Interview : "Eine prägende Zeit meines Lebens"

Der ehemalige Intendant Georg Quander über die Verhältnisse der Staatsoper Unter den Linden und die Arbeit mit Generalmusiker Daniel Barenboim.

Frederik Hanssen
Quander
Georg Quander, 1950 in Düsseldorf geboren, kam 1979 zum RIAS, war von 1991 bis 2002 Intendant der Berliner Staatsoper und wurde...Foto: dpa

Herr Quander, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an die Lindenoper denken?

Es war eine prägende Zeit meines Lebens. Wir haben das Haus damals völlig neu aufgebaut und zu dem gemacht, was es heute ist. Wenn ich sehe, dass die Staatsoper jetzt vor die Wand zu fahren droht, lässt mich das natürlich nicht kalt.

Können Sie den Schuldigen ausmachen?

Wenn sich drei nicht einigen können, dann liegt es an allen, nicht nur an einem.

Fordert Generalmusikdirektor Daniel Barenboim zu Recht eine Gehaltserhöhung für seine Musiker?

Ich war Mitte der neunziger Jahre der Erste, der für eine Gehaltserhöhung der Staatskapelle kämpfte. Damals hat Barenboim das Thema nicht interessiert, weil er ja zu den Berliner Philharmonikern wollte. Die Staatskapelle wurde für ihn erst Thema, als sich die Philharmoniker für Simon Rattle entschieden hatten. Als wir in der Frage bei der Politik nicht vorankamen, wollte er das Ballett opfern, um Mittel für die Musiker freizubekommen. Wenn ich mich nicht quergelegt hätte, gäbe es heute kein Staatsballett. Es ging immer darum, Ressort-Egoismen auszugleichen. Ich halte eine weitere Erhöhung der Gehälter der Staatskapelle nicht für erforderlich, viel wichtiger wäre es, den Staatsopernchor angemessen zu bezahlen.

Wie war es, unter Daniel Barenboim Intendant zu sein?

Der Intendant eines Opernhauses von dieser Tradition und Bedeutung muss sich vor allem dem Institut verpflichtet fühlen. Man profiliert sich als Staatsopern-Intendant dadurch, dass das Haus reibungslos funktioniert. Und wenn man dann noch einen Weltstar an seiner Seite hat, muss man sich als Intendant doppelt zurücknehmen. Das heißt nicht, Barenboims Bedürfnisse diskussionslos hinzunehmen, aber man muss sich bemühen, das Wohl des Hauses mit den Interessen des Stars in Einklang zu bringen. Hat man aber zwei starke Persönlichkeiten, von denen jede nur ihren eigenen Interessen nachgeht, kann es nicht funktionieren.

Wie funktionierte der Alltag konkret?

Barenboim war damals auch künstlerischer Leiter, ich war Intendant. So stand es auf dem Papier. De facto sah es so aus, dass ich mit Barenboim ausschließlich über seine eigenen Produktionen geredet habe. Danach kam alles andere, da hatte ich volle Freiheit. Er hat nie nachgefragt und die Spielzeit im Grunde erst zur Kenntnis genommen, wenn sie zur Jahrespressekonferenz gedruckt vorlag. Von den 100 Neuinszenierungen, die während meiner Zeit entstanden sind, hat er keine einzige gesehen, es sei denn, er stand selber am Pult. In einer Repertoireaufführung war er nie.

Wäre es jetzt nicht am einfachsten, Barenboim das Haus alleine führen zu lassen?

Das geht nicht, weil er von dem Betrieb keine Ahnung hat – und auch nicht haben muss. Es kam vor, dass er mich nach einer Pressekonferenz, bei der viele Mitarbeiter zugehört hatten, fragte: Wozu brauchen wir diese ganzen Leute? Das bezog sich im Wesentlichen auf das technische Personal und die Werkstätten. Seine Haltung ist: Ich brauche kein Kraftwerk, bei mir kommt der Strom aus der Steckdose. Wer ein Haus leitet, sollte die funktionalen Zusammenhänge begreifen.

War es falsch, einen inszenierenden Intendanten wie Peter Mussbach zu holen?

Ich habe Mussbach ja als Gastregisseur an die Staatsoper geholt, weil ich seine Inszenierungen damals sehr schätzte. Dabei habe ich seine Arbeitsweise naturgemäß sehr gut kennengelernt und war darum von vornherein der Überzeugung, dass Mussbach als Intendant eine Fehlbesetzung ist. Ich habe das der damaligen Kultursenatorin Adrienne Goehler gesagt, die die Berufung politisch zu verantworten hatte, und auch Barenboim und allen Kulturpolitikern, die sich für das Thema interessierten. Es war ein Fehler, Barenboims Wahl einfach abzunicken, ohne kritische Beurteilung der Frage, ob Mussbach von seiner Persönlichkeitsstruktur her der Aufgabe überhaupt gewachsen war. Die Katastrophe, die jetzt eingetreten ist, war aus meiner Sicht absolut vorhersehbar. Das ändert nichts daran, dass ich die Art, wie jetzt mit Mussbach umgegangen wird, unfair finde. Es ist noch nicht lange her, dass sein Vertrag bis 2010 verlängert wurde. Interne Probleme gab es damals schon, doch die Politik traute sich nicht, Tacheles zu reden, weder mit ihm noch mit Barenboim.

Was sollte der Kultursenator jetzt tun?

In Berlin wird eine feige Kulturpolitik betrieben. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier alle vor Barenboim oder den ihm unterstellten Intentionen kuschen. Ich halte es für dringend erforderlich, dass Klaus Wowereit mit Barenboim ein ernstes Gespräch führt, um ihn zu fragen, ob er bereit ist, seine Ambitionen dem Wohl der Staatsoper unterzuordnen. Es kann nicht sein, dass ein solches Haus aufgrund künstlerischer Einzelinteressen ruiniert wird. Den Gedanken, die Staatskapelle, die seit über 250 Jahren zu den Konstanten des Hauses gehört, aus der Institution herauszulösen, halte ich für grundfalsch und gefährlich. Ich habe Barenboim übrigens immer als sehr rationalen Menschen erlebt, mit dem man Sachfragen konstruktiv bereden kann. Wenn die Staatsoper jetzt personell neu aufgestellt wird, muss klar sein, dass alle hinter dem Ziel, das Haus weiter nach vorne zu bringen, zurückstehen. Das galt übrigens in der langen Geschichte der Staatsoper für alle Chefdirigenten, für Gaspare Spontini im 19. Jahrhundert ebenso wie für Richard Strauss und Herbert von Karajan in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Klaus Wowereit muss Daniel Barenboim verpflichten, im Team zu arbeiten.

Und wenn er dazu nicht bereit ist?

Dann muss man die Zukunft des Hauses ganz neu denken.

Was raten Sie Peter Mussbach: Soll er demissionieren oder standhalten?

Ich habe den Eindruck, die Situation ist für ihn chancenlos. Wenn ich von den Schreiben der Personalvertreter und der leitenden Mitarbeiter lese, die seinen Abgang fordern, wird mir allerdings schlecht: Das ist dieses typische „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“-Verhalten, wie es am Theater üblich ist. Diese Briefe haben doch dieselben Leute unterzeichnet, die dem Intendanten bis vor kurzem noch, mit Verlaub, in den Arsch gekrochen sind. Jetzt, wo er am Boden liegt, treten sie schnell nach, um beim Nachfolger eine bessere Startchance zu haben.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben