Interview : Hauptstadt der Ich-Container

Wie Kunsttheoretiker und Kurator Marius Babias den Neuen Berliner Kunstverein aus seinem Dornröschenschlaf wecken will.

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Marius Babias: Es spielt keine Rolle, woher ein Künstler kommt. -Foto: Kleist-Heinrich

Marius Babias kam 1962 in Rumänien zur Welt und 1974 nach Deutschland. Der Berliner Kurator, Kunsttheoretiker und Hochschuldozent leitete von 2001 bis 2003 die „Kokerei Zollverein“ in Essen. 2005 war er Kommissar des Rumänischen Pavillons auf der Biennale di Venezia. Zuletzt publizierte er „Die Spur der Revolte. Kunstentwicklung und Geschichtspolitik im Neuen Berlin“ sowie „Die Balkan-Trilogie“.

Babias tritt am 1. Januar als Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins (NBK) die Nachfolge von Alexander Tolnay an. Der heute 713 Mitglieder zählende Verein wurde 1969 als Initiative West-Berliner Bürger mit dem Ziel gegründet, aktuelle Kunst einem breiten Publikum bekannt zu machen.


Herr Babias, was reizt Sie als Kritiker und Kurator, der Institutionen eher skeptisch gegenübersteht, an einer bürgerlichen, vielleicht nicht mehr zeitgemäßen Einrichtung wie einem Kunstverein?

Am Kunstverein interessiert mich das Hier und Jetzt, nicht die Vergangenheit. Gerade in Zeiten der Globalisierung ist bürgerschaftliches Engagement ein aktuelles Thema. Insofern haben Kunstvereine eine neue Legitimation.

Wo wollen Sie den NBK positionieren?

Die frühere Funktion des Kunstvereins; die zwischen Galerie und Museum changierte, hat sich erledigt, weil die Galerien heute Ausstellungen auf Kunsthallen-Niveau machen. Ein Kunstverein ist ein öffentlicher Ort, der mit öffentlichem Geld arbeitet. Das ist ein eklatanter Unterschied zur Galerie.

In welchem Verhältnis steht der NBK zum anderen Berliner Kunstverein, der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst?

Wir haben ein gutes Verhältnis. Beide sind Kinder Westberlins. Heute ist Berlin die heimliche Hauptstadt des neuen Europas. Beide Kunstvereine, wie auch die anderen Berliner Kunstinstitutionen, müssen sich den neuartigen Phänomenen der Transkulturalität stellen.

Das klingt nach einer radikalen Neuerung. Stehen Ihre Mitglieder das durch?

Der NBK besitzt ein gutes Fundament. Die Mitarbeiter und die Mitglieder, die sich hier seit 50 Jahren engagieren, haben solide kulturpolitische Partnerschaften geschaffen, eine Artothek mit beinahe 4 000 Werken und ein Video-Forum mit 1000 Video-Arbeiten aufgebaut, die einmalig in Deutschland sind. Ich will das Bewährte neu akzentuieren und den bürgerschaftlich-demokratischen Gedanken mit künstlerisch-existenziellen Fragestellungen verbinden.

Als Stätte eines Theoriediskurses hat sich der NBK bislang nicht gerade profiliert.

Man sollte nie am Beispiel der Kunst Theorie illustrieren und umgekehrt Kunst mit Theorie aufladen. So will ich in den nächsten Jahren drei Buchreihen herausgeben: eine mit dem Titel „NBK Diskurs“, eine Künstlerbuchreihe und eine, die Berliner Kritiker und Themen würdigt.

Wie wird all das finanziert?

Unser Budget kommt von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin. Darüber hinaus stellt mir die Allianz Kulturstiftung Geld für ein Projekt zur Verfügung. Walther König steigt mit seinem Verlag in die Buchreihe ein. Gemeinsam mit der UdK starte ich ab 2008 eine Kunstvermittlungsprojekt, um jüngere, studentische Milieus an den NBK heranzuführen. Ab 2009, wenn die Mittel bewilligt sind, stoßen wir zu einem europäisches Netzwerk von Spitzeninstitutionen angehören, dem etwa das MACBA in Barcelona oder das Van-Abbe-Museum in Eindhoven angehören, aber bislang noch kein deutscher Kunstverein. Ein Baustein dieses EU-Projektes wird eine Art Residenz sein, ähnlich dem Stadtschreiber-Modell, bei dem Künstler, Kunstkritiker, Theoretiker für drei Wochen oder Monate in der Stadt eingeladen werden.

Und wie wird sich das veränderte Europa im Programm niederschlagen?

Ich will weg von der alten Ost-West-Teilung und zeigen, dass sich hier Neues artikuliert. Wir haben noch die Spätphase des Kalten Krieges erlebt, aber es gibt zunehmend Künstler, die sich in einer neuen transkulturellen Sprache artikulieren. Das formuliert sich im Osten anders als im Norden oder Süden. Mich interessiert: Was passiert, wenn zwei Gegensätze aufeinanderprallen? Wie entsteht ein Drittes, Neues?

Können Sie das erläutern?

An der Arbeit von Dan Perjovschi aus Bukarest, einem internationalen Newcomer, lässt sich die Veränderung nachvollziehen: Er hat eine universelle ästhetische Form gewählt zwischen Graffiti, Zeichnung und Comicstrip. Es spielt keine Rolle, woher der Künstler kommt. Er reagiert mit seinen Bildgeschichten nur sensibler auf bestimmte Phänomene als wir im Westen, wo sich der wilde Kapitalismus in sanfterer Form über uns ergießt.

Also wird es im NBK auch wieder eine stärkere politische Debatte geben?

In Berlin fehlte bislang eine Institution, die beides bereitstellt: ein künstlerisches Angebot und die geistig-existenzielle Auseinandersetzung. Meist schlägt das Pegel in Richtung Konsumhaltung aus. Berlin ist die Hauptstadt der so genannten Identitätscontainer, wo man sich Segmente seiner Persönlichkeit zusammenbasteln kann, statt selbstkritisch seine Identität zu finden.

Zur geliehenen Identität gehören auch die Orte, an denen Kunst zu sehen ist. Berlin ist reich an pittoresken Locations, wovon beim NBK in einem ehemaligen Ladenlokal nicht die Rede sein kann.

In Zeiten, in denen Baustellen, öffentliche Toiletten und Schwimmbäder die Kulisse abgeben für Kunstevents, ist es schon wieder ein politisches Statement, sich zurückzuziehen in einen neutralen Raum. Silke Wagner wird im Sommer den Ort komplett entkleiden, die Stellwände entfernen und die Fenster wieder öffnen. Ich will den Raum nackt haben. Dann wird man erkennen, was dieser Raum für eine spröde Schönheit hat.

Das Gespräch führten Nicola Kuhn und Christiane Meixner

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