Interview : Edle Spender, gnadenlose Egoisten

Affe und Mensch: Anthropologe Volker Sommer über das Sozialverhalten des Homo sapiens

Herr Sommer, Sie lehren in London evolutionäre Anthropologie. Wie lässt sich die Wissenschaft vom Menschen mit Ihrem Ruf als Primatologe verbinden?

Vor ein paar Millionen Jahren gab es bekanntlich noch keine Menschen, sondern nur Vorfahren von heutigen Menschen: andere Tiere, mit denen wir unsere Geschichte teilen.

Andere Tiere?

Ein Makake ist kein Mensch; ich bin kein Pavian. Aber es gibt so viel Überlappung, dass es für mich nicht plausibel wäre zu sagen: Einerseits gibt es die Menschen und andererseits die Tiere. Ich versuche, uns Menschen als Tiere einer besonderen Art zu begreifen. Das wird zwar kontrovers diskutiert. Aber mittlerweile gibt es viele evolutionäre Anthropologen, die meinen, dass man eigentlich unseren Gattungsnamen „homo“ ersetzen sollte durch einen Namen, den Menschen mit Schimpansen und Bonobos teilen. „Pan“, das ist die Gattung unserer allernächsten Verwandten. Ich wäre gern ein „pan sapiens“.

Gibt es denn etwas, das Sie gerne hätten, was die Affen uns voraushaben?

Ich begreife dieses graduelle Denken doch nicht als Wettbewerb! Wir sind etwas ganz Besonderes. Andere aber auch. Und wir teilen vieles von unserem ganz Besonderen mit unseren allernächsten Verwandten.

Das Denken? In Kafkas Erzählung „Bericht für eine Akademie“ behauptet der Mensch gewordene Affe: „Affen denken mit dem Bauch.“ Vielleicht wären wir gerne durch unseren Instinkt entlastet?

Das Wort Instinkt wird von modernen Verhaltensbiologen vermieden, denn es bedeutet, dass ein Verhalten starr und festgelegt ist. Und wenn wir über Intelligenz reden, dann reden wir lieber von Intelligenzen: Je nach Lebensumwelt haben unterschiedliche Organismen Arten und Weisen, wie sie in dieser Umwelt zurecht kommen. So liegt für Schimpansen die Herausforderung nicht in Situationen, in denen sie einander unterstützen, sondern im Wesentlichen in Wettbewerbssituationen.

Das klingt nicht schön, aber vertraut. Es geht also auch in Affengesellschaften um Konkurrenz und Hierarchie?

Wir sollten uns klar machen, dass Rangordnungen dem Einzelnen eine große Sicherheit geben. Rangordnungen sind Konfliktvermeidungsmechanismen. In Systemen, in denen die Stärkeren sich etwas nehmen können, was die Schwächeren auch haben wollen, ist es auch für die Schwächeren besser, wenn sie ihren Platz kennen und akzeptieren, als wenn sie sich immer wieder um die Melone streiten und vom Alpha-Affen einen auf die Nuss kriegen.

Zum Glück hat sich in empirischen Untersuchungen herausgestellt, dass Menschen nicht nur raffgierige Ego-Tiere sind: Sie kooperieren; sie geben ab und teilen.

In der Tierwelt ist es im Prinzip so: Wenn es wichtig ist, dass ich etwas haben muss, dann werde ich versuchen, das mit Aggressivität zu erlangen. Und wenn ich clever bin, werde ich versuchen, mit anderen zu kooperieren, weil ich unter Umständen alleine weniger habe, als wenn ich mit dreien oder vieren zusammenarbeite und das gemeinsam Eroberte teile. Aber Teilen ist dann kein selbstloser Akt. Das schöne Geben aus Großzügigkeitkann zwar vorkommen, doch man nennt es „kostspieliges Signalisieren“.

Weil Status und Image auch für Affen eine Rolle spielen?

Man kann das mit den besonders Reichen vergleichen, die eine wohltätige Stiftung einrichten. Die haben natürlich trotzdem noch ihre Millionen irgendwo auf den Bankkonten. Aber wir denken besser über sie, weil sie edle Spender sind.

Das passt zu Ihrer These: Alle Primaten treibt das Prinzip Eigennutz durchs Leben.

Das Prinzip Eigennutz ist nach meiner Überzeugung das Element, das Sozialverhalten hervorgebracht hat. Es ist wahrscheinlich so, dass der Antrieb für Sozialverhalten aus der Konkurrenz kommt. Der wahre Egoist kooperiert.

Die Philosophen machen sich seit der Antike Gedanken, ob das Eigeninteresse der einzige Motor des Handelns ist.

Aus biologischer Sicht entsteht Sozialverhalten zunächst durch das Prinzip der Verwandtenunterstützung und das Interesse an der Fortpflanzung eigener Gene. Wenn Fremde kooperieren, gilt das Prinzip der Gegenseitigkeit: Kratzt du mir den Rücken, kratz ich dir den Rücken. Das ist speziell bei Affengesellschaften sehr schön zu beobachten. Die Körperteile, die man nicht selber einsehen kann, also die Rückseite des Kopfes, der Rücken oder die Augenpartie – die werden oft von anderen gepflegt. Und ich tue das bei dem anderen dann auch.

Und wenn ich mir die Gegenleistung schenke?

Gegen die Gefahr des Betrugs entwickeln sich Sicherheitsmechanismen. In der Regel werde ich erstmal nur eine kleine Vorleistung bringen und gucken, ob sich der andere revanchiert. Dann geht das Spiel von neuem los. Im übrigen gibt es die Hypothese, dass sich unsere Intelligenz im Laufe der Evolution deshalb entwickelt haben soll, weil wir ständig in Gefahr sind, von anderen betrogen zu werden und natürlich die Möglichkeit haben, selber zu betrügen. Diese Rüstungsspirale zwischen Betrogenwerden und Selbertäuschen nennt man die Hypothese der machiavellischen Intelligenz.

Demnach wären Mensch und Tier im Antimoralismus vereint. Aber vielleicht würden Sie bei „unseren nächsten Verwandten“ gar nicht von Moral sprechen?

Es gibt wahrscheinlich so etwas wie moralistische Aggression. Wenn ich jemandem geholfen habe in einer Affengesellschaft und der andere hilft mir überhaupt nicht – dass ich dann aggressiv werde gegenüber demjenigen, der nur Trittbrettfahrer bleibt. Aber die Analysen dieser hochkomplexen Gesellschaften sind noch in den Anfangsstadien. Wir verstehen vieles noch nicht. Das gilt ja auch für Menschengesellschaften: Wie oft erklären Menschen, warum sie etwas getan haben. Und wie oft stehen diese verbalen Erklärungen im krassen Gegensatz zu dem Ergebnis der vorhergegangenen Versuche.

Ist es denn sinnvoll, unser Handeln vernünftig zu begründen? Einige Biologen und Neurowissenschaftler behaupten doch, unser Tun und Lassen sei unfrei, von Natur aus festgelegt.

Selbstverständlich gibt uns die Biologie den Rahmen vor, innerhalb dessen wir agieren können. Sie macht uns Verhaltensvorschläge, so dass wir dazu neigen, etwas zu tun. Aber es sind keine Vorschriften. Das würde auch von der Evolution nicht belohnt. Dann wäre man nämlich so unflexibel, dass man ausstirbt, wenn sich die Situation in der Umwelt ändert.

Ist das wieder der Punkt, an dem nicht von Instinkt, sondern von Intelligenzen die Rede sein sollte?

Ja, um die Flexibilität des Verhaltens zu betonen. Für uns Forscher ist die Entdeckung, dass sich nicht nur Menschen je nach Lage anders verhalten, wirklich aufregend. Man wird immer wieder überrascht. Zum Beispiel hat man lange geglaubt, dass kulturelle Vielfalt eine Besonderheit der Menschen sei. Bis sich herausstellte, dass es auch bei Schimpansen die unterschiedlichsten Sitten und Gebräuche gibt. Trotzdem fasziniert uns der Gedanke, dass Tiere ganz anders als Menschen, nämlich spontan und fraglos leben.

Nur unser Ende steht von Anfang an fest. Bleiben Tiere vom Bewusstsein der eigenen Endlichkeit verschont?

Angst und Verzweiflung gibt es auch bei Menschenaffen. Wahrscheinlich können sie sich auch vor etwas fürchten, das in der Zukunft eintreten kann. Ob Tiere die Unumkehrbarkeit des Todes verstehen, ist umstritten. Es gibt aber Hinweise darauf. Zum Beispielm wenn ein Orang-Utan-Mann einen toten Artgenossen in der indonesischen Wildnis findet und vor ihm sitzenbleibt. Er betrachtet dieses tote Individuum. Was überlegt sich dieser Orang-Utan? Dass etwas zuende ist? Oder denkt er gar nichts? Es ist schwierig für uns, hier Zuschreibungen zu machen, weil wir ja nicht direkt mit anderen Tieren kommunizieren können. Sie können uns nicht sagen, was sie denken.


Volker Sommer, geboren 1954, lehrt seit 1996 am University College London Evolutionäre Anthropologie. Bei C.H. Beck ist gerade sein Buch "Schimpansenland" erschienen.


Das Gespräch führte Angelika Brauer

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