

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