Interview : Friedländer: "Gemischte Gefühle" beim Friedenspreis

Kaum jemand hat den Massenmord an den Juden in der NS-Zeit so schonungslos und eindringlich beschrieben wie Saul Friedländer. Ein Gespräch mit dem Friedenspreisträger 2007.

Nada Weigelt[dpa]
Saul Friedländer
Saul Friedländer. -Foto: dpa

New York/Los AngelesDer 74 Jahre alte israelische Historiker analysiert nicht nur die Vernichtungspolitik der Nazis, sondern geht vor allem auch dem Schicksal der Opfer nach. Zu seinen wichtigsten Werken gehört die erfolgreiche zweibändige Geschichte "Das Dritte Reich und die Juden", die 1998 und 2006 in Deutschland erschien. Dieses Jahr wird der in Los Angeles lehrende Wissenschaftler für sein Lebenswerk mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

"Saul Friedländer hat den zu Asche verbrannten Menschen Klage und Schrei gestattet, Gedächtnis und Namen geschenkt", heißt es in der Begründung der Jury. "Er hat den Ermordeten die ihnen geraubte Würde zurückgegeben, deren Anerkennung die Grundlage des Friedens unter den Menschen ist." Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa erläutert der als Kind deutschsprachiger Eltern in Prag geborene Jude, warum er den Preis am 14. Oktober in Frankfurt mit gemischten Gefühlen entgegennehmen wird.

Nächstes Jahr jährt sich zum 70. Mal die sogenannte Reichskristallnacht, die das sichtbare Fanal für die systematische Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten war. Haben die Deutschen Ihrer Meinung nach die NS-Zeit angemessen aufgearbeitet?

Allgemein kann ich das schwer sagen, weil ich dafür zu wenig in Deutschland bin. Aber die Deutschen, die ich treffe, also vor allem Wissenschaftler, Studenten und die Zuhörer bei Vorlesungen und Vorträgen, sind diejenigen, die am sensibelsten mit dem Thema umgehen. Selbstverständlich lese ich, dass jetzt eine These umgeht, nach der die Deutschen eigentlich auch die Opfer des Krieges waren - plakativ gesagt also eine Art Gleichstellung von Auschwitz und Dresden. Solche Debatten gab es immer wieder einmal, das kommt so in Wellen, etwa Ende der 50er Jahre oder auch während des Historikerstreits Mitte der 80er Jahre, als es um die Einzigartigkeit des Holocaust ging. Anscheinend gibt es solche Ansätze jetzt wieder.

Gibt es denn Forschungsgebiete zum Holocaust, bei denen Sie Nachholbedarf sehen oder sich eine andere Perspektive wünschen?

Wir haben zwei Richtungen in der Forschung. Ziemlich viele Historiker vor allem in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, sehen die Judenvernichtung als eine Art Nebenprodukt der nationalsozialistischen Politik, also etwa die These des deutschen Historikers Götz Aly, Hitler habe die Juden ihrer Besitztümer beraubt, um damit die "Volksgemeinschaft" ruhig zu halten. Meines Erachtens aber war die "Judenpolitik" ein Ziel an sich. Die "Lösung der Judenfrage", wie es hieß, war zentral für die NS-Politik im allgemeinen und besonders für Hitlers politische und ideologische Einstellung. Das war ein zentrales Ziel und nicht etwas, das zufällig oder nebenbei daherkam.

Die NS-Forschung hat sich lange besonders auf Systemfragen konzentriert. Ist sie nah genug an den Menschen, an den Quellen?

Wir bekommen ja immer noch neue Quellen, jetzt meistens aus den Archiven der ehemaligen Sowjetunion. Einige Kollegen, vor allem hier in den USA, aber auch in Deutschland, konzentrieren sich dabei auf eine kleine Stadt, ein Dorf. Sagen wir ein Städtchen im damaligen Galizien, der heutigen Ukraine. Dort lebten Ukrainer, Polen und Juden zusammen - und dann kamen die Deutschen und die Juden wurden ermordet. Wie sehr haben sich die Ukrainer und die Polen daran beteiligt? Was geschah nach dem Krieg? Was passiert heute? Diese Mikrogeschichte ist etwas ganz Hervorragendes, und ich wünsche mir noch mehr davon, weil wir dadurch die Beziehungen zwischen den lokalen Gruppen und den Deutschen besser verstehen.

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin war lange umstritten. Ist es Ihrem Eindruck nach eine angemessene Gedenkstätte geworden oder eher eine Touristenattraktion?

Ich halte das Dokumentationszentrum für wichtiger als ein abstraktes Denkmal wie das Stelenfeld. Heute weiß natürlich jeder, was die Betonpfeiler bedeuten und wofür sie stehen. Aber ob unsere Enkelkinder das noch wissen, ist fraglich. Man kann eine Gesellschaft nicht zwingen, sich an etwas zu erinnern. Sie erinnert sich oder sie vergisst. Und die Erinnerung verändert sich auch mit der Zeit. Nehmen Sie das Beispiel Frankreich. Dort gibt es in jedem kleinen Dorf ein Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, später wurden die Namen der Gefallenen aus dem Zweiten Weltkrieg hinzugefügt. Früher war das ein Ort der Erinnerung, ein heiliger Ort. Die Leute kamen hin, erinnerten sich, legten Blumen nieder. Heute macht das niemand mehr. Vielleicht wäre es auch noch etwas anderes, wenn es bei dem Holocaust-Mahnmal Namen gäbe wie bei der Vietnam-Gedenkstätte in Arlington. Da kommen immer wieder Besucher, die nicht Touristen sind, sondern Amerikaner, die trauern.

Martin Walser hat als Friedenspreisträger 1998 in seiner Dankesrede davor gewarnt, den Holocaust als ständige "Moralkeule" zu verwenden. Das sorgte damals für heftige Diskussionen. Werden Sie das Thema ansprechen?

Nein, das habe ich nicht vor. Ich habe, als ich 1998 kurz nach der Walser-Rede den Geschwister-Scholl-Preis bekam, in meiner kleinen Rede versucht, darauf zu antworten. Aber jetzt habe ich nicht die Absicht, das irgendwie aufzugreifen.

Walser sprach von einer "Instrumentalisierung von Auschwitz". Sehen Sie denn auch diese Gefahr?

Es kann schon sein, dass das Thema manchmal in einer überflüssigen Weise für politische Zwecke benutzt wird, und in diesem Sinn könnte man sagen, man sollte aufpassen. Aber die Frage ist doch, ob man seriös von diesen Themen spricht. Und dann gibt es keine moralischen Keulen, sondern es gibt Fragen, die man fragen kann und soll, und die auch relevant sind für die heutige Zeit. Welches Thema ich selbst bei meiner Dankesrede anspreche, möchte ich nicht sagen. Ich werde jetzt erstmal ein bisschen daran arbeiten.

Ihre Eltern sind in Auschwitz ermordet worden. Was für ein Gefühl ist es für Sie, in Deutschland mit einem deutschen Preis ausgezeichnet zu werden?

Ich bin dankbar für die große Ehre, die dieser Preis bedeutet. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ein Historiker, der sich direkt mit dem Holocaust beschäftigt, den Friedenspreis bekommt. Ich verstehe ganz genau, und so soll es auch sein, dass das Thema an sich ein Teil der Entscheidung war. Ich empfinde es deshalb als eine große Ehre und Verantwortung, weil ich fühle, dass ich die, die nicht da sind, durch diesen Preis mitrepräsentiere. Aber ich komme auch mit gemischten Gefühlen. Selbstverständlich kann ich nicht vergessen, dass ich da in Deutschland stehe - auch nach so vielen Jahren nicht. Ich denke immer, was hätten meine Eltern dazu gesagt? Man kann das nicht vergessen, und es wäre auch seltsam, wenn diese Frage nicht hochkäme, und deswegen spreche ich von gemischten Gefühlen.

Nach Ihren Lehraufträgen in Tel Aviv und Genf leben Sie jetzt in Los Angeles. Wollen Sie dort bleiben oder gehen Sie wieder zurück nach Israel?

Ich habe immer an zwei Orten gelehrt. In Genf und Tel Aviv bin ich pensioniert worden, aber hier in den USA gibt es keine Altersgrenze. Ich lehre gern und deshalb bin ich hier. Ich will das noch ein, zwei Jahre machen - solange ich das Gefühl habe, dass ich den Studenten noch etwas beibringen kann. Und dann schauen wir mal.

Wie empfinden Sie die Stimmung in Amerika gegenüber den Deutschen? Gibt es da Zweifel, ob den Deutschen die Aufarbeitung ihrer Geschichte ausreichend gelungen ist?

Ich habe nicht den Eindruck, dass es hier irgendwelche antideutschen Reflexe gibt. Im Gegenteil: Ich habe umgekehrt das Gefühl, dass es in Deutschland einen sehr starken Anti-Amerikanismus gibt, und zwar nicht nur wegen Präsident (George W.) Bush. Sicher hat die Politik im Irak noch dazu beigetragen, aber das sitzt tiefer. Und es betrifft auch nicht nur die ältere Generation, sondern auch junge Leute. Das ist irgendwie beunruhigend.

Nach der Fußball-Weltmeisterschaft wurde allerorten der "unverkrampfte Nationalismus" gelobt, den Deutschland gezeigt habe. Dürfen sich die Deutschen so etwas nach ihrer Geschichte überhaupt erlauben?

"Selbstverständlich. Wenn man eine Fußball-WM ausrichtet, ist es ein ganz normales nationales Gefühl, dass man sich darüber freut und das Ganze zelebriert. Für mich zeigt das nur, was mir schon vor Jahren klar war: dass Deutschland wieder eine ganz normale Gesellschaft ist und das auch sein sollte.

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