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Interview : Haiti – von Gott verlassen

15.01.2010 00:00 Uhr
318370_0_6d7c6b04.jpg Foto: pa/dpaBild vergrößern
Hans Christoph Buch - Foto: pa/dpa

Das Erdbeben trifft ein kaputtes Land: Gespräch mit dem Schriftsteller und Karibik-Kenner Hans Christoph Buch.

Herr Buch, wenn es einen Gott gibt, dann scheint er Haiti zu hassen.



Genau das ist das Gefühl der Haitianer. Sie sind sehr religiös und abergläubisch. Nun denken sie, dass Gott sie verlassen habe oder dass Haiti sogar vom Satan dominiert werde, wie es evangelikale Sekten behaupten. Schon vor dem jetzigen Beben hatte es Hurrikane und Überschwemmungen gegeben. Bis 1986 herrschten die Diktatoren „Papa Doc“ und „Baby Doc“ Duvalier, dann wurden die Menschen vom Präsidenten und Hoffnungsträger Jean-Bertrand Aristide enttäuscht. Die Korruption ist Alltag, und zuletzt gab es eine Welle von Entführungen und Morden.

Zudem nutzt die kolumbianische Drogenmafia Haiti als Transitland. Haiti wird geplagt wie das Ägypten der Bibel.

Dieses Erdbeben ist nicht das erste, das Haiti erschüttert. Es heißt, man hätte es vorhersehen können.

Schon 1770 zerstörte ein Beben Port-au- Prince. Die zweitgrößte Stadt Haitis, Cap Haitien, wurde 1842 vernichtet. Das jetzige Beben war schon lange von den Geologen vorhergesagt worden. Als ich kürzlich einem haitianischen Religionssoziologen sagte, dass ein Beben bevorstehe, antwortete er: Es wird die Apokalypse.

Warum wirkt ein Beben in Haiti katastrophaler als anderswo?

Weil Haiti längst kaputt ist. Man hat die Wälder abgeholzt, um Holzkohle zu gewinnen. Das einst grüne Land besteht heute aus kahlen Bergen. Regen bleibt aus, und wenn es regnet, wird die fruchtbare Erde ins Meer geschwemmt. Dort sterben die Korallenriffe, die die Küsten schützen. Es gibt weder ein funktionierendes Straßennetz, noch Strom und Wasser.

Aber in vielen armen Ländern entwickeln die Menschen oft bewundernswerte Improvisationskünste.

Das ist der einzige Hoffnungsschimmer. Die Haitianer haben gelernt, mit Krisen fertig zu werden. Bisher gab es zu jeder Katastrophe noch einen Witz. Aber irgendwann ist selbst der Überlebenswille der Haitianer gebrochen. Ich befürchte, diesmal haben sie das Lachen verlernt.

Wieso haben es die Haitianer, die Ende des 18. Jahrhunderts ihre Sklavenhalter verjagten, nicht geschafft, einen funktionierendes Staat aufzubauen?

Zunächst muss man festhalten, dass Haiti das einzige Land der Welt ist, in dem die Sklaven die Sklaverei selbst abschafften. Die haitianische Revolution war ein erfolgreicher Spartakusaufstand, die Schwarzen verjagten eine Elitearmee Napoleons. Aber sie hatten nicht die Möglichkeit, einen funktionierenden Staat auf einer Insel aufzubauen, die komplett auf Importe angewiesen war. Haiti war ausgepresst worden, es bestand aus Zuckerrohr-, Kaffee- und Baumwollplantagen. Heute ist die Insel ökologisch zerstört. Und Politik war immer nur die Selbstbereicherung der herrschenden Klassen.

Dennoch nährte der haitianische Sklavenaufstand bis ins 20. Jahrhundert europäische Utopien von der Revolution.

Ach ja, Autoren wie Heiner Müller, die die Revolution lobten, waren doch nie dort. Zumindest war Haiti bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein fröhliches Land, wo für europäische Betrachter eine verführerische Sittenlosigkeit herrschte. Dann kam die Duvalier-Diktatur.

Welche Rolle spielen die USA?

Sie haben kein Interesse am rohstoffarmen Haiti und wollen nur Flüchtlingsströme von ihren Küsten fernhalten. Aber sie sind nicht die Hauptschuldigen an der Misere. Washington kann die Probleme dort genauso wenig lösen wie in Afghanistan. Haiti ist ein zerfallender Staat, eine UN-Truppe soll für Ordnung sorgen. Doch die 9000 Blauhelme sind nicht motiviert. Der UN-Kommandant, ein Brasilianer, hat sogar Selbstmord begangen – offenbar, weil seine Leute korrupt waren und er sich machtlos fühlte. In New York brütet man immer neue Ideen für Haiti aus, die genauso wenig funktionieren wie im Kongo oder im Kosovo.

Dabei war Haiti einst ein Reiseland.

In den fünfziger Jahren existierte ein blühender Tourismus. Haiti sprach Intellektuelle und Künstler an, weil es ein charmantes Land war, mit wunderbarer Musik, Malerei und Literatur. Graham Greene war da und hat „Die Stunde der Komödianten“ über die Duvalier-Diktatur geschrieben. André Breton meinte, dass man den Surrealismus in Haiti gar nicht mehr erfinden müsse. Auch Mick Jagger war begeisterter Haiti-Besucher.

Heute ankern die Kreuzfahrtschiffe vor der Küste. Die Touristen betrachten Haiti vom Meer aus.

Es ist noch verrückter. Kreuzfahrt-Touristen werden im Norden Haitis an einen eingezäunten Strand gebracht. Diese Sicherheitszone darf kein Einheimischer betreten. Aber man verrät den Touristen nicht, dass sie in Haiti sind, sondern sagt ihnen, sie seien auf „Magic Island“.

Was bedeutet die Zerstörung des Präsidentenpalasts und der Kathedrale in Port-au-Prince?

Es hat Symbolcharakter. Der Präsidentenpalast stand für die Unabhängigkeit Haitis und die Kathedrale für die katholische Kirche, die trotz der vielen evangelikalen Sekten wichtig ist. Ich befürchte, wenn der erste Schock vorüber ist und die Menschen merken, dass die internationale Hilfe mal wieder irgendwo versackt ist, wird es zu unkontrollierbaren Hungeraufständen kommen.

Was erwarten Sie langfristig?

Es wird möglicherweise eine Volksbewegung messianischen Charakters geben, die die Rückkehr Jean-Bertrand Aristides als Heilsbringer verlangt. Aristide ist unter den Armen nach wie vor beliebt. Es wird dann allerdings ein neuer Bürgerkrieg ausbrechen. Ich sehe schwarz.

Die Fragen stellte Philipp Lichterbeck.

Hans Christoph Buch, 64, reist regelmäßig nach Haiti. Der in Berlin lebende Autor schrieb zahlreiche Bücher über den Karibikstaat. Zuletzt erschienen ist „Das rollende R der Revolution“.

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